Im Interview mit Klaus Speidel

Omer Fast: Krankenhaus statt Kino

Ausstellungsansicht Der Oylem iz a Goylem, Salzburger Kunstverein 2019, Foto: Andrew Phelps, © Salzburger Kunstverein

Omer Fasts Videoarbeiten waren unter anderem bei der Biennale in Venedig und der Documenta zu sehen. Für seine Ausstellung im Salzburger Kunstverein hat Fast die Räume eines Krankenhauses nachbauen lassen und zeigt seinen neuesten Film „Der Oylem iz a Goylem“ zusammen mit älteren Arbeiten. Klaus Speidel sprach mit dem Künstler.


Klaus Speidel: Mich würde dein Bezug zum Erzählen interessieren, der in deinem neuesten Film besonders thematisch wird. Könntest du, bevor wir darauf eingehen, nochmal kurz sagen, worum es in dem neuen Film geht?

Omer Fast: Der Film thematisiert eine Begegnung zwischen zwei Clichés: den ewigen Alpen und dem ewigen Juden. Am Anfang sieht man das Weiß der Alpen, dann steigt eine Frau in einen Sessellift. Sie verliert ihren Handschuh und flucht. Da sitzt plötzlich ein orthodoxer Jude neben ihr, der nach der Tradition kostümiert ist und beginnt eine Geschichte auf Jiddisch zu erzählen. Das erzählte Märchen ist voll von traditionellen Rollenzuschreibungen: Eine Dämonin, also eine Frau, spielt die Rolle der Verführerin, der Mann lässt sich verführen, er ist gierig und sorgt dafür, dass Geld hereinkommt indem er mit der Dämonin Sex hat. Seine Ehefrau sieht passiv zu. Die Skifahrerin versteht davon nichts, muss aber zuhören. Als sie sich durch einen Einfall endlich von dem Geist befreit, ist sie wieder allein und muss das Märchen selbst zu Ende erzählen.

KS: Aber der Film geht dann noch weiter…

OF: Ja, danach sehen wir die Frau in ihrer Ferienwohnung. Sie steckt in einer Krise und führt Selbstgespräche. Als sie das Märchen auf ihre Weise zu Ende erzählt stellt sie sich vor, wie die Ehefrau ihren Mann austrickst und dann der Rabbi den Bann löst. Der Goldschmied kommt ein letztes Mal um 12 Uhr auf eine Brücke und sieht zwei Kindersärge den Fluss hinabtreiben. Darin, sagt das Märchen, lägen die Mischlingskinder, die er mit der Dämonin gezeugt hat. Aber die Frau akzeptiert das Ende nicht einfach, sondern denkt über die Möglichkeit nach, dass die Särge wieder flussaufwärts treiben und die Mischlingskinder ihren Platz einfordern.

KS: Mich würde interessieren, wie du arbeitest. Wie entwickelst du eine solche Geschichte?

OF: Ich fange immer mit einem Bild an. Beim aktuellen Film war der Anfang die Konfrontation zwischen dem Bild der ewigen Alpen und des ewigen Juden.

KS: Übrigens keine selbstverständliche Zusammenstellung...

OF: Absolut nicht. Aber das ist gerade das, was mich interessiert.

KS: Kannst du erklären, was du mit Bild meinst. Ist das etwas sehr Konkretes?

OF: Das Bild ist eigentlich eine Situation und die entfalte ich. Zum Beispiel: da sitzen diese zwei Personen im Sessellift, die nicht zusammenpassen, und es entstehen ganz konkrete Fragen: Was tun sie? Was sagen sie? Dabei muss ich die Fragen beantworten, die die Situation stellt. Die Bilder provozieren einen Diskurs.

Omer Fast, Der Oylem iz a Goylem, 2019, Produktionsstill | Foto: Courtesy of the artist, Kameramann: Stefan Ciupek

Omer Fast, Der Oylem iz a Goylem, 2019, Produktionsstill | Foto: Courtesy of the artist, Kameramann: Stefan Ciupek

KS: Aber keinen abstrakten Diskurs, kein Argument, sondern eben eine Erzählung...

OF: Ja, denn ich habe ja eine bestimmte Praktik, mit der ich arbeite. Ich mache Filme. Ich erzähle Geschichten. Die Bedeutung entdecke ich erst danach. Und dabei bin ich immer wieder enttäuscht, wie wenig unterschiedliche Themen in meiner Arbeit auftauchen: Es gibt immer eine Vergangenheit. Sie beschwert die Gegenwart, wird aber von dieser nicht anerkannt. So entsteht Spannung. Das ist das eine. Das andere sind Grenzfiguren. Sie stehen dazwischen — wie Geister eben. Auch Wiederholung ist ein riesen Thema.

