Von neuem anders, anders als es vorher war

Gallery Diary - Galerie Krinzinger | Brigitte Kowanz

Nach ihrer Sommerausstellung in der Salzburger Galerie Nikolaus Ruzicska überzeugt Brigitte Kowanz einmal mehr mit ihrer Soloshow in der Wiener Galerie Krinzinger, die noch bis  17. Oktober zu sehen ist. Mit älteren und neuen Arbeiten spannte die Salzburger Ausstellung einen Bogen über das Schaffen der Künstlerin und zeigte sowohl neue Entwicklungen wie die Kontinuität formaler und thematischer Sujets. In Wien zeigt Brigitte Kowanz vielfach neue Arbeiten – ein Kraftakt und das Ergebnis eines arbeitsreichen Sommers.


Seit den 1980er-Jahren verbindet Brigitte Kowanz Licht und Sprache zu einprägsamen Bildformeln. Auf den ersten Blick überzeugen die Arbeiten allein schon visuell und brechen die Ästhetik der wunderbaren historischen Stuckräume der Galerie durch ihre intensive Präsenz. Doch was diese Arbeiten darüber hinaus so einprägsam machen, ist ihre inhaltliche Klammer. Bereits der Titel benennt das Thema der Veränderung „Von neuem anders, anders als es vorher war“ bringt den Beginn des World Wide Webs, den Versand und den Empfang des ersten E-Mails, den Start von YouTube am 14.02.2005, in einer Lichtarbeit von 2019, mit andere Zäsuren unserer Gegenwart zusammen, wie den Anschlag auf Charlie Hebdo (Je suis Charlie 07.01.2015, 2017) und benennt die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche, die das Internet mit sich gebracht hat.

Damit verbunden ist jedoch auch eine neue Kontextualisierung der Sprache, eine neue Form von Information und Erinnerung, die wir, anders als in der analogen Welt, kaum mehr räumlich verorten können. Ebenso hat sich die Sprache durch das das Internet, mobile Technologien und den beschleunigten digitalen Datentransfer verändert, sie wird teilweise in Bildern aufgelöst oder durch Kürzel ersetzt, wie dies auch Kowanz´ Schriftarbeit im ersten Raum zeigt. Doch die heute so allgegenwärtigen Zeichen sind noch nicht so alt. Erst 1994 begann Nokia, Handys serienmäßig mit einer SMS-Funktion auszustatten. Und weil eine SMS mit maximal 160 Zeichen wenig Platz für lange Wörter bot, wurden für Begriffe und für gängige Sätze und Grußformel Kürzungen gefunden, die in der Folge auch in den elektronischen Medien verwendet wurde und heute allgegenwärtig sind, wie omg, sry, asap, fyi oder imo. Brigitte Kowanz hat daraus ein visuelle Licht-Notation gemacht: („tbhidkidciowimoafaikirlbifomghthasapomwfyi“,2020)

„tbhidkidciowimoafaikirlbifomghthasapomwfyi“, 2020. neon, aluminium, lacquer 30 x 520 x 7 cm Ex. 1/3 + 2AP. Austellungsansicht, Brigitte Kowanz: „von neuem anders, anders als es vorher war“, Galerie Krinzinger Wien , Fotos: Anna Lott Donadel © Brigitte Kowanz, Bildrecht Wien, 2020

Austellungsansicht, Brigitte Kowanz: „von neuem anders, anders als es vorher war“, Galerie Krinzinger Wien , Fotos: Anna Lott Donadel © Brigitte Kowanz, Bildrecht Wien, 2020

Die Kommunikation via weltweiter Liveschaltungen und via E-Mail generiert globale Netzwerke, eine stetige Erweiterung und Wachstum. Auch hier visualisiert Kowanz in einer neuen Werkserie durchaus den kritischen Aspekt dieser digitalen Möglichkeiten in einer Reihe von geometrische Licht-Arbeiten, transformiert sie Begriffe wie Exciting oder Forward in Morsecodes. „Hier geht es darum“, so Brigitte Kowanz „auch die Anspannung zu zeigen. Bereits die Formen der spitz zulaufenden Linien sprechen dies an und tragen eine gewisse Aggression in sich. Die Linearität der Schrift wird zum Netzwerk, gleichzeitig jedoch führen sie nirgends hin – das ist eine Anspielung auf unsere aktuelle Situation und Zeit. Alles geht schneller ‚Forward‘“, doch letztlich treten wir – so habe ich den Eindruck, dennoch auf der Stelle. Es geht nicht immer nur weiter, sondern auch oft hin und her. Vernetzung und gleichzeitigen Distanzierung. Diese Werkserie ist während des Corona-Lockdowns entstanden und reflektiert natürlich auch diese Zeit“.

