„Kunstbedürfnisanstalt“ nennt Lieselott Beschorner ihre Einzelausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich in Krems. Eine kleine Rache, die sie sich nicht verkneifen konnte. Mit 93 Jahren ist die lange nur für sich arbeitende Künstlerin so präsent wie nie zuvor. Mehr Drache als Dornröschen, trotz verwunschenem Haus.


Lieselott Beschorner besucht man nicht, man sucht sie auf. Zur Einheit geworden mit ihrer verwinkelten, in jeder Ecke Geheimnisse verheißenden Umgebung – ihrem verwunschenen Garten, ihrem Biedermeierhäuschen in einem Wiener Außenbezirk, voll mit Stiegen und Kammern und einer Dachstube, in der die mittlerweile 93-Jährige seit mehr als einem halben Jahrhundert so unbeeindruckt wie unbeachtet vom draußen vorbeirasenden Kunstbetrieb arbeitet. Bis man dort, ganz oben, angelangt ist, falls sie einen tatsächlich losgeschickt hat, um sich umzusehen, durchstreift man staunend Raum für Raum eine der eigenwilligsten Kunstgeschichten Österreichs.

Alles ist voller Figuren, voller Köpfe, mit wulstigen Lippen und hervortretenden Augen, die mehr durch einen durch als einen anstarren. Überlebensgroße groteske Keramikköpfe stehen im Stiegenhaus. Knorrige Wachspüppchen füllen eine Wand, Figürchen aus Knöpfen und Draht eine andere. Von einem Kasten baumeln verknotete Nylonstrümpfe, mit Gewürzen gefüllt. Der Salon gehört den bunten „Puppas“, gehäkelten fetischhaften Wollwesen, manche mit Köpfen und Extremitäten, manche fast phallisch.

Schnell denkt man dabei an Louise Bourgeois‘ textile Köpfe, die allerdings erst in ihrem Spätwerk ab den 1990er-Jahren entstanden. Man denkt an Ernesto Neto mit seinen großen duftenden Installationen aus Nylon und Gewürzen, mit denen er in den 2000er-Jahren Kunsthallen füllte. An Sarah Lucas und ihre malträtiert wirkenden Strumpfhosen-Torsi der 1990er. Doch Beschorner begann mit ihren Puppen und textilen Objekten schon um 1970. International bekannt waren sie dennoch nicht. 1989 beendete sie ihre in den 1980er-Jahren bereits versandete Ausstellungstätigkeit endgültig.

LIESELOTT BESCHORNER | In ihrem Wohnhaus, zugleich »Privatmuseum« in Wien-Währing | Foto: Michael Netousek © Wien Museum-MUSA

Dabei war sie, deren Talent schon als Kind erkannt worden war, in der Nachkriegszeit ganz vorn dabei. 1945 begann sie mit 18 Jahren an der Akademie der bildenden Künste zu studieren (bei Robin Christian Andersen und Albert Paris Gütersloh). 1951 wurde sie als eine der ersten Frauen Mitglied der Secession, wo sie regelmäßig ausstellte. Doch sie merkte bald: „Das Hasten nach irgendwelchen Vorteilen, was nötig ist, um als Freier weiterzukommen, war mir zuwider. Es war mir wertvoller, zu machen, was ich will. Aber das bezahlt man natürlich, das bezahlt man.“ 1955 trat sie also einen Brotberuf an, unterrichtete bis 1986 Zeichnen und Maskenbildnerei an der Berufsschule für Friseure und Perückenmacher. Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens wurde das Haus, in dem sie mit ihrer Mutter lebte.


Den ganzen Beitrag lesen Sie im PARNASS 03/2020.

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Landesgalerie Niederösterreich

Franz-Zeller-Platz 3, 3500 Krems
Österreich

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