Kunsthalle Wien: … von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden

Eine durch und durch zerrüttete Welt auf den Punkt gebracht

Dan Perjovschi, peace, 2020, Courtesy der Künstler & Gregor Podnar Gallery, Berlin

Engagiert, kritisch, phasenweise poetisch und dramaturgisch souverän umgesetzt. So kann man es auf den Punkt bringen: das Debüt des Kuratorinnen- und zugleich Direktorinnen-Kollektivs der Kunsthalle Wien WHW. Aus einer Fülle oft kleinteiliger Installationen und zeichnerischer Arbeiten durch Interventionen im Ausstellungsraum und zwischendurch auch großformatige Bildmotive an den Wänden entfaltet sich eine Vielzahl von Geschichten mit enormer politischer Sprengkraft.


Außerdem setzten die seit zwei Jahrzehnten von Zagreb aus im Kollektiv arbeitenden Expertinnen für Gegenwartskunst Ivet Ćurlin, Nataša Ilić und Sabina Sabolović in Kooperation mit Ana Dević mit einer deutlichen Mehrheit von Künstlerinnen und dem Eröffnungstermin am internationalen Frauentag noch ein weiteres Zeichen in Richtung gesellschaftlicher Emanzipation.


durchgehende Kapitalismus Kritik

Dass die Linie der Kritik in den Ausstellungen der Kunsthalle Wien entlang einer Tangente verlaufen würde, die das kapitalistische Weltsystem grundsätzlich in Frage stellt, das ließ bereits die bisherige Arbeit des Kollektivs WHW vermuten. Allerdings bedarf es wohl wenig tiefgreifender Analysen, um die destruktiven Kräfte unseres Wirtschaftssystems zwischen Klimaproblematik, Hunger und Umweltzerstörung bis hin zu Themen der globalen Migration und Ursachen massenweiser Flucht zu registrieren.

Geschickt jedoch umschiffen die WHW Kuratorinnen die Gefahr einer Thesenausstellung, in der die Werke lediglich zur Illustration vorweg formulierte Grundgedanken eingesetzt werden. Ihr erstes Auswahlkriterium beruht auf Künstlerpersönlichkeiten, mit denen WHW kontinuierlich im Dialog stehen. Dass sich deren Werke nicht schnell mit einem Blick oder wie Videos, von denen es wenige gibt, innerhalb einer begrenzten Timeline aufnehmen lassen, verlangt vom Publikum die Bereitschaft zur Entschleunigung, um in die Werkzusammenhänge einzudringen.

Wenn Andreas Siekmann diverse böse Figuren, die für umstrittene Thesen zum Kapitalismus stehen, wie den Ökonomen Friedrich A.v. Hayek zum Teil einer Installation macht, dann in Form von eine Miniaturbüsten aus Plastilin. Für seine Objekte der Golden Greats aus der sogenannten Österreichischen Schule des Liberalismus verwendet Siekmann also modellierbares Spiel-Material aus dem Kinderzimmer. Somit geht es auch um Begriffe von Skulptur und die Kritik an der Erzählung von Heldengeschichten.

Geschickt jedoch umschiffen die WHW Kuratorinnen die Gefahr einer Thesenausstellung, in der die Werke lediglich zur Illustration vorweg formulierte Grundgedanken eingesetzt werden.

Roland Schöny

 

Ausstellungsansicht: ... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden, Kunsthalle Wien 2020, Foto: Jorit Aust: Alice Creischer, In the Stomach of the Predators, 2012–2014, Courtesy die Künstlerin & KOW, Berlin

Ausstellungsansicht: ... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden, Kunsthalle Wien 2020, Foto: Jorit Aust: Alice Creischer, In the Stomach of the Predators, 2012–2014, Courtesy die Künstlerin & KOW, Berlin


traditionelle Umsetzungsformen weiterentwickelt

Man kommt drauf, dass Zeichnungen und Aquarelle der fast 80-jährigen Silvia Placios Whitman, die in ihrem Stil ebenfalls an Arbeiten von Kindern erinnern, aber für die Welt bedeutsame Ereignisse aus der Sicht der Künstlerin von Chile aus aufgreifen, vielleicht deshalb in der Nähe ausgestellt sind. Manches könnte wie beiläufig wirken. Plakate im Aufgangsbereich etwa. Sie stammen aus dem Archiv der in Berlin lebenden Marina Naprushkina aus Belarus. Die Künstlerin betreibt ein kooperatives Flüchtlings- und Nachbarschaftsprojekte in Berlin Moabit. Hier entstanden die Motive mit Rückbezügen zu den sozialen Verhältnissen im arabischen und zentralafrikanischen Raum.

Cover: Jan van Eyck, Verkündigung des Herrn, ca. 1434-1436 (Detail), Öl auf Holz auf Leinwand übertragen, 92,7 x 36,7 cm | Andrew W. Mellon Collection, National Gallery of Art Washington, D.C.

Im oberen Hauptraum lockert ein Wandbild von Viktoria Lomasko das Szenario auf. Ein phantastisches Graffiti erzählt von den Verhältnissen und geheimen Utopien im postsowjetischen Russland. Währenddessen zeigt eine mehrteilige Videoarbeit von Oliver Ressler die vielen Aspekte der Proteste gegen die gescheiterte Klimakonferenz in Paris. Die auffallend geringe Anzahl von Medienarbeiten wird vielleicht ausgeglichen durch eine Video-Installation in Facebook Blau in der Kunsthalle Karlsplatz. Aufgebaut ist sie wie eine Lecture der Künstler Giorgi Gago Gagoshidze, Hito Steyerl & Miloš Trakilović. Thema ist die Vermarktung des Billigen oder von der Peripherien Kommenden als High End Produkte. Ausgangspunkt ist die Luxusmarke Balenciaga, die etwa die blaue IKEA Tasche etwas veränderte und in ein Life-Style Accessoire umwertete.


vom Versinken des guten Lebens

Nirgendwo aber manifestiert sich hier das sogenannte »gute Leben«, worauf der Titel der Ausstellung in Form eines Zitats des libanesischen Schriftstellers Bilal Khbeiz anspielt. In einem Essay über den Alltag unter dem Paradigma der Globalisierung thematisierte er 2003 die soziale Kluft zwischen dem globalen Süden und der westlichen Welt. Seither wurden die Risse nur noch deutlicher. In verschiedenen Formen künstlerischer Umsetzung konfrontiert die Ausstellung daher mit einer durch und durch zerrütteten Welt.

Kunsthalle Wien

Museumsquartier
Museumsplatz 1
1070 Wien
Österreich

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