Kunstraum Niederösterreich

Woran denken Sie, wenn Sie Wolken sehen?

An kumulierte Wasser Tröpfchen, den Wetterbericht oder doch an Daten-Clouds und ephemere Internetwelten? Der Kunstraum Niederösterreich widmet sich aktuell „menschengemachten Wolken“. Jenen Ansammlungen also, die unsere Daten speichern und die schnell zur Metapher für diese Zeit, in der wir aktuell so virtuell wie nur möglich agieren, werden.


“Stormy weather since my man and I ain't together”, heißt es in einem oft gecoverten Song aus den 1930er-Jahren. Vom Liebeskummer handelt die aktuelle Schau im Kunstraum Niederösterreich aber nur sehr marginal. Viel eher geht es um größeren Weltschmerz, jenen der sich, ähnlich der Liebe, unserem letztlichen Verstehen entzieht. Der Weltschmerz nämlich, der sich daraus speist, dass wir uns die Natur zusehends entgleitet und wir gewisse Faktoren unserer technoiden Realität nur noch schwer fassen können. Dass wir vieles auslagern, an uns fremde orte, wie jenen der im thematischen Zentrum der Ausstellung steht: die Cloud.

Ausstellungsansicht, Stormy Weather, Kunstraum Niederoesterreich

Sinnbildlich dargestellt wird sie etwa romantisch überhöht von Christiane Peschek oder Stefan Karrer. Letzterer stellt eine ganze Wolkensammlung in die Schau. Digitale Fotos von Wolken, klassifiziert nach den von Nutzern hinterlegten Bildlegenden – „cool“ Clouds, „crazy“ Clouds und so weiter. Eigentlich geht es in der von Katharina Brandl und Claire Hoffmann kuratierten Ausstellung aber weniger um Wetterphänomene, sondern um wolkenähnliche Formationen. Naheliegend geht es hier auch um die Daten, die im World Wide Web zwischenlagern und um die Informationen, die sich ebenda kumulieren. Von diesem Informationsdickicht handelt etwa Marc Lees gezeigte Arbeit „Political Campaigns – Battle of Opinion on Social Media“, eine programmierte Live-TV-Sendung, die in Echtzeit Daten abruft und die politischen Herausforderer Trump und Biden zu einem Wettkampf der Likes antreten lässt.

(c) Marc Lee, Screenshot aus _Politische Kampagnen – Meinungskampf in den Sozialen Medien_ (seit 2016)

Die Ausstellung Stormy Weather zeigt künstlerische Arbeiten, die sich mit dem metaphorischen Konzept der scheinbar flüchtigen Cloud im Kontrast zu ihren realpolitischen Auswirkungen, die durchaus beständig sind, beschäftigen.

Katharina Brandl und Claire Hoffmann

Daneben geht es auch um Gegenentwürfe zu gängigen Kommunikationskanälen und Auswegen aus der Einbahnstraße, erprobt etwa vom Künstlerduo Christoph Wachter und Mathias Jud. Doch auch ökologische Aspekte finden ihren Platz in der Ausstellung. Eindrucksvoll etwa im Werk „Displuvium“ des Kollektivs Fragmentin. Hier verhandeln die Künstler den Umstand, dass immer wieder ins Wetter eingegriffen wird, um sich die Natur ein Stück anzueignen und in wirtschaftliche Prozesse „hinein zu optimieren“. So werden artifizielle Regentropfen auch im Innenraum der Ausstellung generiert und in Korrespondenz zu tatsächlichen vergleichbaren Ereignissen, auf Bildschirmen dargestellt, gebracht. Daneben trägt auch der installierte Elektromüll Yein Lees gewinnend zum Gesamterlebnis dieses Ausstellungskapitels zwischen Mensch, Technik und Natur teil.

(c) Fragmentin, Displuvium, 2019

(c) Fragmentin, Displuvium, 2019

Insgesamt sind die eröffneten Aspekte in der kleinen Gruppenschau so vielfältig, dass wohl jeder potenzielle Besucher abgeholt werden könnte. Doch ist es stellenweise schwierig in das dichte Diskursangebot einzusteigen. Auch wenn vermittelnde Strategien im Ausstellungswesen immer positiv hervorgehoben werden müssen – die tiefschürfenden Theorien, die im Kunstraum Niederösterreich verschriftlicht als Begleittext ausgeboten werden, führen etwas weit und damit womöglich ab vom eigentlichen Ausstellungserleben, das doch sehenswerte Positionen zu einem spannenden Thema eint. Dennoch – auch wenn „Stormy Weather“ ein theorielastiges Thema beleuchtet, Kunst lebt auch vom nicht-verbalisierbaren Dazwischen und räumlichen Dialog, damit tut sich der Kunstraum diesmal leider etwas schwer.

Kunstraum Niederösterreich

Herrengasse 13, 1010 Wien
Österreich

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