Auktionsschwerpunkt Italienische Avantgarde im Dorotheum

ZERO und die Folgen

Italienische Avantgardekunst in Wien zu präsentieren und von hier aus zu Spitzenpreisen auf den internationalen Kunstmarkt zu bringen, ist eine der Stärken des Wiener Dorotheums. Mit zwei Büros in Italien – in Rom und in Mailand – hat das traditionsreiche Auktionshaus die besten Voraussetzungen, an hervorragende Werke zu kommen. Dies zeigt sich neuerlich in der bevorstehenden Auktionswoche Ende November.


Als am 3. August 1964 in der Galerie Wulfengasse 14 in Klagenfurt eine Ausstellung mit Werken des bis dahin in Österreich weitgehend unbekannten italienischen Künstlers Enrico Castellani eröffnet wurde, war die Aufregung groß: Er und seine Kollegen hatten ein Magazin mit dem Titel „ZERO“ publiziert und sich unter diesem Begriff als Avantgarde-Gruppierung positioniert. Ein gefundenes Fressen für allerlei despektierliche Wortspiele vonseiten der Klagenfurter Ausstellungsbesucher. Ein erschrockenes Publikum und ebenso verständnislose Kritiker konnten mit dieser reduzierten, minimalistischen Abstraktion, mit Monochromie, unkonventionellen Materialien und teilweise brachialer Bearbeitung der Malgründe mit Rissen, Schnitten und Verbrennungen wenig bis gar nichts anfangen.

Enrico Castellani | Ohne Titel (Superficie bianca), 1963, Acryl auf geformter Leinwand, 40 × 50 × 4 cm, Schätzwert € 100.000 bis 150.000

Eines der neun monochromen rhythmischen Wandreliefs Enrico Castellanis, die 1964 erstmals in Österreich zu sehen waren, kehrt nun nach mehr als einem halben Jahrhundert zurück und ist eines der Highlights der kommenden Auktion internationaler zeitgenössischer Kunst im Wiener Dorotheum: „Untitled (Superficie bianca)“ von 1963, Schätzpreis 100.000 bis 150.000 Euro. Längst ist ZERO als eine der wichtigsten Avantgardeströmungen nach 1945 sowohl im kunsthistorischen Kontext als auch auf dem Kunstmarkt anerkannt und erfolgreich. Die Beiträge italienischer Künstlerinnen und Künstler sowie von verschiedenen, teils auch politisch motivierten Gruppierungen bereicherten die internationale Kunstszene. Damals war es eine Entdeckung für innovative Spezialisten wie das Klagenfurter Galeristenpaar Heide und Ernst Hildebrand – die übrigens sehr früh auch den Österreicher Hans Bischoffshausen ausstellten und förderten. Sie hatten das Potenzial der neuen Kunst bald erkannt und in der Folge in ihrer Galerie nicht nur mehrere ZERO-Repräsentanten, sondern 1965 mit Lucio Fontana auch einen der geistigen Väter der Bewegung präsentiert.[1]

„Lucio Fontana spielte eine ganz große Rolle für viele andere Künstler wie Enrico Castellani oder Agostino Bonalumi, der sein Studio frequentierte“, erklärt Dorotheum-Expertin Patricia Pálffy. Der „Übervater“ der ZERO-Bewegung ist gleich mit mehreren Werken in der aktuellen Dorotheum-Auktion vertreten. Darunter eine seiner monochromen Leinwände mit exakten Schnitten, die die Grenze zwischen Zwei- und Dreidimensionalität überschreiten und quasi zu seinem Markenzeichen geworden sind: „Concetto Spaziale, Attesa“, 1967/68. Weiters Papier- und Keramikarbeiten des 1899 in Argentinien als Sohn italienischer Eltern geborenen und 1968 in Italien verstorbenen Bildhauers und Malers, etwa “Deposizione“ aus 1954/56 mit einem Schätzpreis von 200.000 bis 300.000 Euro.

