Michela Ghisetti Selbstportrait, Hommage an Gerhard Richter, Farbstift auf Papier, 100 x 70 cm, 2008 © michelaghisetti

ICH BIN ALLES Während in Zeiten der Corona Krise Vieles in Frage gestellt wird, Museen und Galerien geschlossen bleiben müssen und geplante Ausstellungseröffnungen unsicher werden, bleibt, die aus Bergamo stammende, Künstlerin Michela Ghisetti gelassen und freut sich auf Ihre erste Retrospektive in der Albertina. PARNASS Autorin Clarissa Mayer-Heinisch traf die Künstlerin zum virtuellen Studio Visit.


„Ich bin nicht gänzlich unvorbereitet auf die globale Krise“, sagt Michela Ghisetti während unseres virtuellen Atelierbesuchs. Da sitzt sie, inmitten ihrer vielen überdimensionalen Glaskugeln und fädelt diese mittels Schiffstauen zu langen Ketten. Einer dunklen und einer hellen, die gemeinsam die Arbeit „Unus Mundus“ ergeben. „Ich träume schon lange von einer anderen Welt, mehr Zusammenhalt unter den Menschen, einer Entschleunigung und einer Reduktion auf das Wesentliche“ erklärt Ghisetti ihre Philosophie, aber gleichzeitig auch die Botschaft dieser Arbeit.

Michela Ghisetti, Foto: @danielaberanek

Michela Ghisetti, Foto: @danielaberanek

Michela Ghisetti hat an der Accademia di Belle Arti in Bergamo und an der Akademie der Bildenden Künstle in Wien studiert. Ihre ersten künstlerischen Schritte waren fotorealistische Arbeiten, beispielsweise das Selbstportrait, das die Künstlerin so, wie das legendäre Bild „Betty“ von hinten darstellt, und das im Titel „Hommage an Gerhard Richter“, zeigt, wie stark dieser als Vorbild für Ghisetti wirkte. Den Bruch in ihrem künstlerischen Werdegang beweist die kleine rote Skizze eines Granatapfels mit dem Titel „Per-Sonare“. Auch hier geht es der Künstlerin um Tiefgreifendes, nämlich darum, wie stark eine Person in Resonanz zur Außenwelt steht.

„Den Weg des Fotorealismus habe ich verlassen, habe dann viel mehr komplett abstrakt gearbeitet“ und das war auch die Zeit, zu der Klaus Albrecht Schröder, der Direktor der Albertina und Kuratorin Antonia Hoerschelmann auf sie aufmerksam wurden. „Wer bist Du eigentlich“ wird Michela Ghisetti im Laufe ihrer Karriere immer wieder gefragt. Genau diese Frage gab für sie den Ausschlag, einen Rückblick zu wagen und in einem selbst erarbeiteten Katalog den gesamten Bogen ihrer Arbeit sichtbar zu machen. „Ich gehe nach Hause“ so der Titel des Buches und zugleich auch der Ausstellung in der Albertina.

Michela Ghisetti, UNUS MUNDUS, 2 Glasperlenketten, Perlen Durchmesser 22-25 cm, 4 x 7 Meter, 2020 © karinhackl

Michela Ghisetti, UNUS MUNDUS, 2 Glasperlenketten, Perlen Durchmesser 22-25 cm, 4 x 7 Meter, 2020 © karinhackl

„Eine große Chance, eine wertvolle Anerkennung und Wertschätzung meiner Arbeit in Österreich“ so die spontanen Worte der Italienerin, wenn sie an die Retrospektive denkt. „Kuratorin Hoerschelmann hat den roten Faden, der sich durchzieht entdeckt, so wird man ein Konzentrat meiner Arbeiten sehen“ freut sich Michela Ghisetti.

„In Who´s Watery Life Began“, ein großes gelbes Bild, macht den Anfang. Es sind Gedanken zum Ozean, die Michela Ghisetti während eines Tauchganges eingeschossen sind, als sie entdeckte, „dass die Welt doppelt so groß ist, als man auf Anhieb sieht.“ Und dass in „dessen flüssiger Füllung das Leben beginnt“ wie es im Titel des farbgewaltigen Bildes heißt. Für diese Arbeit ist Ghisetti zwei Monate gesessen, wie sie erzählt. Zuerst arbeitet sie mit Primärfarben auf großem Karton, so entstehen die Flecken. Dann geht sie mit kleinem Pinsel darüber, um mit winzig kleinen Punkten in Komplementärfarben das Bild zu ergänzen. „Es geht um den Kontrast, um die Wahrnehmung der Farben, um ein Spiel mit der Realität und darum, die Kehrseite der Medaille sichtbar zu machen“ erklärt die Künstlerin.

„Ich bin alles“ sagt Michela Ghisetti von sich selbst und so lässt sich auch ihre Kunst verstehen. Manchmal sind es Bilder, manchmal Skulpturen, oft sind es Punkte, oft Farben. Meist dominieren weibliche Themen und immer versucht die Künstlerin „seelisch in die Tiefe zu gehen.“  

Albertina

Albertinaplatz 1, 1010 Wien
Österreich

Michela Ghisetti | Ich gehe nach Hause
28. Mai bis 13. September 2020

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