Klaus Pamminger, Ge-stell Modell #6 (vertigo), 2017/2018 © Michael Michlmayr

Der Kunstraum Nestroyhof versammelt in seiner aktuellen Ausstellung „Verrat der Fotografie“ neun internationale Positionen aus der postfotografischen Praxis. Im Rahmen des Foto Wien Festivals 2019 wird damit ein Schlaglicht auf aktuelle Entwicklungen im Bereich der Fotografie und darüber hinaus geworfen.


Die Entkoppelung des fotografischen Bildes von seiner analogen Herstellung erzeugt ein schwer zu durchblickendes Fluidum aus Bits und Bytes. Digitale Bildwelten stehen in einer sehr ambivalenten und komplexen Verbindung zu ihrer Produktionsweise und Referentialität. Obwohl uns die Bildermasse des Internets zu einem unreflektierten, visuellen Konsum verführt, ist doch schon längst klar, dass wir dem digitalen Bild nicht mehr ohne weiteres trauen dürfen.

Die im Nestroyhof gezeigten Arbeiten überschreiten das Medium der Fotografie und treten gegen die suggerierte Unschuld dieser Bilderlawine auf. Gleichzeitig arbeiten sie gegen eine Banalisierung des Umgangs mit zeitgenössischer Fotografie und massenmedialer Bildpräsenz.


Von Pornographie bis Terrorangriff

Die unüberschaubare Produktion und der quantitative Konsum an Abbildungen bedient sich sämtlicher Bereiche des Lebens: Von der Pornographie bis zum humoristischen Meme, vom Terrorangriff bis zur Ausstellungseröffnung warten Datenpakete im Internet auf ihren jederzeitigen Download.

Diese unkontrollierte Omnipräsenz kann jedoch sehr leicht gegenaufklärerische Folgen nach sich ziehen, wie es beispielsweise Philipp Pess in seinem Triptychon „Altar Ego“ andeutet: „Die gleichzeitige Anwesenheit alles je Geschaffenen ist nach den Lehren mittelalterlicher Theologen die Hölle … Unter diesen Auspizien kann das Internet als ein Ort der Weltverstopfung, als digitale Hölle aufgefasst werden. Denn das Netz vergisst nicht.“

Die im Erdgeschoß präsentierte Arbeit bezieht sich zudem in unterhaltsamer und raffinierter Kleinteiligkeit auf die virtuelle Repräsentanz des Menschen sowie die Selbstdarstellung in den sozialen Medien. Dabei überschneidet Pess mittels Smartphone, analoger/digitaler Fotografie sowie 3D-Scans die absurden Bildwelten Hieronymus Boschs mit den kafkaesk anmutenden Abgründigkeiten eines David Lynch.

Allen gezeigten Arbeiten wohnt eine kritische Hinterfragung des Bildkonsums implizit inne.

Daniel Brezina

Ein weiterer, großer Themenbereich dieser Ausstellung bespricht die Körperlichkeit der Bildobjekte und deren räumliche Interaktion. So erweitert die subtile Arbeit von Klaus Pamminger, basierend auf einem Filmstill von Hitchcocks „Vertigo“, die sogartige Inszenierung der Bildfluchten in den Ausstellungsraum. Christiane Peschek thematisiert mit ihrer mehrteiligen Arbeit „Surface Studies II“ die gesellschaftspolitische Dimension einer entkörperlichten, virtuellen Präsenz. Die Analyse digitaler Retusche führt hier zu einer Hinterfragung eines überzeichneten Schönheitsideals, das zu einer aggressiven Selbstoptimierung bis zur körperlichen Entfremdung führen kann.

Ergänzt werden die genannten Arbeiten durch politisch gewichtete Ansätze wie Michaela Putz‘ (*1984) „On The Water“, die angesichts der Bilder von Flüchtlingsbooten das monotone Swipen auf Displays als „Geste der Missachtung“ und emotionalen Kälte hinterfragt. Allen gezeigten Arbeiten wohnt eine kritische Hinterfragung des Bildkonsums implizit inne. Die künstlerische Anverwandlung einer potenziell beliebig erweiterbaren, digitalen Manipulation des Bildes eröffnet auch deren schöpferisches Potenzial für eine reflektierte, emanzipatorische Bildpraxis.


Weitere Informationen zur Foto Wien finden Sie in unserem aktuellen PARNASS 1/2019.

Zur Ausgabe

Kunstraum Nestroyhof

Nestroyplatz 1, 1020 Wien
Österreich

Verrat der Fotografie

7. März – 9. Mai 2019

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