Im Umfeld von Fontanas Inspiration ist eine Vielzahl von Werken unterschiedlicher Künstler entstanden, die seine Grundidee, die puristische Konzentration von Farbe und Form, auf unterschiedlichste Weise interpretierten und weiterentwickelten. Zur aktuellen Auktion gelangen unter anderem Werke des in Wien geborenen italienischen Künstlers  Gastone Novelli („Con un segnale“, 1960, 70.000 bis 90.000 Euro), von Piero Dorazio („Chiar di luna“, 1962, 90.000 bis 120.000 Euro) oder von Jannis Kounellis, Mitbegründer der Arte Povera, der zwar Grieche war, sich aber der italienischen Avantgarde zugehörig fühlte („Untitled (2parts)“, 1989, 250.000 bis 350.000 Euro).

Fontana | Concetto Spaziale, Attesa, 1967/68, Dispersionsfarbe auf Leinwand, 46 × 55 cm, in Plexiglas, Schätzwert € 400.000 bis 600.000, Auktion Zeitgenössische Kunst 25. November 2020 | Fotos: © Dorotheum

Da das Dorotheum schon sehr früh mit Büros in Italien vertreten war, profitiert man seit Langem von den guten Kontakten und konnte kontinuierlich die Stärken im Bereich italienischer Kunst ausbauen, erklärt die zuständige Expertin Patricia Pálffy: „Wir hatten bereits im Mai 2011 ein historisches Werk von Castellani mit sehr gutem Erfolg verkauft. Ab diesem Moment folgten immer wieder bedeutende Arbeiten von Lucio Fontana und weiteren Avantgarde-Künstlern in den Auktionen.“ Die Künstler der Gruppe Azimuth – Castellani, Bonalumi und andere –, die mit dem Movimento ZERO korrespondierten, konnten in den Dorotheums-Auktionen immer wieder Rekordpreise erzielen: 2014 zum Beispiel wurde Paolo Scheggis „Zone Riflesse“ aus 1965, ein 120 x 80 x 5,5 cm großes Bild mit Acryl auf drei übereinander gelegten Leinwänden, für 573.300 Euro verkauft, damals ein Weltrekord für ein Werk dieses früh verstorbenen Künstlers.

Die Interessen verlagern sich laufend, stellt Kunstexpertin Pálffy fest. „Ab 2017 gab es wieder mehr Interesse für Informel: Emilio Vedovas ‚Tensione, N 4 V‘ von 1959 wurde zum Weltrekordpreis von 792.500 Euro ersteigert. Später wurde eine Künstlerin wie Carla Accardi entdeckt, eine Mitbegründerin der Gruppo Forma 1, oder Piero Dorazio; von beiden haben wir Werke in der nächsten Auktion.“ Mehrere Frauen haben sich ihren Rang in der italienischen Avantgarde erarbeitet, neben Carla Accardi etwa auch Eduarda Emilia Maino, die unter dem Namen Dadamaino zur Mailänder Avantgarde der 1960er-Jahre gehörte und deren Werke den internationalen Kunstmarkt erobern. Auch der Name Marina Apollonio, die sich mit ihren „Dinamiche Circolari“ der Op-Art annähert, taucht in den Dorotheum-Auktionen regelmäßig auf.

Generell – und das betrifft die meisten Sparten – ist es zur Zeit nicht einfach, Kunstwerke von erster Qualität zu akquirieren.

Carla Accardi, Integrazione Ovale, 1958, Kasein auf Leinwand, 131 × 197 cm, versteigert für € 295.800 (Weltrekord) im Dorotheum © Dorotheum

Die Leute trennen sich ungern von ihren Schätzen, weil es wenig andere sichere Wertanlagen gibt.

Patricia Pálffy

„Die meisten Werke für unsere Auktionen kommen aus internationalen Sammlungen. Sie vertrauen uns Bilder an, weil wir gerade auf diesem Gebiet unsere Stärke bewiesen haben“, so die Expertin. „Meistens gehen die Arbeiten wieder an internationale Sammler – Italiener, Franzosen, Deutsche oder Amerikaner. In manchen Fällen sind die Käufer aber auch Österreicher, die die italienische Avantgarde allmählich zu schätzen lernen.“

Palais Dorotheum

Dorotheergasse 17, 1010 Wien
Österreich

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[1] Details dazu in „Mehr als ZERO. Hans Bischoffshausen und die Galerie Hildebrand“. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, 8. Oktober 2015 bis 14. Februar 2016 in der Orangerie des Belvedere, Wien

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