Kompass Contemporary München – Various Others

Oft ist es der Blick von außen der die Lage klärt, oder im Falle Münchens der Umstand des Gastgebertums, der das grundlegende Wesen des Gastgebers offenbart. Mit Various Others hat sich vor drei Jahren ein Galerienfestival formiert, das zunächst alles anders machte, indem München seine Galerien nicht in den ausschließlichen Fokus stellte, sondern zeigte wie gut die Galerieszene der Stadt als Nährboden für Gäste und offenen Diskurs funktioniert.

Ein gelungenes Konzept, das sich 2020 abermals professionalisiert hat und heuer den Terminkalender der Institutionen noch optimaler miteinbezieht. Um das Wochenende vom 10. bis 13. September startete Various Others ereignisreich und vielfältig in die diesjährige Festivaledition, die noch bis 11. Oktober 2020 besucht werden kann.


„Wenn es will kann München alles“, erklärt Eva Huttenlauch, Kuratorin am Lenbachhaus. Und tatsächlich, wer gerade frisch vom Besuch bei Various Others rückkehrt kann sich der Begeisterung nicht verwehren. Mit 19 internationalen Partnern hat München einmal mehr beweisen wie vielfältig Galeriearbeit ausfallen kann und wie pluralistisch die Kunstszenen einer Stadt koexistieren können. Besondere Höhepunkte sind da etwa die umweltkritischen Arbeiten von Anouk Kruithof bei JO VAN DE LOO, wo Beat Raeber aus Zürich zu Gast ist. Kruithof fotografiert radioaktiven Müll und lässt die Schönheit des Hässlichen tragisch auflaufen. Ganz anders trügerisch sind die Keramikmasken von Michael Sailstorfer, der mit der König Galerie in der Galerie Rüdiger Schöttle gastiert aber auch die skizzierten Malereien der kanadischen Künstlerin Brenda Draney (Sandy Brown, Berlin/Deborah Schamoni) lassen viel Spielraum für Interpretation – im wahrsten Sinne, belässt Draney doch große Teile ihre Leinwände leer um die Leerstellen ihrer Erinnerungen offen zu lassen und auch Platz für Geheimnissen in den autobiografischen Arbeiten zu belassen.

Bunt, laut und doch deutungsoffen wirkt auch die Zusammenarbeit von Thomas von Poschinger und Henning Strassburger (CONTEMPORARY FINE ARTS, Berlin/GALERIE CHRISTINE MAYER). Beide, die sich erst in der Vorbereitung der Ausstellung kennenlernten, arbeiten, so die Galeristin, „an der Oberfläche“. Bei Thomas von Poschinger bedeutet dies eine Auseinandersetzung mit der Bildwelt der Boulevardgazetten und deren Protagonisten, bei Henning Strassburger ein malerisches Erfühlen der Strukturen unserer Gesellschaften. In beiden Positionen steht das Schlagwort „Hedonismus“ im Zentrum.

Ausstellungsansicht, Galerie Christine Mayer, Courtesy by Galerie Christine Mayer


Parcours der Höhepunkte

Auch Künstlerkurator Julius Heinemann weiß in der Galerie Jahn und Jahn wo mit der THOMAS DANE GALLERY, London und garcía | galería aus Madrid gleich zwei Gäste zu Besuch sind, Beziehungen herzustellen. Ausgehend von einer sehenswerten Arbeit von Marcel Broodthaers stellt er einen Dialog zwischen den Künstlern Caragh Thuring, Rasmus Nilausen und Troels Wörsel her und stellt medienreflexive, semantische und die Kunstgeschichte dekonstruierende Fragen zur Debatte. „Ich fand es spannend Malerei in den Kontext des grundsätzlichen Bildermachens zu stellen“, erklärt Heinemann, der als Künstler von Jahn und Jahn vertreten wird.

Ausstellungsansicht, Jahn und Jahn, Foto: PARNASS

Ebenfalls zwei Galerien zu Gast hat auch Nir Altman mit Sultana, Paris und Peres Projects, Berlin und den drei Künstlern Rebecca Ackroyd, Ndayé Kouagou, Paul Maheke. Erstere ist gerade am internationalen Vormarsch und das zurecht. Eine feingliedrige Harzskulptur konnte gleich zu Beginn von Various Others verkauft werden und wird in der Ausstellung von zwei Gemälden begleitet, die sich wunderbar zu den Textarbeiten von Ndayé Kouagou verhalten.  Ausgewogen interagieren bei Sperling die Dominique Knowles, Megan Francis Sullivan und die durch die Galerie Emanuel Layr gastierende Lena Henke. Vor der Beziehung Mensch-Natur befragt die Ausstellung unter anderem jenen Moment indem sich der Mensch vom Tier in ihm entfernte, als Natur einen Schritt Richtung Kultur machte, die man nun wiederrum im künstlerischen Gegenschritt einzuholen versucht. Einer faszinierenden Bronzearbeit von Lena Henke steht in der Schau unter anderem ein berührendes Video von Dominique Knowles gegenüber.

