Karola Kraus: »Wir planen Personalen mit Lee Lozano, Elisabeth Wild, Adam Pendleton, Wolfgang Tillmans...«

Karola Kraus, Portrait, Foto: Andrea Kremper

Sie macht weiter: Karola Kraus wurde kürzlich als wissenschaftliche Leiterin des mumok - Museum moderner Kunst für weitere 5 Jahre bestätigt. Was sie für das größtes Haus für moderne und zeitgenössische Kunst im mitteleuropäischen Raum plant, klärte sie im Gespräch mit PARNASS Chefredakteurin Silvie Aigner.


PARNASS: Rückblickend, vielleicht zunächst einmal ein Resümee. Was hast du von deinem Museum der Wünsche, mit dem du damals angetreten bist, verwirklichen können? Im Hinblick auf die Sammlung, aber auch auf die Positionierung des Hauses?

Karola Kraus: Mit meiner Antrittsausstellung, dem „Museum der Wünsche“, verbanden mein Team und ich innovative Präsentationsformen mit offensiven ankaufsstrategischen Zielsetzungen. Die Herausforderungen für das mumok bestehen nämlich nicht nur in der inhaltlichen Präzisierung und Neuausrichtung der Sammlung, sondern in der Absicherung beziehungsweise der Erstellung der dafür notwendigen budgetären Mittel. Da die staatlichen Budgets dafür bei weitem nicht ausreichen, war es das Ziel dieser Ausstellung, noch intensiver als bis dahin Kooperationen mit Gönnern und Sponsoren anzustreben und durchzuführen sowie diese zu motivieren, dem Museum zu zentralen neuen Werken für die Sammlung zu verhelfen. Das Konzept der Ausstellung sah eine Neubetrachtung und Erweiterung der Sammlung durch Einbeziehung von Werken vor, welche die Sammlungsschwerpunkte des mumok zu präzisieren und vorhandene Defizite aufzuheben vermochten. Die erfolgreiche Bilanz dieser Ausstellung sowie die zahlreichen Schenkungen der letzten Jahre ließen eine große Bereitschaft zum persönlichen Engagement erkennen.

Neben der wertvollen und kontinuierlichen Unterstützung der Österreichischen Ludwig-Stiftung, die seither 80 kapitale Werke für das mumok angekauft hat, und der Gesellschaft der Freunde Bildender Künste ist es vor allem dem Engagement privater Förderer, Sammler, Künstler sowie dem mumok Board zu verdanken, dass die Sammlung seit 2011 durch beinahe 1.000 Schenkungen und durch eine beachtliche Anzahl von Ankäufen aus zweckgebundenen Mitteln weiter ausgebaut werden konnte.

P: Was sind die Desiderate in Punkto Sammlung für die nächsten Jahre?

KK: Mein Wunsch ist es, dass wir die Sammlung weiterhin erweitern und ergänzen können, insbesondere in Hinblick auf Lücken in den Sammlungsschwerpunkten, auf Künstlerinnen in den von Männern dominierten Sammlungsschwerpunkten sowie auf zu wenig beachtete Positionen aus den nichtwestlichen Bereichen.

Cover DOROTHEE GOLZ Madonna mit den weißen Federn, 2011 C-Print/ Diasec , 130 × 98 cm © by the artist
P: Das mumok verfolgt ein Programm von Überblicksausstellungen, Präsentationen von Sammlungen, monografischen Ausstellungen und schlägt stets einen Bogen von der Moderne, dem 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Worin siehst du die inhaltliche Aufgabe des mumok und seine Rolle in der internationalen und nationalen Museumslandschaft?

KK: Das mumok ist das einzige österreichische Museum ohne geografisch und medial eingeschränkten Bildungsauftrag. Unsere Aufgabe ist es die österreichische Kunst im internationalen Kontext sowie die internationale Kunst von der klassischen Moderne bis hin zur unmittelbaren Gegenwart zu sammeln, auszustellen und zu vermitteln. Die Rahmenbedingungen dafür liegen nicht nur in den institutionseigenen Strukturen und Potenzialen, sondern diese werden durch die Konkurrenz- und Synergiefelder mitbestimmt. Dazu zählen die lokalen und internationalen Institutionen mit vergleichbaren Aufgaben, aber auch die wirtschaftlichen und kulturpolitischen Voraussetzungen und Zielvorgaben. Im Zuge der Wirtschaftskrise haben sich die Rahmenbedingungen verändert und folgen zunehmend rein ökonomischen Überlegungen, die ein bildungspolitisch orientiertes Ausstellungsprogramm, das nicht nur den bestehenden Publikumsgeschmack und den Trend zur Eventkultur bestätigt, in ihren Grundlagen bedroht. Eine umsichtige Programmplanung muss daher bestehende Problemfelder in Kunst und Gesellschaft berücksichtigen.

