Galerie nächst St. Stephan. Rosemarie Schwarzwälder

Interview mit Hans Ulrich Obrist | Friederike Mayröcker. Schutzgeister

Der Galerie nächst St. Stephan gelang eine der berührendsten und interessantesten Ausstellung im Rahmen des diesjährigen Curated by Festivals. Kurator Hans Ulrich Obrist widmete die Ausstellung den Zeichnungen der 95-jährigen Friederike Mayröcker.


Im Interview erzählt er gerne wiederholt die Geschichte, dass er durch seine langjährige Freundschaft mit Maria Lassnig, die er 1985 kennenlernte, auf das Werk von Mayröcker aufmerksam wurde. Das Schlüsselwerk war „Rosengarten“, ein gemeinsames Künstlerbuch von Maria Lassnig und Friederike Mayröcker, das von Lassnig illustriert wurde.

„Lassnig erklärte mir, dass Mayröckers Werk eine vergleichbare körperliche Besinnung enthalten wie ihre Body Awareness Bilder, ebenso ist der Bezug zum Leben und zu den kleinen Dingen im Leben bei beiden Künstlerinnen vorhanden. Mayröcker bezeichnet ihre Art des Schreibens als Fetzchen. Das zeigt, dass sie auf die kleinen Dingen besonderen Wert legt, ähnliche wie Robert Walser, der auch Weltdichtung macht auf Basis der kleinen Dinge. Das hat mich sehr fasziniert. Ihr aktuelles Buch „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete", das Mayröcker nun mit 95 Jahren geschrieben hat ist voller Energie und Leben und ist für mich eines der großen Bücher des Jahres. Mayröcker ist für mich, neben Etel Adnan, Édouard Glissant und Robert Walser, eine der Schriftstellerinnen, von denen ich beinahe alle Werke gelesen habe.“ 

In Athen zeigte Hans Ulrich Obrist Aquarelle von Maria Lassnig, die in Griechenland entstanden sind oder wie die Gemälde, auf die griechische Mythologie Bezug nehmen. Anlässlich der Ausstellung schenkte Friederike Mayröcker dem Kurator den poetischen Satz: „Die Zukunft erfinden wir mit den Fragmenten der Vergangenheit.“ Es war Maria Lassnig, so Obrist ein wichtiges Anliegen, ihre „Griechenland-Arbeiten“ nach Athen zu bringen und in gewisser Weise sind es auch Fragmente, Fragmente der Mythologie mit denen Lassnig in diesem Werkzyklus arbeitet und die sie durch ihre Kunst mit der Gegenwart verbindet.

Hans Ulrich Obrist, Foto: Brigitte Lacombe

Insofern meint Hans Ulrich Obrist, dass dieser Satz Mayröckers, so philosophisch er auch ist, sich doch auf die Werke von Maria Lassnig bezog. „Dieser Satz passt jedoch auch zu meiner kuratorischen Arbeit“, so Obrist. „Es interessant, wenn man sich mit Gegenwartskunst beschäftigt, auch zurückzuschauen. Erstmals hat mich Rosemarie Trockel auf die vielen Pionierkünstlerinnen hingewiesen, die in der selben Generation wie Louise Bourgeois sind, jedoch wenig oder kaum bekannt sind. Sie als Künstlerin, meinte Trockel hätte nicht die Zeit, diese zu besuchen und sich mit ihren Werken zu beschäftigen, aber ich als Kurator solle dies tun. So kam es zu diesem Fokus auch innerhalb meiner kuratorischen Tätigkeit und ich habe versucht, in jeder Stadt in der ich war, Künstlerinnen dieser Generation kennenzulernen. So kam es auch zur Begegnung mit Luchita Hurtado. Hier haben sich ganz neue Welten für mich eröffnet.“

P: Sie zeigen in der Ausstellung die vielseitigen Dimensionen von Mayröckers Schaffen und haben versucht ihre Poesie, Prosa und Hörbücher in einen Kontext mit ihren Zeichnungen zu bringen. Die südkoreanische Künstlerin Koo Jeong A gestaltete dafür einen Büchertisch, in dem das Jahr 2020 eingeschrieben ist.

HUO: Ja, das war mir ganz wichtig. Mayröcker sieht sich selbst nicht als Künstlerin und bezeichnet die Arbeiten nicht als Kunst, sondern als Zeichnungen einer Schriftstellerin, daher haben wir die Ausstellung auch so strukturiert, dass die Zeichnungen mit den Büchern, Hörspielen zu sehen sind.

