Gallery Diary - Galerie Michaela Stock | Patrick Baumüller

Die neue Ausstellung "Walking The Plank" des Tiroler Künstlers Patrick Baumüller in der galerie michaela stock gibt einen Einblick in die globalen Folgen der heutigen Konsumgesellschaft und geht dabei auf den größten Treiber, der Entwaldung, ein. Die Ausstellung ist bis 22. August 2020 zu sehen.


Die auf den ersten Blick spielerisch wirkenden Skulpturen und kinetische Installationen, lassen bei näherer Betrachtung die Überlegungen des Besuchers um die aktuellen umweltpolitischen, ökonomischen und existenziellen Fragen kreisen. Vieles schwebt in der Luft, hängt an dem dünnen Faden einer selbstvergessenen Ungewissheit, oder steht bisweilen auf tönernen Beinen.

So werden die Besucher in der Ausstellung mit dem Modell eines Trojanischen Pferdes auf einem Skateboard konfrontiert. Die Haut des Tieres wurde mit Abgüssen aus gebrauchten Verpackungshüllen des chinesischen Fastfood-Sortiments bearbeitet, welche „dekorativ" an der Oberfläche des vermeintlichen Geschenkes angebracht sind. Jene Schutzhüllen transportieren nun aber nicht mehr Lebensmittel, sondern sind Träger eines fratzenhaften Transfers. Hier offenbart sich der Hang zum Fabelhaften in der chinesischen Mythologie - milliardenfach produzierte Einheiten der Lebensmittelindustrie mutieren zum Vehikel einer selbstverliebten Tradition im Umfeld ihrer oft zelebrierten Drachenverliebtheit. Solcherlei konterkarierende Rückschau ins Alte China zitiert die Sagengeschichte bewusst in einer neuen künstlerisch-interpretativen Weise und führt sie ad absurdum. Eine ihrer zentralen Fragestellungen könnte lauten: Sind wir tatsächlich die Schöpfer und Gestalter unserer projizierten Wirklichkeit oder tappen wir nicht vielmehr in die von uns selbst gestellte Falle?

Diese getarnte Gefahr tritt an der Außentextur des einst gestählten Streitpferdes als deformiertes Zerrbild unserer Konsumgesellschaft zu Tage: wie Pusteln einer Krankheit treten die Abszesse an der Haut des Pferdekörpers dem Betrachter markant entgegen. Ihre Weiterverwendung als formgebende Bestandteile finden die hohlen Verpackungskapseln aber auch für die drei kleinen Bronzeskulpturen: 舌蛇 {Shé shé} (Zungenschlange) oder 龙 {Lóng} (Drache). Es heißt diese „wiederentdeckten" Grabbeigaben gehörten einst einem einflussreichen Medizinmann aus der frühen Gang-Bang-Dynastie.

舌蛇 {Shé shé} (=ZUNGENSCHLANGE), 2019, Bronze, 26 x 16 x 9 cm, © Patrick Baumüller, Courtesy: galerie michaela stock, Patrick Baumüller

Eine andere Arbeit der Ausstellung, ein Parkettbrett aus edlem Tropenholz mit einem chinesischen Schriftzug, verweist einerseits auf den Titel der Schau aber auch auf den Raubbau an der Natur. Patrick Baumüller versieht ein industriell gefertigtes Parkettbrett mit einer chinesischen Inschrift, die sich in der deutschen Übersetzung wie eine prophetische Redewendung anhört:

Der Wald schwindet im Lauf der Zeit, aber dieses Stück Holz gehört noch mir.

Bei dem vielschichtigen und mehrdeutigen Titel Walking the Plank reichen die Konnotationen von der überlieferten Hinrichtungsform auf frühen Piratenschiffen, bis hin zu dem idiomatischen, Ausdruck aus der Wirtschaft, wenn jemandem nach einem geschäftlichem Fehler nahegelegt wird, seinen Posten zu räumen.

In vielerlei Hinsicht wird auch die Habgier nach materiellem Besitz um jeden Preis thematisiert. Baumüller lässt dieses „Warnschild" als Verhöhnung im Raum stehen, um auf ein Missverhältnis zwischen Natur und Zivilisation hinzudeuten. Indirekt verweist das Objekt auf die Problematik der weltweiten Vernichtung von tropischen Wäldern als Folge des Turbokapitalismus.

Galerie Michaela Stock

Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien
Österreich

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