Künstlergespräch in München

Mona Hatoum über ihr Œuvre

Mona Hatoum mit ihrem Werk, Mona Hatoum, Turbulence (black), 2014, Sammlung Alexander Tutsek-Stiftung, Ausstellungseröffnung PRIMÄRE GESTEN © Alexander Tutsek-Stiftung | Foto: Marion Vogel

Mit einem Werk zwischen emotionaler Spannung und kühlem Minimalismus gilt Mona Hatoum (*1952 Libanon) als eine der wichtigsten zeitgenössischen Kunstschaffenden. Judith Koller traf die in London und Berlin lebende Künstlerin in München, wo sie aktuell in einer Gruppenausstellung der Tutsek-Stiftung aufzeigt.


Tausende schwarze Glasmurmeln liegen, angeordnet zu einem zweieinhalb Meter überspannenden Kreis, am Boden der Alexander-Tutsek-Stiftung und fangen das Licht in unzähligen Glanzpunkten ein, sodass die Schwärze wie unter einem Schleier zu schlummern scheint. Je länger der Blick auf der Oberfläche weilt, desto unruhiger wird sie: uneben durch die verschiedenen Größen der Kugeln, die hier aufeinandertreffen, beginnt der Kreis innerhalb seiner streng geometrischen Einfassung mit der Zeit nahezu zu brodeln.

Zufrieden wirft Mona Hatoum einen Blick auf das Werk, bevor sie zu sprechen beginnt, und meint, die Installation dieser Arbeit habe noch an keinem Ort so schön ausgesehen. „Turbulence (black)“ aus dem Jahr 2014 gehört zu einer der vier Neuerwerbungen der Sammlung, die im Zuge der Ausstellung „Primäre Gesten“ neben den Fotografien der Portfolios „Study for Chinese Summerhall“ von Robert Rauschenberg aktuell in der Tutsek-Stiftung gezeigt werden. Anlässlich der Eröffnung sprach die Künstlerin über ihr Gesamtwerk, das sich nunmehr über vier Jahrzehnte erstreckt.

Das Werk der palästinensisch-britischen Künstlerin ist von Gegensätzen und Widersprüchen geprägt, Schönes verbindet sich mit Unheimlichem, Irritierendem und Ernsthaftigkeit mit Humor. Alltägliches, Gewohntes wird zu Gefährlichem. Krieg und Gewalt prägen viele ihrer Arbeiten – Realitäten der Feindseligkeit und Aggression, die weltweite Gültigkeit haben. Ihre Werke verunsichern und kommunizieren auf vielfältige Art und Weise – sie erlauben unterschiedlichste Assoziationen und generieren dadurch eine universelle Relevanz.

Mona Hatoum, Turbulence (black), 2014, 3 x 250 x 250 cm, Schwarze Glasmurmeln, Sammlung Alexander Tutsek-Stiftung © Mona Hatoum, Courtesy of the artist and Galerie Chantal Crousel, Paris

Mona Hatoum, Turbulence (black), 2014, 3 x 250 x 250 cm, Schwarze Glasmurmeln, Sammlung Alexander Tutsek-Stiftung © Mona Hatoum, Courtesy of the artist and Galerie Chantal Crousel, Paris


Zweigeteiltes Œuvre

Hatoum unterteilt ihr Werk in zwei Schaffensperioden: eine sehr visuelle, narrative in den 1980er-Jahren, in der sie vor allem Performances und Videos machte und viel mit Objekten arbeitete, die sie als „talking objects“ bezeichnet. Exemplarisch dafür zeigt sie einen Ausschnitt aus der filmisch festgehaltenen Performance „Roadworks“, bei der sie 1985 Dr. Martens-Stiefel an ihre Knöchel band und sie barfuß hinter sich her durch das von sozialen Konflikten geprägte Londoner Viertel Brixton schleppte.

Ab den 1990er-Jahren brach eine neue Periode an, in der Hatoum ihre Ausdrucksformen auf Installationen und Skulpturales und ihren Fokus auf das Erkunden unterschiedlicher Materialien, Licht und Raum verlagerte. Die körperliche Verbindung zum Kunstwerk besteht nun über den Betrachter, der mitunter nicht nur visuell, sondern auch physisch mit einbezogen wird. „Es gibt Dinge, die sieht man erst, wenn man sie fühlt“, sagt Hatoum und denkt etwa an eine Installation, in der einzelne Haare wie Spinnweben von der Decke hingen.


Die Flexibilität der Bedeutung

Wie die Arbeiten wirken und welche Assoziationen sie hervorrufen, hängt ihrer Meinung nach auch stark von der individuellen Erfahrung und der persönlichen Wahrnehmung unserer Umgebung ab. Hatoum spricht von einer „Flexibilität der Bedeutung“, die mitunter auch durch die Umgebung selbst beeinflusst werden kann.

Etwa wenn eine Installation aus gestapelten Drahtkäfigen und Glühbirnen („Current Disturbance“, 1996) in San Francisco und also nahe Alcatraz häufiger mit Gefängniszellen assoziiert wird, am Londoner Ausstellungsort jedoch eher mit der Architektur des Financial Districts.

Mona Hatoum, Turbulence (black), 2014, Sammlung Alexander Tutsek-Stiftung, Ausstellungseröffnung PRIMÄRE GESTEN, © Alexander Tutsek-Stiftung | Foto: Marion Vogel

Mona Hatoum, Turbulence (black), 2014, Sammlung Alexander Tutsek-Stiftung, Ausstellungseröffnung PRIMÄRE GESTEN, © Alexander Tutsek-Stiftung | Foto: Marion Vogel

Es gibt Dinge, die sieht man erst, wenn man sie fühlt

Mona Hatoum

Ähnlich variabel sind die Deutungsmöglichkeiten bei „Homebound“ (2000), das sie zur documenta 11 – „Okwui’s documenta”, fügt sie hinzu – zeigte. Die Vertrautheit eines Zuhauses wird durch elektrische Leitungen, die alle Einrichtungsgegenstände miteinander verbinden, ins Gegenteil gekehrt und lässt vielmehr an häusliche Gewalt oder Gefangenschaft denken.

Die Verkehrung von Vertrautem zu Seltsamem und Unheimlichem, das Vereinen von Gegensätzen durch den Einsatz alltäglicher Dinge außerhalb ihres gewohnten Kontexts ist ein zentrales Element bei Mona Hatoum. Auch „Turbulence (black)“ entfaltet seine Vielschichtigkeit und Anziehungskraft in diesem Spannungsfeld. Es wirkt schön, vollkommen und spielerisch, zugleich aber bedrohlich und instabil. Tatsächlich liegen die Murmeln still, doch in der Wahrnehmung sind sie vielleicht schon ins Rollen geraten.

Alexander Tutsek-Stiftung

Karl-Theodor- Straße 27, 80803 München
Deutschland

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