Arthur Jafa mit Ming Smith, Frida Orupabo, Missylanyus, 2018, ARTHUR JAFA: A SERIES OF UTTERLY IMPROBABLE, YET EXTRAORDINARY RENDITIONS, Ausstellungsansicht, Julia Stoschek Foundation, Berlin | Courtesy der Künstler und Julia Stoschek Foundation, Düsseldorf/Berlin

Projekträume, Privathäuser, Kunstmessen – und ein Keller aus der DDR-Zeit: In drei Tagen ist es kaum möglich, die spannendsten Ausstellungen der Berlin Art Week zu sehen. Zwangsläufig verpasst man vieles. PARNASS warf sich dennoch unverdrossen ins Geschehen und besuchte die vielversprechendsten Ausstellungsräume von Privatsammlern.


Irgendwann ist es dann so weit: Man hat akzeptiert, dass in den drei Tagen des Aufenthalts nicht alles besichtigt werden kann, womit die Berlin Art Week aufwartet. Man versucht, sich auf die aller-aller-spannendsten Ausstellungen zu beschränken. Ist fast froh über Entscheidungen, die man nicht selbst treffen muss. Dass zum Beispiel die Eröffnung der Ausstellung in der Kunstakademie aufgrund des „Erdogan-Besuchs“ und wegen der zahlreichen Straßensperren verschoben wurde und man diese daher nicht mehr sehen kann.

Was natürlich andererseits enorm schade ist: Denn erstmals wird der Keller der Akademie, der in der DDR als eine Art Refugium für künstlerische Freiheitsübungen genutzt wurde, einem öffentlichen Publikum präsentiert. Er wäre sicher ebenso sehenswert gewesen wie die vielen Projekträume, die bei dieser Art Week besonders hervorgehoben wurden und von denen man nur einen oder zwei gesehen hat, wie die Ausstellung über die Situationistische Internationale im Haus der Kulturen der Welt, und natürlich die vielen Privatsammlungen.

Für die Berlin Art Week, dieses Jahr zum siebten Mal abgehalten (und damit etwas jünger als ihr Wiener Pendant), öffneten manche Kunstliebhaber sogar ihre Wohnungen und Häuser, die sonst nicht zugänglich sind. Doch auch an jenen Orten, wo Sammlerinnen und Sammler Kunst zeigen, konnte man tolle Entdeckungen machen.

Arthur Jafa mit Ming Smith, Frida Orupabo, Missylanyus, 2018, ARTHUR JAFA: A SERIES OF UTTERLY IMPROBABLE, YET EXTRAORDINARY RENDITIONS, Ausstellungsansicht, Julia Stoschek Foundation, Berlin | Courtesy der Künstler und Julia Stoschek Foundation, Düsseldorf/Berlin

Arthur Jafa mit Ming Smith, Frida Orupabo, Missylanyus, 2018, ARTHUR JAFA: A SERIES OF UTTERLY IMPROBABLE, YET EXTRAORDINARY RENDITIONS, Ausstellungsansicht, Julia Stoschek Foundation, Berlin | Courtesy der Künstler und Julia Stoschek Foundation, Düsseldorf/Berlin

Doch auch an jenen Orten, wo Sammlerinnen und Sammler Kunst zeigen, konnte man tolle Entdeckungen machen.

Nina Schedlmayer

Zum Beispiel in der Julia Stoschek Collection. Die auf zeitbasierte Kunst spezialisierte Sammlerin betreibt an der Leipziger Straße, inmitten von Plattenbauten zusätzlich zu ihren großen Räumen in Düsseldorf ihre Berliner Depandance. Der US-amerikanische Filmemacher, Kameramann und Künstler Arthur Jafa, Jahrgang 1960, hat darin einen Parcours aus Videoprojektionen, Fototapeten und Collagen errichtet, mit Hilfe seiner Kolleginnen Ming Smith, Frida Orupabo und Missylanyus.


Arthur Jafa in der Julia Stoschek Collection

Die Ausstellung mit dem etwas länglichen Titel „Arthur Jafa: A Series of Utterly Improbable, Yet Extraordinary Renditions“ war zuvor in der Londoner Serpentine Gallery zu sehen. Sie kreist um die Frage: Wie werden Identität und ethnische Zugehörigkeit dargestellt?

Wie werden Identität und ethnische Zugehörigkeit dargestellt?

Da kreuzen einander schockierende Fotografien von ermordeten Afroamerikanern mit Videoarbeiten, in denen Musikrichtungen wie Jazz und Funk abgefeiert werden, Aufnahmen von schwarzen Sängerinnen und Sängern. Während auf einem Video eine Frau lang darüber spricht, dass sie „sicher nicht rassistisch“ sei (und zu der haarsträubenden Aussage kommt, dass Weiße derzeit „die härteste Zeit“ haben), laufen nebenan Filmausschnitte in Schwarzweiß, in denen Afroamerikaner eine schwungvolle Party feiern.