KS: Es geht also darum, dass ich eine Erzählung nicht so hinnehmen muss, wie sie ist, sondern darüber nachdenken kann, was sie impliziert und mich auch dagegen wenden kann?

OF: Und auch um die Machtpositionen. Also wer hat die Macht? Wer darf reden? Eine interessante Art mit problematischen Geschichten umzugehen, ist, sie bewusst falsch zu interpretieren.

KS: Die Wiederauferstehung der Vergangenheit ist ja auch eine Art Wiederholung…

OF: Ja, genau. Ich versuche die Wiederholung auch strukturell sichtbar zu machen, also in der Form zu reflektieren. Es ist für mich eine gelungene Arbeit, wenn man strukturell und inhaltlich Resonanzen findet.

KS: Um was geht es bei dem Film für dich?

OF: Mehr als der traditionelle Kern der jiddischen Erzählung, der ja sehr konventionell ist, interessiert mich, wie die Machtpositionen zwischen dem Mann und der Frau in der Rahmenerzählung wechseln. Man kann den Film auch als Darstellung eines Konflikts zwischen den Geschlechtern lesen. Der Mann erzählt irgendwelchen Blödsinn und die Frau muss einfach freundlich dasitzen und die Klappe halten. Als die Frau die Macht übernimmt, kann sie erstens die Erzählung hinterfragen und zweitens die Geschichte anders zu Ende erzählen als das traditionell passiert ist. Aber sie besitzt auch plötzlich ein Erbe. Jedes Märchen ist ein Erbe und Teil unserer Kultur, ganz gleich, ob wir die Handlung oder die Repräsentationen mögen oder nicht.

Ich erzähle Geschichten. Die Bedeutung entdecke ich erst danach.

Omer Fast

 

Omer Fast, The Invisible Hand, 2018, VR Film in 3D, 13 min, courtesy of the artist. Produziert vom Guangdong Times Museum. Produktionsstill von Vega Fang.

Omer Fast, The Invisible Hand, 2018, VR Film in 3D, 13 min, courtesy of the artist. Produziert vom Guangdong Times Museum. Produktionsstill von Vega Fang.

KS: Zwei deiner Filme in der Ausstellung gehen von einem Märchen aus. Was interessiert dich daran besonders?

OF: Das Interessante am Märchen ist für mich die Symbolik. Als Darstellungen können sie für verschiedene Regimes Dienstleistungen erbringen, zum Beispiel durch eine bestimmte Symbolik.

KS: Ich habe das Gefühl, dass auch in deiner eigenen Arbeit Symbolik und Strukturdenken eine wichtige Rolle spielen. Auch das Krankenhaussetting, das du hier aufgebaut hast, scheint eine symbolische Dimension zu haben.

OF: Ja, es ist ein symbolischer Raum. Das Krankenhaus will alles sauber, steril halten, heilen, den Tod verhindern ¬— es geht letztlich um Grenzziehung. Das Weiß ist da, damit man sieht, dass es sauber ist. Dabei wird auch die Existenz des Übersinnlichen verneint. Die Kunst macht etwas anderes. Diese Spannung interessiert mich. Auch die Idee der Mischlingskinder, die aus der Beziehung zwischen Dämonin und Goldschmied hervorgehen, ist symbolisch. Sie repräsentieren das Dazwischen zwischen ganz festen Weltanschauungen. Was es bedeutet, wenn sie zurückkommen und ihren Platz einfordern, wird nur als Möglichkeit angedacht. Wie das auserzählt wird, ist dem Zuschauer überlassen. Es geht um die Möglichkeit der Befreiung von einem bestimmten traditionellen Narrativ, nicht um spezifische Versionen.

KS: Dabei ist es nicht arbiträr, welche Geschichten wir für wahr oder plausibel halten. Es ist stark davon bestimmt, wie wir uns definieren und andersherum. Eine letzte Frage in diesem Zusammenhang: In den drei gezeigten Filmen kommen Gespenster vor und du sprichst immer wieder so, als wären Geister, beziehungsweise das Übersinnliche definitiv Teil der Realität. Glaubst du an Geister?

OF: Ich werde mich sicher nicht öffentlich dazu äußern. Aber Gespenster, ob sie nun existieren oder nicht, haben auf jeden Fall eine gesellschaftliche Funktion. Sie sind ein Ventil für bestimmte Probleme und Bedürfnisse. Das wird zum Beispiel in „Hamlet“ deutlich, wo der Geist den Sohn zu bestimmten politischen Handlungen bewegt. Ich glaube Märchen und Geistergeschichten sind ein gutes Medium, um aktuelle Probleme zu adressieren.

Salzburger Kunstverein

Künstlerhaus, Hellbrunner Straße 3, 5020 Salzburg
Österreich

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