Vienna Biennale for Change 2021

FOSTER. The Soil and Water Residency

Der paradiesische Garten als Antithese zur soziopolitischen Krise in der Stadt. Im Rahmen des Künstlerprojekts FOSTER. The Soil and Water Residency wurde der Garten zum wortwörtlichen Experimentierfeld künstlerischen und grundmenschlichen Schaffens. „Das Feld war wie eine Ateliergemeinschaft“, erzählt Sophie Hirsch. Sie ist eine von zwölf Künstler*innen, die sich 2020 einen Acker teilten und nun gemeinsam im MAK ihre Arbeiten zeigen.


Vor über einem Jahr, im ersten Lockdown, fanden sich auf Einladung der Künstlerin Angelika Loderer eine Reihe von Künstler*innen auf einem Feld in Hirschstetten im 22. Wiener Gemeindebezirk zusammen, um dort zehn Parzellen von je 40 Quadratmetern zu bearbeiten. „In Zeiten dieser Pandemie wollte ich eine Perspektive bieten“, so Loderer, „überzeugt von ihrem Interesse und ihrer Sensibilität, lud ich Kolleg*innen ein, die sich in ihrer künstlerischen Disziplin und ihrem Alter durchaus stark unterscheiden. Wir konnten viel voneinander lernen.“ Das Projekt FOSTER. The Soil and Water Residency bedeutete gemeinsame und einsame Feldarbeit, aber auch gemeinsam verkochtes Gemüse und Picknicks mit Gesprächspartner*innen aus dem Kulturbereich. Bei einem dieser Treffen offenbarten sich die Synergien zwischen den Anliegen von FOSTER und dem Thema der diesjährigen VIENNA BIENNALE FOR CHANGE.

„Die Idee war nicht Kunst am Feld, sondern ein Austausch“, erklärt Kuratorin Marlies Wirth, die durch den Besuch im Garten angestoßen, die von Angelika Loderer zusammengefundene Gruppe nun in den Ausstellungsraum holt. Eine Schau, die sich den Erfahrungen und Recherchen, die die Künstler*innen in der Soil and Water Residency gemacht haben, widmet und neue Arbeiten, die aus ihrer künstlerischen Praxis entstanden, zeigt. Zu sehen sind keine Arbeiten „vom Feld“, sondern eine Werkauswahl, die die Heterogenität der Gruppe widerspiegelt. Nicht nur zahlreiche Materialien werden versammelt, sondern auch die unterschiedlichsten Techniken – Weben, Ätzen, Gießen, Malen und noch viele mehr. Gerade in einer von digitalen Zusammenkünften geprägten Zeit war es interessant zu beobachten, wie wesentlich die Beschäftigung mit Material für die Künstler*innen war, erklärt Wirth die Gemeinsamkeiten unter den Werken. So wird etwa Sophie Hirsch eine Arbeit aus gedrehten Plastikschnüren zeigen, eine Technik, die sie einst im Amazonas lernte, wo das Bewusstsein für das vorhandene Material sehr groß ist: „Man lernt die Dinge anders anzuschauen und ihr Potenzial zu erkennen“, erklärt Hirsch. Es sind Wegwerffolien von Möbelverpackungen, die sie zu schweren und robusten Tauen verarbeitet und nun mit Stegplatten in einem ausbalancierten Objekt inszeniert – das Thema der Abhängigkeiten ist hier auch Metapher.

HANS SCHABUS | Die Unterseite meines Gartens (Europlatte), 2021 | © by the artist

„Foster“ bedeutet zu Deutsch so viel wie „pflegen, fördern, hegen“. Auf dem Feld ging es um diese Fürsorge gegenüber der Natur, aber auch der Kultur. Nicht nur haptische Erlebnisse prägten die Zeit des Projekts, „Wachstum zu sehen, in einer Zeit, in der alles ständig abgesagt wurde, hat gutgetan“, erklärt Sophie Hirsch, „aber auch, zu lernen loszulassen, was im Atelier oft schwer fällt. In der Natur kann man planen und unterstützen, aber nicht kontrollieren“. Der Acker am Stadtrand war im Frühling und Sommer 2020 ein Kontrast zum Lockdown in der Innenstadt. Kontrastreich präsentiert sich nun auch diese vielfältige Schau, die verschiedene Generationen vereint und auch eine Neuentdeckung wichtiger Positionen der Wiener Kunstlandschaft anregt. Während Hans Schabus das Verwildern thematisiert, befasst sich Roman Pfeffer mit dem Kultivieren. Wo Dejan Dukic Farbe durch Leinwände presst, beschäftigt sich Irina Lotarevich mit dem Abdruck ihrer Hand. Die Ausstellung ist eine Momentaufnahme von künstlerischen Prozessen, die sich fortsetzen. Auch in diesem Jahr wird Angelika Loderer wieder ein Feld pachten und Kolleg*innen einladen.

Ausstellungsansicht, FOSTER. The Soil and Water Residency, im Vordergrund: Dejan Dukic, love is in the air, 2021 © kunst-dokumentation.com/MAK

Museum für angewandte Kunst

Ausstellungshalle
Stubenring 5
1010 Wien
Österreich

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