Verena Dengler und die Farce vom Antikapitalismus

Die Denglerin (vulgo, Verena Dengler) zwingt uns in die Knie. Uns, das ist die Kunstszene mit allen die wir sind. Ein Kunstmagazin etwa, wie es Verena Dengler inmitten ihrer aktuellen Einzelausstellung in der Secession anstelle eines klassischen Ausstellungskataloges platziert. Wer ist sie, diese „Kunstszene“? Wo kommt sie her, wo geht sie hin und wie schuldig ist man als Künstlerin am Machterhalt der Kunstwelt?


 

1981 wird Verena Dengler in Wien geboren. Aufwachsen tut sie aber nicht in der Nähe bekannter Wienbilder, wie dem Stephansdom oder den Museen, sondern in der Nähe des Badeteichs Hirschstetten, im 22. Wiener Gemeindebezirk. Gleichsam der Künstlerin, die sich immer mehr vom Stadtrand in die Aufmerksamkeit der Szene drängt, drängt nun aber eben auch dieser Teich in die Stadtmitte. In seinem Wasser spiegelt sich ein Stück der Kunstgeschichte Wiens, hat Dengler doch eine Miniatur des Badeteichs kurzerhand in die Secession, und damit unter eine geschichtsträchtige Decke verlegt. Umgeben von scheinbar wildem Wucher und einer romantischen Bronzeskulptur von Barbara Urbanic, jener Religionshistorikerin mit der gemeinsam Verena Dengler ihre Schau „Die Galeristin und der schöne Antikapitalist auf der Gothic G’stettn (Corona Srezessionsession Dengvid-20 ?)“ entwickelte. Die Skulptur hält in der einen Hand einen Blumenstrauß und in der anderen ein iPhone. Das erzählt gleichsam von damals und heute. Damals nämlich, in der Gründungszeit der Secession, hat man die Verkaufsausstellungen blumenreich dekoriert, heute demaskiert man große Ausstellungskonzepte mit cleanen Handy-Shots für Instagram.

Heute verkauft man auch nicht mehr im Museum, sondern auf Messen. Verena Dengler kombiniert die scheinbaren Fronten nun pietätsbefreit in ihrer Schau. Die Mechanismen der Kunstwelt interessieren Dengler als Reibebaum, nicht aber als Gussform ihres Werks – oder aber doch? Es gilt ein Nebeneinander von Widersprüchen. Beispielhaft in Form des alternativen Kunstmagazins, das voll von Anzeigen im Ausstellungsraum liegt oder wenn sie in Messearchitekturen reine Verkaufspräsentationen imitiert. Sie wehrt sich gegen das Heckmeck zwischen Szene und Off-Szene und stellt einen vermeintlichen Projektraum einer angeblichen Blue Chip Galerie gegenüber – gleichsam einer Theaterkulisse. Bis zu den Red-Bull-ähnlichen-Getränken in der Messekoje perfektioniert Dengler das Abbild, ohne dem Ebenbild rechtzugeben. Ihr schärfster Kommentar liegt wohl in ihrer Teilhabe, die auch ein Aufdecken ist, ein Zeigen der Mechanismen des Kunstbetriebs, karikiert in seinen Ästhetiken und Funktionen – denn auch Verena Denglers Ausstellung ist eine Verkaufsausstellung. Humoristisch schizophren also, wie auch die Ausstellungsgestaltung zwischen „Gstetten“ und Verkaufskojen. Auch die Secession nutzt die Verkaufsfläche und präsentiert ihren neuen Secessionsflügel – eine Kooperation mit Bösendorfer und ein Detail zur weiteren Irritation im Raum beiträgt.

Verena Dengler, Die Galeristin und der schöne Antikapitalist auf der Gothic G’stettn (Corona Srezessionsession Dengvid-20 ?), Ausstellungsansicht Secession 2020 © Foto: Parnass

Das Nebeneinander von Natur und Kultur verflechtet sich nur theoretisch zum Dialog, im realen Ausstellungsraum aber doch als Parallelgeschehen auftaucht, das man nicht gleich versteht und erst erst geistig zusammenfügen muss. Vielleicht sind es zu viele Themen, die Dengler im großen Hauptsaal der Secession, der eben doch nur ein Raum ist verwebt, vielleicht will sie den Besucherinnen und Besuchern aber auch einfach eine Auswahl an Anknüpfungspunkten bieten, um mehr Wert auf Individualität und das Subjekt zu legen, als der Kunstmarkt es tut, gegen den sie sich nun – ausgerechnet mit einer Verkaufsausstellung – wendet. Sehenswert ist das allemal, vielleicht ist es sogar großartig.

Verena Dengler, Die Galeristin und der schöne Antikapitalist auf der Gothic G’stettn (Corona Srezessionsession Dengvid-20 ?), Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Apollonia T. Bitzan

Secession

Friedrichstraße 12, 1010 Wien
Österreich

Cover DOROTHEE GOLZ Madonna mit den weißen Federn, 2011 C-Print/ Diasec , 130 × 98 cm © by the artist

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