Berlin Art Week

Routiniert absurde Fotografiekunst

Brooke DiDonato, Closure, 2016, Fotografie © Brooke DiDonato

Seit zwei Jahren versucht man im Berliner Stadtteil Neukölln in der ehemaligen Kindl-Brauerei, einem einzigartigen Gebäudeareal des Backsteinexpressionismus der 1920er Jahre, zu ergründen, was Zeitgenossenschaft ist. Mit der Berlin Art Week nimmt man sich fotografisch absurden Routinen und dem routinierten Absurden an.


Nachdem der Komplex der stillgelegten Kindl-Brauerei bereits ab 2014 versuchsweise mit Ausstellungen, Lesungen, Konzerten und Diskussionen bespielt wurde, initiierte das Ehepaar Burkhard Varnholt und Salome Grisard im Herbst 2016 das „KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst“. Mehr als 1.600 m² Ausstellungsfläche konnten sensibel in das denkmalgeschützten Gebäudeensemble integriert werden, wo nun auf drei Etagen des ehemaligen Maschinenhauses parallele Werkschauen möglich sind.

Wie gelungen diese ausfallen können veranschaulicht aktuell die zur Berlin Art Week 2018 eröffnete Ausstellung „Absurde Routinen“. Mit zehn internationalen fotografischen Positionen befragt die Schau die ermüdende Macht der Wiederholung und zeigt dabei erfrischend auf wie unterschiedlich dieses ewige Gleiche doch sein kann.

So legt Sebastian Stumpf seine routinierten Handlungsabläufe – regungslos in Wasserbassins treiben etwa – tragisch komisch im Raum aus, Ben Zank überzeichnet den täglichen Kampf des Seins mit seinen stets gesichtslosen Porträts von Körpern, die sich durch die Kulisse des Lebens biegen und winden, und Aleksey Kondratyev zeigt berührende Aufnahmen kasachischer Eisfischer, die sich in Plastikplanen umhüllt, tagtäglich vor der Witterung schützen. Daneben (über-)zeichnet Juno Calypso die Pflegeroutinen der „Schönheit“ und Brooke DiDonato thematisiert das befremdliche des Heimkommens in der in ihrem Elternhaus aufgenommenen Serie „A House Is Not a Home“.

Absurde Routinen, Installationsansicht KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst | Foto: Jens Ziehe, 2018

Absurde Routinen, Installationsansicht KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst | Foto: Jens Ziehe, 2018

Wie feinste Malerei wirken die „Cartographies“ von Louis De Belle, der Pendlern in den Straßen New Yorks auf dem Weg ins Büro folgt und die Spuren dieser täglichen gleichen Handlung anhand von Schweiß, Falten und Schmutz ihrer Kleidung nachvollzieht. Das Waschen beschäftigt unterdessen die italienische Künstlerin Sandra Lazzarini, die das Wäschemachen als Sinnbild des häuslichen Käfigs und dem Wunsch nach Pausen inszeniert. Routine als Zwang, Routine als Flucht, Routine als Sicherheit und Routine als Chance für einen vermeintlich gelungenen Alltag sowie Routine als Todschlagargument. Das Angebot an Interpretationen fällt überraschend groß aus.

Das Angebot an Interpretationen fällt überraschend groß aus.

Paula Watzl

Überraschend auch, dass diese Schau nicht im Geringsten beklemmt. Vielmehr macht sie Mut der Routine erhobenen Hauptes und mit schmunzelnden Mundwinkeln zu begegnen. Ihr entkommen ist schwer, aber mit ihr auskommen kann man, das legen die Künstler vorbildlich vor. Nicht zuletzt auch mit dem klaren Bekenntnis von Pierrick Sorins auch mal nicht routinemäßig funktionieren zu müssen. Im filmischen Selbstporträt „Les Reveils“ zeichnete er Morgen für Morgen seine ersten Worte nach dem Aufwachen auf, mühevoll und kraftlos. Gut funktioniert hier aber die beispielhafte kuratorische Arbeit von CUCO, einem Zusammenschluss von Hanna Dölle, Katherina Perlongo und Annika Turkowski, jungen Frauen aus Berlin, die es wohl auch künftig zu beobachten gilt.