P: Du konntest in den letzten Jahren auch die Besucherzahl steigern und das mumok trotz schwieriger finanzieller Rahmenbedingungen erfolgreich zukunftsfit machen. Was waren hier die Herausforderungen und dein Erfolgsgeheimnis?

KK: Uns gelang in den letzten Jahren eine produktive Wechselbeziehung zwischen gesellschaftlich in der heutigen Zeit eminent wichtigen diskursiven Konzepten und einer Ausstellungspolitik, die sich erfolgreich an ein großes Publikum wendet. Größte Zustimmung findet die spannende Verknüpfung von internationalen Einzel- und thematischen Gruppenausstellungen mit inhaltlich präzise darauf abgestimmten Sammlungspräsentationen, ergänzt um Ausstellungen mit wegweisenden jungen Künstlerinnen und Künstlern. Die für die großartigen Sammlungsbestände viel zu kleine Ausstellungsfläche wird durch diese spannende Gesamtprogrammierung vom Fachpublikum und der breiten Öffentlichkeit als hohe Qualität geschätzt. Wir konnten in den letzten Jahren große Kooperationsprojekte mit international renommierten Ausstellungshäusern initiieren und realisieren. Unser Anliegen ist es, auch in Zukunft Ausstellungstourneen umzusetzen, die neben rein ökonomischen Gründen das Image des mumok im In- und Ausland stärken und die Sammlungen bestmöglich präsentieren.

Die für die großartigen Sammlungsbestände viel zu kleine Ausstellungsfläche wird durch diese spannende Gesamtprogrammierung vom Fachpublikum und der breiten Öffentlichkeit als hohe Qualität geschätzt.

Karola Kraus
P: In der Pressekonferenz sprach Kulturstaatssekretärin Lunacek davon, dass du neue Perspektiven für die Weiterentwicklung des Hauses hast, die dazu beitragen werden die Position des mumok als Museum für die internationale moderne Kunst sicherzustellen und die Themenführerschaft in den Bereichen gesellschaftsbezogener und -kritischer Kunstvermittlung weiterzuentwickeln. Kannst du das näher erläutern?

KK: Mein Team und ich sehen unsere Verantwortung in der nationalen und internationalen Profilierung des Hauses als einer maßgeblichen Stimme im aktuellen Diskurs um zeitgenössische Kunst und Kunstgeschichte. Als größtes Haus für moderne und zeitgenössische Kunst im mitteleuropäischen Raum öffnen wir unsere Sammlung verstärkt für den Blick von außen und eröffnen neue, ungewohnte Blickwinkel auf die Kunst sowie ihre Protagonistinnen und Protagonisten. Zu den wichtigen Säulen des Museums gehören auch in Zukunft die Sammlungs- und Sonderausstellungen sowie ein den entsprechenden Projekten angepasstes Rahmen- und Kunstvermittlungsprogramm. Das bedeutet für mich eine konsequente Fortsetzung und Vertiefung unserer Programmlinien im Sinne eines diskursiven Museums, das sich einer breiten Öffentlichkeit ebenso verpflichtet fühlt wie einem anspruchsvollen Fachpublikum.

P: Welche Projekte, Ausstellungen sind für die nächsten fünf Jahre angedacht.

KK: Wir planen Personalen mit international renommierten Künstlern wie Lee Lozano, Elisabeth Wild, Adam Pendleton, Wolfgang Tillmans, Andy Warhol oder Heimo Zobernig, aber auch mit jungen wegweisenden Künstlern wie mit Ane Mette Hol, Hugo Canoilas, dem 5. Preisträger des Kapsch Contemporary Art Prize oder mit dem taiwanesischen Künstler Huang Po-Chih. In einer groß angelegten Sammlungspräsentation wird sich die erfolgreiche Sammlungspolitik der letzten zehn Jahre widerspiegeln oder die thematische Gruppenausstellung „Die Krise und die Avantgarde“ wird nicht-westliche und Schwarze Avantgarden im Westen aus dem Blickwinkel ihrer Aktualität für zeitgenössische Künstler betrachten.

