Interview mit Silvie Aigner

Kris Martin | Atelierbesuch

Noch bevor die öffentlich wahrnehmbare Kulturwelt größtenteils still stand, haben wir den Künstler Kirs Martin zum Interview in seinem Atelier getroffen. In seinen Skulpturen, Fotografien und Installationen bespricht Kris Martin (*1972 Kortrijk) die großen Themen menschlicher Existenz und reflektiert die Widersprüchlichkeiten des Lebens. Martin lebte und arbeitete in Gent und zog vor einiger Zeit wieder zurück nach Lede. Dort ist er aufgewachsen, und dort fühlt er sich mit der Landschaft wie mit der Bevölkerung verbunden. Sein bekanntestes Werk ist „Altar“ auf dem Strand in Ostende, der die Umrisslinien des Genter Altars nachzeichnet. Das S.M.A.K. (Stedelijk Museum voor Actuele Kunst) zeigt daher im van Eyck-Jahr eine große Einzelausstellung des Künstlers. Wir trafen Kris Martin in seinem Atelier in Lede.


PARNASS: In deinen Arbeiten besprichst du die großen Themen des Lebens in symbolhaften Objekten. Vielfach benützt du auch Fundobjekte, die bereits eine eigene Geschichte haben, in denen du oft nur kleine Veränderungen vornimmst, damit jedoch eine essenzielle Bedeutungsverschiebung bewirkst. Spielt auch das eigene Erleben eine Rolle in deinen Arbeiten?

KRIS MARTIN: Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich traue mich in meinen Arbeiten, die großen Themen des Lebens anzusprechen. Aber ich beantworte keine Fragen und entwickle auch keine Lösungen. Natürlich spielen die eigenen Interessen, das eigene Erlebnis immer eine Rolle. Doch geht es nicht darum, meine Geschichte zu erzählen oder über mich zu sprechen. Durch meine Werke habe ich die Möglichkeit, die Themen auf eine universelle Ebene zu stellen und als Person dahinter zu treten. Die Objekte, die ich verwende, sehe ich allerdings nicht in der kunstgeschichtlichen Tradition der Ready Mades. Ich habe mich seit meiner Kindheit für Objekte interessiert, denen die Zeit eingeschrieben ist, und bin besessen von Antiquitäten. Wenn ich ein Essbesteck finde, das vor 150 Jahren in Gent benützt wurde, dann ist das fantastisch! Es geht mir dabei nicht um den Wert oder die formale Ästhetik. Was mich interessiert, ist, dass sie Zeit beinhalten. Ich sehe mich nicht als Schöpfer, sondern als Beobachter. Ich beobachte und setze Gegenstände und dadurch Themen in eine andere Perspektive und ermögliche dadurch, sie aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich traue mich in meinen Arbeiten, die großen Themen des Lebens anzusprechen.

Kris Martin

P: Deine Arbeiten sind oft sehr unterschiedlich, sowohl ihre Formensprache als auch ihre Themen und Motive betreffend. Die Bandbreite der Medien ist beeindruckend und umfasst Installationen, Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen, Schrift und Sound.

KM: Das Medium ist ein Tool für mich wie auch das Material. Ich benütze jeweils das Medium, in dem sich die jeweilige Idee bestmöglich ausdrücken lässt. Einer meiner Sammler meinte zu Beginn meiner künstlerischen Karriere, ich solle aufpassen, wenn ich meine Arbeiten in einer Ausstellung präsentiere: Es würde wie eine Gruppenausstellung wirken. Ich bin wohl eine Gruppenausstellung. Wenn man mich fragt: Wer bist du?, muss ich antworten, ich bin viele. Es gibt keine durchgehenden Themen in meiner Arbeit. Ich spreche auch lieber von Motiven, einige kommen kontinuierlich vor, wie Tod, Vergänglichkeit, Eitelkeit, Idiotie, Religion, Spiritualität – so ergibt sich dennoch ein roter Faden, eine konzeptionelle Stringenz.


Das ganze Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe 01/2020

Zur Bestellung

Stedelijk Museum voor Actuele Kunst

Jan Hoetplein 1, 9000 Gent
Belgien

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