Eine Ausstellung auf musealem Niveau schlägt die Galerie Klüser auf, die an ihren beiden Standorten nicht nur Cragg, Sherman, Baselitz, Haring, Kounellis und andere Superstars zeigt, sondern auch fantastische unbekanntere Arbeiten, wie der Nabel von Joseph Beuys, eingefangen von Robert Mapplethorpe. Als Gast begrüßt man Jürgen Teller, unterstützt durch Christine König in der Schau „Il Mondo Umano“, die sich ganz dem menschlichen Motiv widmet. Auch wenn es die Galerien sind, die im Fokus von Various Others stehen, ist es mehr als erfreulich, dass 2020 auch zahlreiche Museen teilnehmen und Künstlergrößen wie Michael Armitage im Kunst Haus München, Anicka Yi im Espace Louis Vuitton oder Lucy McKenzie im Museum Brandhorst Teil des Programms 2020 sind. Ausstellungen wie diese manifestieren einmal mehr den Standort München als Kunsthotspot.


Neuzugänge

Erstmalig Teil von Various Others ist die Galerie Nagel Draxler, die sich erst im Herbst vergangenen Jahres nach München erweiterte und heuer ihr 30-jähriges Bestehen feiert. Im Festivalprogramm zeigt man in Kollaboration mit Lars Friedrich, Berlin die beiden Künstler Stefan Müller und Min Yoon. Im Kontrast zu Müllers Leinwänden, die Spuren des Ateliers in den cleanen Ausstellungsraum tragen bringen die fragilen Blätterobjekte von Min Yoon ein Stück Natur in die Kultur. 1986 in Cheonan, Südkorea geboren, lebt und arbeitet Min Yoon heute in Wien.

Ebenfalls zum ersten Mal ist auch Walter Storms Teil des Various Others Reigens und lud niemand geringeren als Esther Schipper zum Galeriedialog, die ihrerseits Gabriel Kuri nach München brachte. Der 1970 in Mexiko geborene Künstler, der heute in Brüssel lebt, ist ein Meister von „Material Arrangements“, ob farblich sortierte Eintrittskarten oder unterschiedlich lange Gehstöcke – nach poetischen Konventionen werden die Objekte bei Kuri zu Materialskulpturen mit minimalen Eingriffen. Meister des Minimalismus sind auch Gerold Miller und Katja Strunz, die in einer zweiten Ausstellung der Galerie lohnend aufeinandertreffen und im Balanceakt miteinander hervorragend funktionieren. Besonders eindrucksvoll – die Papierarbeiten von Strunz die im Kontrast der skulpturalen Präsentationen Mehrdimensionalität entfalten.

Ausstellungsansicht, Galerie Nagel Draxler, Foto: PARNASS

Ausstellungsansicht, Walter Storm, Foto: PARNASS


Vom Off-Space zur Sammlung

Was Various Others vorzeigbar gelingt ist ein Besuchserlebnis, in dem die Gleichstellung des Heterogenen großgeschrieben wird. So fügen sich auch die teilnehmenden Off-Spaces wunderbar ergänzend in das Programm. Etwa der fructa space, wo in Zusammenarbeit mi Briefing Room Brüssel der Künstler Andrzej Steinbach sehenswert inszeniert oder Loggia, wo der Independent Space Sangt Hipolyt aus Berlin zu Gast ist und einen Querschnitt seines Programms zeigt.

Ebenfalls eine schöne Erweiterung ist die Auseinandersetzung mit Kunstsammlungen. So leistet nicht nur die Sammlung Goetz trotz Schließzeit des Hauses einen wertvollen Beitrag im öffentlichen Raum mit der sensiblen 1992 entstandenen Plakatserie „Untitled“ von Felix Gonzalez-Torres. Tagesaktuell regiert das Sammlerkollektiv Art'Us Collectors' Collective auf die Gegenwärtigen Lebensumstände Kunstschaffender. Der von den Sammlern eingeladene Künstlerkurator Paul Hutchinson befragt in seiner Gruppenausstellung, die nicht nur die vier Sammlungen des Kollektivs einbezieht, sondern auch hochkarätige käuflichen Werken, wie sich die Gentrifizierung Berlins auf junge Lebensrealitäten auswirkt. „Es ist mein Heimatbegriff, der hier dargestellt ist und der bedroht ist“, erklärt Hutchinson in der Schau die unter anderem Beiträge von Kader Attia, Jakob Argauer, Peggy Buth, Götz Diergarten, Harry Hachmeister, Felix Schramm, Sophia Süßmilch und Thomas Struth versammelt.

Münchner Galerien

Verschiedene Standorte, 80000 München
Deutschland

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