P: Im Regierungsprogramm stand die Gründung einer Museumsholding im Raum, vergleichbar der Holding für die Bundestheater. Bisher wurden Details wie dieses Konstrukt tatsächlich aussehen soll noch nicht bekannt und die Diskussion nun durch die akute Situation beendet. Wie siehst du das Thema?

KK: Ich möchte mich bei diesem Thema meiner Kollegin Johanna Rachinger anschließen, die derzeit die Vorsitzende der Bundesmuseenkonferenz ist. Wir halten eine Holding für verzichtbar, weil die Synergien, die möglicherweise entstehen werden, in keiner Relation zu den Kosten stehen, die eine solche Organisation verursachen würde.

P: Gegenwärtig muss man auch über die aktuelle Situation sprechen, die mit Sicherheit eine enorme Belastung darstellt und Konsequenzen für die Zukunft mit sich bringt. Ein Stich ins kulturelle Herz Österreichs bezeichnete Sabine Haag kürzlich in einem Interview in „Die Presse“ den Shut Down der Kunstinstitutionen in Österreich. Wie geht das mumok mit dieser Situation um?

KK: Aktuell geht es vor allem darum, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in dieser schweren Zeit Sicherheit zu vermitteln, die schlimmsten Auswirkungen abzuwenden und die neuen Ausstellungsprojekte so perfekt als möglich vorzubereiten, für den Tag, an dem wir das Haus wieder öffnen können.

P: Was gibt es für Krisenszenarien für das mumok, wie weit steht auch für das Museum die Unterstützung des Staates? Ulrike Lunacek sagte im Interview in „DER STANDARD“ vom 20. März „Niemand wird zurückgelassen“. Auf die Frage von Stefan Weiss nach den Maßnahmen für staatliche Kultureinrichtungen war die Antwort wenig präzise: „Also da muss ich ehrlich sagen: Da ist der Staat ja Eigentümer und das muss er sich sowieso drum kümmern.“ Gibt es bereits Gespräche dafür, dass auch den Museen maßgeblich die Einnahmen wegbrechen?

KK: Diese Woche wurde die Grundlage geschaffen, damit die Bundesmuseen auch an der Kurzarbeit teilnehmen können. Wir sind mit unserem Eigentümer in ständigem Austausch, um weitere Maßnahmen zu besprechen.

P: Es wird vielfach in den Sozialen Medien gepostet: Wir wollen die Kunst nicht virtuell sehen. Doch bleibt den Museen derzeit wenig anderes übrig, als auf digitale Tools, Online-Führungen, etc. zu setzen. Das mumok hat einen digitalen Blog eingeführt: „Out of the Box“ mit vielen verschiedenen Einblicken, bis hin zu deinen Lieblingsbüchern und Songs.

KK: Obwohl das Museum bedauerlicherweise geschlossen ist, arbeiten einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dezentral von zu Hause aus. Wir haben uns daher entschlossen unser Programm in den digitalen Bereich zu verlagern und auf der Website einen Blog einzurichten, auf dem wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Künstlerinnen und Künstler und andere Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter unseres Hauses zu Wort kommen lassen. „Out of the Box” – der mumok Blog ist seit kurzem online – wird weiter ausgebaut und soll auch nach Ende der Coronakrise beibehalten werden. Er funktioniert ausstellungsunabhängig und gibt neue Einblicke in unsere Arbeit. Dass es trotz Corona Kreativität gibt, zeigt sich gerade jetzt eindrucksvoll an vielen Beispielen.

Cornelia Lamprechter und Karola Kraus | Foto: mumok / Niko Havranek

Cornelia Lamprechter und Karola Kraus | Foto: mumok / Niko Havranek

P: Bereits davor standen die Transporte, die Messetätigkeiten und der globale Kunsttourismus im Fokus von Diskussionen in Zeiten von Flugshaming und Klimawandel, bis hin, dass auch da bereits Ideen einer digitalen Kunstwelt aufkamen. Doch wir alle wissen, ein Original ist nicht zu ersetzen. Vieles davon ist jedoch auch ein echter Mehrwert. Wird dennoch die Museumwelt in Zukunft mehr auf digitale Vermittlung setzen?