Hier geht es darum auch die Anspannung zu zeigen. Bereits die Formen der spitz zulaufenden Linien sprechen dies an und tragen eine gewisse Aggression in sich. Die Linearität der Schrift wird zum Netzwerk, gleichzeitig jedoch führen sie nirgends hin – das ist eine Anspielung auf unsere aktuelle Situation und Zeit. Alles geht schneller ‚Forward‘

 

Brigitte Kowanz

Im selben Raum sind auch ganz neue „malerische Arbeiten“ der Künstlerin zu sehen. Die einerseits natürlich auch wieder mit Licht und Reflexion spielen,  jedoch auch an Kowanz´ Frühwerk erinnern. Sie sind raumgreifend, verändern je nach Standpunkt ihre visuelle Erscheinung und ihre Spektralfarben und entwickeln im Raum ein faszinierendes, einprägsames Schauerlebnis. „Erst die Rekombination, semantische Umcodierung und Neuformatierung lassen das Neue entstehen, das selbst aus der Bezugnahme auf Bestehendes schöpft“, schrieb die Kunsthistorikerin und Kuratorin Vanessa Joan Müller im Pressetext zur Ausstellung. Das trifft auf diese Bilder oder Wandobjekte im Besonderen zu. Sie bauen erneut auf Morsecodes auf, jedes geometrische Zeichen entspricht einem Buchstaben. Die Grundlage bildet eine textile Oberfläche mit Mikroglaskügelchen. Diese werden auf einer spiegelartigen Folie aufdampft, die reflektiert. Das hat durchaus etwas Malerisches und verändert den Brechungswinkel der Glasoberfläche und bewirkt eine jeweils singuläre Struktur und visuelle Wirkung.

v.r.n.l.: h, 2020, reflecting textile, lacquer, aluminium, 160 x 50 cm; j, 2020, retroreflective surface, aluminium, lacquer, 160 x 50 cm; g, 2020, reflecting textile, lacquer, aluminium, 160 x 50 cm, i, 2020, reflecting textile, lacquer, aluminium, 0 x 0 Ø 90 cm, Austellungsansicht, Brigitte Kowanz: „von neuem anders, anders als es vorher war“, Galerie Krinzinger Wien , Fotos: Anna Lott Donadel © Brigitte Kowanz, Bildrecht Wien, 2020

Die Werke im gegenüberliegenden Raum zeigen Brigitte Kowanz´ neue formale Intention, die früher zumeist in geschlossenen Glaskuben mit inwändigen Spiegeln eingebauten Lichtlinen aus ihrer Fassung zu befreien. Blickte man durch die Spiegel in einen unendlich scheinenden Raum, so schreiben sich diese Lichtinstallationen real in diesen ein. „Cables“ verweist dabei einmal mehr auf ein besonderes Ereignis – auf den ersten Versand des ersten E-Mails 1984. Dieses, eine Grußbotschaft der Cambridge University in Massachusetts, wurde am 2. August 1984 abgeschickt und am am 3. August 1984 um 10:14 Uhr nach fast eintägiger Übertragungszeit von der Universität Karlsruhe empfangen. „Brigitte Kowanz thematisiert in einer ihrer neuen Lichtinstallationen dieses Datum als in Morsecode übertragene Datenspur, denn in ihm verdichtet sich die Genese unserer digitalisierten Gegenwart und die rapide Veränderung unserer Kommunikation“, so Müller. Es sind Arbeiten, die inhaltlich kompakt komplex und auf wesentliche Ereignisse hinweisen. Man wird berührt, denkt über die Dimension der Bedeutung dieser Ereignisse nach und tritt in einen Diskurs ein. Doch sie überzeugen auch visuell. Das ist der Künstlerin auch wichtig. „Für mich sind die Ereignisse, die ich ausgewählt habe natürlich wichtig. Aber ich will den Rezipienten nichts vorgeben. Jeder kann sich das nehmen wo er gerade steht. Ich glaube auch, dass es ganz wichtig ist, dass die Arbeiten auch auf einer rein visuellen Ebene funktionieren und wenn man aber mehr wissen will, kann man es – allein schon durch die Titel auch herausfinden.“

 

Was Kowanz´ Ausstellung so überzeugend macht, ist das es ihr gelingt, die Ereignisse, wie die Einführung der Domain YouTube im Februar 2005, die Pariser UN Klimakonferenz im November 2012, der Anschlag auf die Redaktion der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ Anfang 2015 auf subtile und einprägsame Weise in den Fokus zu stellen. Ereignisse, die im realen wie virtuellen Raum einen Impact ausgelöst haben, der Welt eine neue Richtung gaben. Zahlen und Ereignisse verkommen in der Geschichte jedoch bald zu einer abstrakten Statistik, die man empathisch nicht mehr fassen kann. In den Neon-Objekte von Brigitte Kowanz spiegeln wir uns jedoch als Betrachter und erkennen uns als Teil dieser Geschichte sind ebenso wie Teil jener Gesellschaft an der es liegt diese verantwortungsvoll in die Zukunft zu schreiben.

Galerie Krinzinger

Seilerstätte 16, 1010 Wien
Österreich

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