Editorial
Vier exotische Vögel stolzieren entlang der Glaswand und halten Ausschau nach den köstlichen Früchten der
Springhülsen der Akanthusranken. Die transparente Emailmalerei vor Schwarzlotgrund ziert ein Kothgasserglas um 1825. Wie kommt man auf die Idee, Glas zu sammeln, frage ich Sammler Christian Kuhn. Seit seinem 19. Lebensjahr sammelt der inzwischen renommierte Rechtsanwalt Böhmisches Glas des Biedermeier der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Sammelleidenschaft hat er von seinem Vater geerbt, das Lehrgeld musste er jedoch selber zahlen. Der Zugang zum Glas kam auf Umwegen. Der erste Erwerb, zwei Netuske, hat sich gleich als Fälschung herausgestellt. Kuhn konnte sie bei diesem Händler in zwei Gläser umtauschen und beim Glas ist er dann auch geblieben.
Vor allem die ästhetische Form hat es ihm angetan. Ein Schwerpunkt der Sammlung beinhaltet sogenannte Steingläser, über die er alles vom Sammler Arnold Bousson erfahren hat, der auch ein Standardwerk darüber herausgegeben hat. Beim Aufbau seiner Biedermeiersammlung war ihm besonders Glasexperte Michael Kovacek behilflich. Regelmäßige Besuche in der Galerie machten neugierig auf mehr und die Erwerbung des ersten Egermann’schen Glases, Mildnerglases und Kothgasserglases waren aufregende Momente, erinnert sich Christian Kuhn. Auf eine Epoche konzentrieren und Qualität vor Quantität setzen, sind die zwei Tipps, die er für jeden Neueinsteiger gibt. Das interessanteste Glasmuseum ist für Christian Kuhn das Kunstgewerbemuseum in Prag,
das in Besitz der Pazaurek-Sammlung ist, eine Biedermeiersammlung, die man gegen Voranmeldung im Depot besichtigen kann.
Das Wiener Liechtenstein Museum zeigt zur Zeit in den Räumlichkeiten der Bibliothek Kuhns feine Glassammlung,
gemeinsam mit der Porzellansammlung von Helmut Strasser. Beide verbindet eine langjährige Freundschaft
und ihr beider Sammelgebiet aus zarten zerbrechlichen Materialien kann auf eine Jahrtausende alte Geschichte
zurückblicken. Rudolf Strasser ist bekannt durch die Glasausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien. Er
wuchs in den goldenen Dreißigerjahren im elterlichen Barockschloss Majorhaza in der heutigen Slowakei auf. Dort
war alles verpönt, das nicht aus dem 17. oder 18. Jahrhundert war. Das stärkte seinen sicheren Blick und ersparte
ihm Fehlerwerbungen des späten 19. Jahrhunderts. Seine Porzellansammlung wird hier erstmals gezeigt. Ein
interessantes Rahmenprogramm ist im Prospekt angeführt, der bei unseren Abonnenten beiliegt. Lesen Sie mehr über die beiden Sammlungen in einem Artikel von Claudia Lehner-Jobst. Auf zwei außergewöhnliche Bücher zum
Thema Glas & Porzellan möchte ich noch hinweisen, beide Geschichten finden Sie in diesem Heft.
Ein bisschen Werbung in persönlicher Sache: Wir haben Weingärten im Kamptal erworben und machen seit einiger
Zeit mit dem Winzer unseres Ortes einen eigenen Wein. Mein Mann Michael Kovacek ist begeistert diesem
Hobby verfallen und freut sich über jeden Besuch in seiner Galerie, wo die Weine auch verkostet werden können.
Viel Lesevergnügen wünscht Ihnen
Charlotte Kreuzmayr
AutorInnen
Mitarbeiter Heft 4/2009: Mag.a Silvie Aigner, Prof. Peter Back-Vega, Daghild Bartels, Dr. Waltraud Bayer, Silvia von Bennigsen, Dr. Matthias Boeckl, Anna Brenken, Dr. Herbert Giese, Mag.a Daniela Gregori, Dr. Christina Hainzl, Dr. Marianne Hussl-Hörmann, Birgit Kilp, Dr. Bigi Kuhn-Forte, Franziska Lehner, Dr. Claudia Lehner-Jobst, Mag.a Fiona Liewehr, Monika Mertl, Dr. Ernst Ploil, Mag. Christian Preining, Dr. Maria Rennhofer, Dr. Edith Schlocker, Dr. Johanna Schwanberg, Dr. Walter Seidl, Mag.a Karla Starecek, Gudrun Weinzierl, Dr. Hanne Weskott, Franz Zoglauer.