KK: Ein Museumsbesuch und das Betrachten eines Originals sind von unschätzbarem Wert und nicht ersetzbar. Neben der Qualität der wissenschaftlichen Arbeit und ihrer Präsentation trägt die Vermittlungsarbeit ganz maßgeblich zu unserem Erfolg bei. Das mumok hat sich in den letzten Jahren zu einem Kompetenzzentrum für eine Form der kulturellen Bildung entwickelt, die auf ästhetische Erfahrung und kritische Reflexion sowie auf die Verständigung zwischen Kulturen, sozialen Schichten und Altersgruppen setzt und damit der Diversität einer modernen Gesellschaft Rechnung trägt. In den letzten Jahren lag unser Fokus insbesondere auf der Initiierung und Weiterentwicklung vielfältiger Vermittlungsformate. So eröffnete das mumok 2019 als erstes Museum weltweit ein digitales Atelier für unsere jungen Besucher ab 6 Jahren, in dem ein kreativer Umgang mit neuen Technologien erlernt und zugleich die Kompetenz der Kinder im Umgang mit digitalen Technologien gestärkt werden kann – mein Team und ich sind auf das äußerst erfolgreiche Scratch Lab sehr stolz! Das mumok gilt österreichweit als eines der führenden Museen im Social-Media-Bereich. Auch international rangiert es im Verhältnis zu vergleichbaren Häusern im Spitzenfeld. Als Grund dafür kann die engagierte und vielseitige Kommunikation mit den Followern genannt werden, die auch mittels spezieller Events eingebunden und zur aktiven Teilhabe aufgefordert werden. Die Bespielung des hauseigenen YouTubeKanals wurde in den letzten Jahren intensiviert, ein Projekt, das wie sämtliche Aktivitäten im Social-MediaBereich auch in den nächsten Jahren kontinuierlich ausgebaut wird. Dennoch bleibt auch in Zukunft ein Besuch in unserem Museum einzigartig!

P: Wird es Konsequenzen haben? Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder hat bereits zwei Ausstellungen in das nächste Jahr verschoben. Gibt es ähnliche Überlegungen dazu im mumok. Stichwort: Andy WarholAusstellungen? Können Transporte durchgeführt werden?

KK: Die Ausstellungen von Ingeborg Strobl und Steve Reinke wurden erst kurz vor der Schließung eröffnet. Unsere für 30. April geplanten Ausstellungen zu Andy Warhol wurden bereits auf September verschoben. Je nachdem, wie lange die Häuser geschlossen bleiben müssen, könnte es zu weiteren Verschiebungen kommen.

P: Du bist Kommissärin der nächsten Kunstbiennale 2021 in Venedig. Was mich sehr freut, werden doch Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl den Pavillon bespielen. Keine leichte Aufgabe und eine, die einen einmal mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Mit allen Ups and Downs. Neben den üblichen organisatorischen Dingen muss auch Sponsorengeld aufgestellt werden, was aktuell sicher sehr schwierig ist.

KK: Das wird aufgrund der aktuellen Lage sicher eine enorme Herausforderung werden. Die Künstlerinnen werden jedoch auf die Situation reagieren und wir werden unser Konzept so adaptieren, dass wir unser ambitioniertes Projekt auch kostengünstiger realisieren können.

P: Ebenso denke ich wird Venedig und auch die Kuratorin Cecilia Alemani der Biennale 2021 nicht umhin kommen auf das verheerende Hochwasser, sprich Klimawandel als auch auf die gegenwärtige dramatische Situation in Italien zu reagieren. Wie sehr siehst du die Aufgabe der KünstlerInnen die Gegenwart und den gesellschaftlichen Wandel zu thematisieren? Wird hier nicht zuweilen zu viel von der Kunst erwartet? Was erhoffst oder erwartest du dir von der nächsten Kunstbiennale?

KK: Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl verhandeln in ihren sinnlichen Arbeiten breitenwirksam aktuelle, brisante und innovative Themen. Ich bin mir sicher, dass auch Cecilia Alemani einen Fokus auf Künstler legen wird, die auf aktuelle gesellschaftspolitische, ökonomische und ökologische Diskussionen und Probleme reagieren werden. Vielen Dank für das Gespräch!

Das könnte Sie auch interessieren