Der Lauf der Dinge

Im nächsten Stockwerk kontert Kathrin Sonntag mit „Things Doing Their Thing" mit einer eigenwilligen und destruktiven Ausstellungsarchitektur. Ja, die Ausstellung ist schon offen, auch wenn es scheint, dass sie gerade noch aufgebaut wird. Die zentrale Arbeit „Problems and Solutions“ entzieht sich der klaren Einordnung. Zwischen Farbeimern und Leitern zeigt Sonntag ihre Fotos nonchalant als Fototapeten an den „unfertigen“ Museumswänden. Mit Spanngurten zügelt sie den Blick Richtung Werk, dennoch entgleitet er ab und an unweigerlich im lebhaften Raum.

Diese vermeintlichen Wahrnehmungsmuster reizen die Künstlerin, deren Arbeiten sich bewusst gewohnter Lesarten entziehen wollen. So zeigt sie das Gewohnte ungewöhnlich inszeniert, im Ausstellungsraum wie im einzelnen Werk. Die 1981 in Berlin geborene Sonntag legt hier ein Manifest für das Provisorische und das Prozesshafte vor. Strenge und Perfektionismus kontert sie spielerisch mit konkreten Alltagseinblicken die unsere konsumorientierten Bildgewohnheiten anschneiden.

Kathrin Sonntag, Problems and Solutions, 2017, Installation, Fototapeten, diverse Materialien, Installationsansicht KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst | Foto: Jens Ziehe, 2018

Kathrin Sonntag, Problems and Solutions, 2017, Installation, Fototapeten, diverse Materialien, Installationsansicht KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst | Foto: Jens Ziehe, 2018


Die bisher größte Skulptur von Thomas Scheibnitz

Unbedingt muss ein KINDL Besuch auch einen Blick ins Kesselhaus umfassen. Nach Roman Signer, David Claerbout und Haegue Yang ist Thomas Scheibnitz der vierte Künstler der bis Mai die eindrucksvolle Halle bespielt. Das ortspezifisch entstandene „Palteau mit Halbfigur“ ist eine persönliche Annäherung des Künstlers an das charakterstarke Kesselhaus – einer fast 20 Meter hohen Halle, die an drei Seiten in vielfarbigen Schichten vom jahrzehntelangen Braubetrieb im Gebäude berichtet und die letzte schließlich den enorm großen Fenstern freigibt.

Eine dichte Recherche geht der Figur voraus die unterschiedliche Materialqualitäten vereint und den Prozess ihres Verschmelzens ungeschönt und doch hochgradig ästhetisch nachvollziehbar macht. „Gedanklich steht mein Bildhauer-Atelier Pate, als Vergleich – als Stillleben, als Lager, als Schau-Depot – als ein Raumentwurf. Wesentliches und Unwesentliches stehen dort gleichberechtigt zusammen, um von einem möglichen abschließenden Bildgedanken gesehen zu werden“, so der Künstler.

Er will Ideen eine Gestalt geben und so das Chaos ein wenig fassen. Und tatsächlich wirkt aufs erste ganz harmonisch, was sich bei näherer Betrachtung in heterogene Brocken von ganz unterschiedlichem Ausgang zerlegen lässt. Es ist die erste Arbeit die in dieser Halle am Boden realisiert wird, wenig verwunderlich also, dass Thomas Scheibnitz eben ein Plateau als Sockel des Werks konzipiert hat. So beansprucht er einen eigenen Ausschnitt des Raumes für sich, der jedoch im gelungenen Dialog mit dem Licht und den Farben des Umraumes wieder in den leisen Hintergrund rückt.

Thomas Scheibitz, Plateau mit Halbfigur, 2018, verschiedene Materialien, montiert, farbig gefasst, 829 x 733 x 613 cm, ortsspezifische Installation im Kesselhaus des KINDL - Zentrum für zeitgenössische Kunst| Foto: Jens Ziehe, 2018 (c) Thomas Scheibitz / VG BILD-KUNST, Bonn, 2018

Thomas Scheibitz, Plateau mit Halbfigur, 2018, verschiedene Materialien, montiert, farbig gefasst, 829 x 733 x 613 cm, ortsspezifische Installation im Kesselhaus des KINDL - Zentrum für zeitgenössische Kunst| Foto: Jens Ziehe, 2018 (c) Thomas Scheibitz / VG BILD-KUNST, Bonn, 2018

KINDL - Zentrum für zeitgenössische Kunst

Am Sudhaus 3, 12053 Berlin
Deutschland

Thomas Scheibitz: Plateau mit Halbfigur

bis 12. Mai 2019

Kathrin Sonntag: Things Doing Their Thing

bis 27. Januar 2019

Absurde Routinen

bis 3. Februar 2019

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