Ausstellungsansicht, Büchertisch: Koo Jeong A, Foto/Photo: © Markus Wörgötter

P: Jörg Drews hat in seiner Laudation zu Friederike Mayröcker gemeint: „Sie erprobt immer neu die Übersetzbarkeit von Materie in Sprache, von Schichten des Draußen in geschichtete Sprache.“ (zit. https://www.derstandard.at/story/482349/das-bin-nicht-ich-das-ist-ein-bild-von-mir) Sehen Sie in den collageartigen Arbeiten der Schriftstellerin Friederike Mayröcker auch einen ähnlichen konzeptuellen Ansatz wie in der bildenden Kunst?

HUO: Ja sie haben völlig Recht, die Art wie sie schreibt, hat auch etwas Konzeptuelles. Wir haben uns ja stets im Café Sperl getroffen, aber jetzt war ich auch einmal bei ihr zu Hause. Und auch ihre Wohnung gleicht eigentlich einem Gesamtkunstwerk. Da wurde mir bewusst, dass in diesen Zufallsprinzipien ein wichtiger Aspekt ihrer Texte sind. Sie hat ja diese Behälter, die sind voll mit Notizen, Fetzchen, wie sie dies nennt. Sie greift in eines dieser Körbchen, das hat etwas von einer Lotterie und arbeitet mit diesen Notizen. Ja sie beschreibt diese Arbeiten ja auch als Collage. Ich habe das neue Buch „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ mehrere Male gelesen, auch von hinten nach vorne. Es friert nicht ein, es bleibt immer im Fluss – und auch den kleinen, feinen Zeichnungen, die sie in die Texte integriert sieht man den Bezug zur bildenden Kunst  – und da ist auch noch dieser respektvolle und verehrungsvolle Bezugnahme zu Künstlern wie Max Ernst und auch der Band „als es ist, Texte zur Kunst.“ zeigt ihre Beschäftigung mit der bildenden Kunst.

P: Mayröckers Zeichnungen, welche sie über Jahrzehnte in Serien realisierte, zeigen unter anderem „Schutzgeister“ – die auch titelgebend für die Ausstellung sind.

HUO: Mayröcker viele Schutzgeister gezeichnet, welche sie ihrem Partner Ernst Jandl gewidmet sind, so etwa Schutzgeister gegen die Angst vor der Dunkelheit, der gegen böse Menschen, morgendliche Müdigkeit etc. Aber in der Ausstellung sieht man auch weitere Serien: der ABC-Thriller sowie der Kinder Ka-Laender. Als mich Rosemarie Schwarzwälder eingeladen hat, eine Ausstellung im Rahmen von Curated by zu kuratieren, konnte ich keinen idealeren Ort finden, um erstmals diese Zeichnungen von Mayröcker zu zeigen. Die Galerie war immer schon ein Ort der Wiener Gruppe, in der Ernst Jandl ebenso wie Friederike Mayröcker immer wieder zu Gast waren und die Verbindung Kunst und Literatur stets ein Thema war. Ich hätte diese Ausstellung sicher nicht einfach so – ex nihilo gemacht, aber so hat sich das für mich ganz organisch ergeben.

P: Friederike Mayröcker bezeichnet ihre Zeichnungen als die nicht so wichtigen Arbeiten, die neben den wichtigen, also dem Schreiben entstehen. Ebenso schreibt sie in ihrem Text, der auch in der Ausstellung gezeigt wird, sie sei im Schreiben alt geworden, aber in den Zeichnungen jung geblieben, hier können sich noch Kind sein. Doch liest man die den Zeichnungen beigefügten Texte, so fließt auch ihr das erlebte Leben ein. In dem diese prägnant, philosophisch, aber auch voller Humor sind.

HUO: Dieses erlebte Leben, wie Sie sagen ist mit Sicherheit da, letztlich kann man 95 Jahre nicht wegwischen. Doch gleichzeitig haben diese Zeichnungen eben etwas unglaublich Frisches und Junges – und das macht sie so Besonders.

Friederike Mayröcker Schutzgeist 13 Schutzgeist 14 16 Schutzgeister für E, 1967 Kugelschreiber auf Papier 9-tlg. à 29,7 x 21 cm, Österreichische Nationalbibliothek / Literaturarchiv Nachlass Ernst Jandl © Friederike Mayröcker

Galerie Nächst - St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Grünangergasse 1, 1010 Wien
Österreich

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