Gelatin und Liam Gillick in der Kunsthalle Wien

Revolution, Styropor und neoliberale Schweine

Gelatin & Liam Gillick. Stinking Dawn, Kunsthalle Wien 2019 © eSeL.at - Lorenz Seidler

Mit ihrem performativen Projekt „Stinking Dawn“ lässt die Künstlergruppe Gelatin gemeinsam mit Liam Gillick ein Filmset in der Kunsthalle entstehen. Partizipativ und spontan kann sich das Publikum bis zum 13. Juli 2019 daran beteiligen. Es geht um Revolution, eine Stadt aus Styropor und neoliberale Schweine.


Meterhohe Säulen und Quader lehnen wie zufällig aneinander, bilden Treppen und schräge Flächen. In dünn gesprayten Schriftzügen steht darauf „Why do need power?“, „Your party must be rebuilt“ oder „Can we tickle your feet?“. Wie eine verlassene Stadt aus Stein breitet sich die Architektur in der Obergeschoss der Kunsthalle im Museumsquartier aus. Obwohl sie etwas Raues ausstrahlt, durchbricht ein überdimensionales Sofa im hinteren Bereich die Strenge und lässt den Raum ins Absurde driften. Was ist das für ein Ort?

Die Wiener Gruppe Gelatin und der in New York lebende Künstler Liam Gillick gestalten hier gemeinsam mit anderen Akteuren ein Filmset für ihr Projekt „Stinking Dawn“. Gillick schrieb das Drehbuch und führt Regie, die Mitglieder von Gelatin agieren als Darsteller. Grobe Szenen stehen zwar fest, jedoch gibt es keine Choreografie – alles ist improvisiert.

Gelatin & Liam Gillick. Stinking Dawn, Kunsthalle Wien 2019 © eSeL.at - Lorenz Seidler

Gelatin & Liam Gillick. Stinking Dawn, Kunsthalle Wien 2019 © eSeL.at - Lorenz Seidler

In diesen Raum, der täglich umgebaut wird, kann das Publikum bis 13. Juli 2019 aktiv eingreifen. Dabei geht es um „ehrliche Open-Doors“, wie Direktorin Sabina Sabolović erklärt, die mit ihren Kolleginnen des WHW-Kollektivs Ivet Ćurlin und Nataša Ilić kürzlich die Leitung der Kunsthalle übernommen hat.

Bis dahin wird sich die Schau von Tag zu Tag verändern.

Die beiden Kuratoren Lucas Gehrmann und Luca Lo Pinto sprechen von einem unkonventionellen und hierarchiearmen Projekt, das durchaus auch scheitern kann und darf. Nach der Produktionsphase werden erste Video-Ausschnitte zu sehen sein, der finale Film aber erst nach Ende der Ausstellung im Herbst. Bis dahin wird sich die Schau von Tag zu Tag verändern. Bereits am Eröffnungsabend wurden Teile der Styropor-Skulpturen versetzt und vom Publikum in Besitz genommen. Im Zentrum steht eine meterhohe Pyramide mit sich nach oben verjüngenden Abstufungen. Erklimmt man diese, gibt das Material nach, jede Bewegung bringt die Skulptur leicht ins Schwanken.

Bekannt für ihre gigantischen Kothaufen, greifen die vier Skandalkünstler von Gelatin mit ihrer performativen Arbeit in bestehende Räume ein. Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither und Tobias Urban hatten schon länger die Idee gemeinsam mit Liam Gillick ein Projekt zu verwirklichen. Gillick ist Buchautor, Künstler und Kunstkritiker. Für das Filmskript orientierte er sich teilweise an dem 1998 erschienenen Buch „To Live and Think Like Pigs“ des französischen Philosophen Gilles Châtelet (i.O. „Vivre et penser comme des porcs. De l’incitation à l’envie et à l’ennui dans les démocraties-marchés“).

Mit den Schweinen sind neoliberale Egomanen gemeint, die nur an ihrem eigenen Vorteil interessiert sind. Anhand von vier „bedauernswerten jungen Snobs“ – die von Gelatin gespielt werden – üben die Künstler an herrschenden Machtstrukturen Kritik. Sie fragen sich, wie man im heutigen Post-Linksradikalismus überleben kann und was bedeutet es ein Revolutionär zu sein?

Gelatin & Liam Gillick. Stinking Dawn, Kunsthalle Wien 2019 © eSeL.at - Lorenz Seidler

Gelatin & Liam Gillick. Stinking Dawn, Kunsthalle Wien 2019 © eSeL.at - Lorenz Seidler

In zerrissener Kleidung, Unterwäsche und hautfarbenen Kostümen, an denen Geschlechtsteile aus Stoff baumeln, stehen die Mitglieder von Gelatin und andere Akteure in einer mit Rundbögen überdachten Nische und bewegen sich zu E-Gitarrenklängen und Trommelschlägen. Repetitiv werden Textfragmente, wie „I´ve come searching for you, needing to talk to you“ oder „No more chicken soup“ ins Mikrofon gesungen. Menschen mit Holzplatten an den Füßen stampfen auf den Boden, biegen ihre Rücken durch, machen Kopfstände, entkleiden sich. Schließlich galoppieren sie auf allen Vieren durch das Publikum. Jenes hat inzwischen die schmalen Gassen erobert und die Mauern der grauen Stadt zum Leben erweckt.

Kunsthalle Wien

Museumsquartier
Museumsplatz 1
1070 Wien
Österreich

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