Das Garage Museum in Moskau widmet sich der Klimakrise

Ecology as the New Politics

Doug Aitken, The Garden, 2019 Ausstellungsansicht, The Coming World: Ecology as the New Politics 2030—2100 Ausstellung im Garage Museum für zeitgenössische Kunst, Moskau, 2019 Foto: Alexey Narodizkiy © Garage Museum of Contemporary Art

Über 50 russische und internationale Künstler beschäftigen sich mit der wohl wichtigsten Frage unserer Zeit: Wie stoppen wir den Klimawandel? Im zeitgenössischen Museum Garage steht allerdings nicht nur der Inhalt im Fokus – die Ausstellung wurde auch möglichst klimaneutral kuratiert.


Das Areal des Museums im Gorki Park wird für „The Coming World: Ecology as the New Politics 2030–2100“ zu einer Dystopie. Zwei Jahreszahlen geben den Zeitraum vor: 2030 gilt als das Jahr, indem laut Paul Ehrlich alle Ölreserven aufgebraucht sein sollen. Im Jahr 2100 sollen Menschen in der Lage sein, sich auf andere Sternensysteme auszuweiten – so zumindest die Prognose von Arthur Clarke. Dazwischen liegt die Erkenntnis: „There is no planet B“.

Cover PARNASS 03/2019 | Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04, Öl auf Leinwand, 159 x 109 cm | Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger (Detail)

Zerstörung als wiederkehrendes Motiv

Zerstörung ist ein Motiv, das in der Ausstellung immer wieder heraufbeschwört wird und in dessen Mittelpunkt der Mensch steht. Bei der Installation Environmental Triage: An Experiment in Democracy and Necropolitics (Critical Art Ensemble) entscheiden sich Besucher für ein Gewässer, das sie retten wollen. Das Critical Art Ensemble hat dazu das berühmte MoMa Poll von Hans Haacke ausgeweitet.

Oft ist es auch die eigene Vorstellung, die im Garage Museum Risse bekommt. In der Multimedia-Installation Rimini Protokoll (Künstlerkollektiv Haug/Kaegi/Wetzel) werden Menschen mit Quallen konfrontiert, die ihnen in einem Punkt überlegen sind – sie sind die klaren Gewinner des Klimawandels.

Trotz der unterschiedlichen Herkunftsländer der Künstler kann Kuratorin Ekaterina Lazareva keinen Unterschied in der Herangehensweise feststellen. Ein Künstler aus Großbritannien könne über Tschernobyl genauso sprechen wie ein amerikanischer Künstler über die Ölpest in Spanien. „Das beweist erneut meinen Standpunkt, dass Ökologie und Umweltfragen Themen sind, die uns alle betreffen“, sagt Lazareva.

Ein Künstler aus Großbritannien könne über Tschernobyl genauso sprechen wie ein amerikanischer Künstler über die Ölpest in Spanien.

Annemarie Andre

 


Historische Wendepunkte

Seit mehr als 30 Jahren wird vor dem Klimawandel und dessen Auswirkungen gewarnt. Die ersten Werke der Environmental Art gehen sogar noch weiter zurück. Als Vorreiter gilt die Landschaftsmalerei und das Aufkommen der Land Art in den späten 60er Jahren. Das älteste Werk der Ausstellung „The Coming World“ ist ein flämischer Wandteppich aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Es zeigt die unzähmbare Natur, die dem Menschen immer überlegen ist.

In den Plänen, die Le Corbusier 1930 für die Stadt Algier zeichnete, wird eine moderne Stadtplanung mit Grüninseln statt Beton sichtbar. Die Entstehung der Land Art machte dann organische Materialien, also Natur selbst, zum Mittelpunkt der Kunst. Ekaterina Lazareva ist davon überzeugt, dass Environmental Art wieder zunehmen wird. „Arbeiten, die sich mit diesen Themen befassen, sind in den letzten Jahren selten geworden, vielleicht werden es in Zukunft mehr sein, da es sich um ein einziges sehr wichtiges Thema handelt“, so Lazareva.

Sergei Kishchenko, Temple of Venus, 2019 Ausstellungsansicht, The Coming World: Ecology as the New Politics 2030—2100 Ausstellung im Garage Museum für zeitgenössische Kunst, Moskau, 2019 Foto: Alexey Narodizkiy © Garage Museum of Contemporary Art

Sergei Kishchenko, Temple of Venus, 2019 Ausstellungsansicht, The Coming World: Ecology as the New Politics 2030—2100 Ausstellung im Garage Museum für zeitgenössische Kunst, Moskau, 2019

Foto: Alexey Narodizkiy © Garage Museum of Contemporary Art


Klimasünder Museum

Kunstwerke, die kilometerweit von A nach B gefahren werden, dicke Kataloge und Materialien, die nicht wiederverwendet werden: Der konventionelle Museumsbetrieb ist wenig nachhaltig. Bei „The Coming World“ war für die beiden Kuratorinnen Snejana Krasteva und Ekaterina Lazareva sofort klar, dass sie andere Wege gehen werden. „Es war definitiv viel schwieriger als die herkömmliche Ausstellungspraktik – wir mussten bei jeder Arbeit überlegen: lohnt es sich wirklich, die zu verschiffen?“, so Lazareva. Einige Arbeiten wurden nach den Anweisungen der Künstler vor Ort rekonstruiert, um den CO2-Fußabdruck des Projekts gering zu halten. Informationen zu den Installationen gibt es für Besucher nur mittels E-Katalog.

Das Umdenken, zu dem in „The Coming World“ aufgefordert wird, hat bereits in der kuratorischen Praxis stattgefunden analog zu Greta Thunbergs Aufforderung: „System Change not Climate Change“.

Garage Museum of Contemporary Art

9/32 Krymsky Val st.,, 119049 Moskau
Moskva
Russland

Ecology as the New Politics

Von 28. Juni bis 1. Dezember 2019

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