Arthur Jafa, Apex, 2013, Video, Ausstellungsansicht, Julia Stoschek Foundation, Berlin, 2018 | Courtesy der Künstler und Julia Stoschek Foundation, Düsseldorf/Berlin

Arthur Jafa, Apex, 2013, Video, Ausstellungsansicht, Julia Stoschek Foundation, Berlin, 2018 | Courtesy der Künstler und Julia Stoschek Foundation, Düsseldorf/Berlin

Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen, man kann viel Zeit damit verbringen, die Videoarbeiten zu betrachten, die teilweise Stunden dauern. In Jafas Kosmos vereinen sich Horror und Freude, Hass und Lebensmut, Unterdrückung und Befreiung. Schade nur, dass man kein handlicheres Buch dazu produziert hat – der massive Ausstellungskatalog wäre ein taugliches Mordinstrument.


Candice Breitz im Salon Frieder Burda

Auch die Schau im Salon Frieder Burda dreht sich um ein ernsthaftes Thema: Die 1972 geborene Künstlerin Candice Breitz stellte den Arbeiten des Pop-Art-Künstlers William N. Copley, in denen Prostituierte Objekte der Begierde darstellen, zwei Videoarbeiten gegenüber. Darin kommen südafrikanische Sex Worker zu Wort: In einer 13-Kanal-Installation performen sie, orange gekleidet, mit Schildern wie bei Demos. Auf diesen stehen Sätze wie: „Save your own ass“, „My body my business“ oder „Nothing about us without us”.

Es sind die exakt richtigen Arbeiten, die auf Copleys letztlich doch leicht verschwitzte Männerphantasien antworten: eine Reihe starker Frauen.

Nina Schedlmayer
Candice Breitz, TLDR, 2017, 13-Kanal Installation | Courtesy KOW, Berlin, Foto: Sydelle Willow Smith

Candice Breitz, TLDR, 2017, 13-Kanal Installation | Courtesy KOW, Berlin, Foto: Sydelle Willow Smith

Sie spielen darauf an, dass ihre Stimmen in der heiklen Debatte um Sexarbeit fast nie gehört werden. Einen Raum weiter kommen sie zu Wort: Frauen, die sich an erfreuliche oder aber fürchterliche Erlebnisse mit Kunden erinnern, die von ihren Träumen erzählen oder von Kolleginnen, die Opfer unaufgeklärter Morde wurden. Es sind die exakt richtigen Arbeiten, die auf Copleys letztlich doch leicht verschwitzte Männerphantasien antworten: eine Reihe starker Frauen.


me Collectors Room

Eine reine Männergalerie dagegen findet sich gleich gegenüber, in der Ausstellung „The Moment is Eternity“ im Me Collectors Room Berlin des Sammlers Thomas Olbricht. Die „48 Porträts“ von Gerhard Richter in einer fotografischen Version – die Gemälde sind im Besitz des Museums Ludwig in Köln – sind gänzlich frei von Frauen. Bedeutende Vertreter der Moderne hat der Maler darin porträtiert, in seinen Augen offensichtlich eine ausschließlich männliche Angelegenheit.

Die Schau, kuratiert von Anette Kicken, versammelt Fotoarbeiten von 60 Künstlerinnen und Künstlern aus der Olbricht-Collection, darunter Werke von Cindy Sherman, Lee Friedländer, Juergen Teller, Tina Barney und Marlene Dumas – ergänzt von diversen Artefakten und naturkundlichen Objekten. Sie zielt in Zusammenhang mit der Fotografie auf die Vergänglichkeit und den Versuch, den „entscheidenden Moment“ (Henri Cartier-Bresson) festzuhalten: „Dem Augenblick Dauer zu verleihen, ist dem Medium per se eingeschrieben“, heißt es im Begleittext.

The Moment is Eternity – Works from the Olbricht Collection, 2018, Ausstellungsansicht, me Collectors Room Berlin | Courtesy me Collectors Room Berlin, Foto: Bernd Borchardt

The Moment is Eternity – Works from the Olbricht Collection, 2018, Ausstellungsansicht, me Collectors Room Berlin | Courtesy me Collectors Room Berlin, Foto: Bernd Borchardt

Die „Wunderkammer“ toppt die – letztlich wenig aufregende Fotoausstellung – um einiges und ist die eigentliche Sensation dieses Raums.

Nina Schedlmayer

Mit diesem Link bezieht sich die Kuratorin auf die Sammlung selbst, aus der zahlreiche Exponate im ersten Stock des Me Collectors Room in einer „Wunderkammer“ ständig präsentiert wird. Anatomische Puppen, Skelette und Totenschädel sonder Zahl[PW1] , eine Kugel aus Mäuseskeletten, Uhren, Korallen, Schnitzereien auf Nussschalen – all diese Herrlichkeiten treffen hier aufeinander, sinnträchtig ergänzt von zeitgenössischer Kunst wie etwa einem grotesken Schwein-Mensch-Hybrid Patricia Piccininis. Die „Wunderkammer“ toppt die – letztlich wenig aufregende Fotoausstellung – um einiges und ist die eigentliche Sensation dieses Raums. Er erinnert einen daran, dass in Wien vergleichbare Spaces noch schmerzlich fehlen.

Erweiterung der Wunderkammer Olbricht, Ausstellungsansicht | Courtesy me Collectors Room Berlin, Foto: Bernd Borchardt

Erweiterung der Wunderkammer Olbricht, Ausstellungsansicht | Courtesy me Collectors Room Berlin, Foto: Bernd Borchardt

Berlin Art Week

verschiedene Spielstätten, 10179 Berlin
Deutschland

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