die unbegrenzte Großstadt

Otto Wagner

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Kunstszene
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Otto Wagner © Foto: Wolfgang Thaler

Otto Wagner ist nicht nur der Gründer der modernen Architektur in Österreich. Mit seinen radikalen urbanistischen Konzepten gilt er auch als Pionier des internationalen modernen Städtebaus. Kaum ein anderer Architekt des späten 19. Jahrhunderts erkannte und akzeptierte das epochal neue Phänomen der Millionenmetropole so konsequent als alternativlose Bedingung des modernen Lebens.


Wien als Versuchslabor der Großstadt

Das liberale, gründerzeitliche Wien um 1900 war Otto Wagners großes urbanistisches Experimentierfeld. Neben seinen radikal modernen Wohnhäusern, Banken und öffentlichen Bauten sind es die städtebaulichen Planungen, die das Bild der rasant wachsenden Großstadt prägten und bis heute prägen: Stadtbahn, Wienzeile, Donaukanalregulierung und das Steinhof-Areal zeigen exemplarisch Wagners Handschrift. Wien hatte wie viele andere Metropolen unter dem Einfluss von Industrialisierung (etwa beim entstehenden Eisenbahnnetz) und Liberalisierung (etwa durch Niederlassungsfreiheit im gesamten Habsburgerreich) explosiv zu wachsen begonnen – von 1846 bis 1890 verdreifachte sich die Einwohnerzahl von rund 500.000 auf über 1,4 Millionen, 1910 waren es bereits zwei Millionen.

Damit war Wien gemeinsam mit Chicago und Berlin in der globalen Top-Liga – nur London mit sieben, New York mit fünf und Paris mit drei Millionen Einwohnern waren damals größer. Zwei Brennpunkte dominierten damals die Stadtentwicklung: Einerseits die Anlage der international einzigartigen Ringstraße ab 1857 mit ihren Staatsbauten sowie großen Wohnpalais neu aufgestiegener Industrieller und alter Adelsfamilien, andererseits die flächendeckende Bebauung der Vorstädte mit Industriebauten sowie spekulativen Zinshäusern für Bürgertum und Proletariat. Der junge Otto Wagner war an beidem beteiligt: 1870–1873 wirkte er als Bauleiter des großen Ringstraßenarchitekten Theophil Hansen beim Palais Epstein. Ab 1875 errichtete er bereits als selbstständiger Unternehmer in den ehemaligen Vorstädten und im Ringstraßengebiet zahlreiche Mietshäuser.


Die Metropole als künstlerisches Projekt

Wagners eigentliche stadtplanerische Projekte begannen 1872 mit seinem Vorschlag zur Verlegung des Wienflusses und der Errichtung eines „Wiental-Boulevards“ mit eleganten Stadthäusern – aber erst 1898 konnte er mit dem berühmten „Majolikahaus“ und dem benachbarten goldenen Mietshaus Teile davon realisieren. 1892 folgten seine Wettbewerbsentwürfe für den Generalregulierungsplan Wiens und den „Stadttheil an der Elisabethbrücke“, den heutigen Karlsplatz.

Wiener Werkstätte, Postkarte Nr. 251 mit Porträt Otto Wagners, Wien, 1911 © MAK

Wiener Werkstätte, Postkarte Nr. 251 mit Porträt Otto Wagners, Wien, 1911 © MAK

Die Karlsplatz-Studien dienten auch als Bühne für Wagners Dauerprojekt eines Stadtmuseums, das er ab 1900 in verschiedenen Varianten plante, aber nie realisieren durfte. Es sollte nicht nur der Karlskirche die fehlende „Rahmung“ gegenüber der Technischen Universität schaffen, sondern auch als Auftakt für eine große, urbane Raumplanung am Übergang dieses ungeformten Restgebiets der Ringstraßenentwicklung dienen und mit einem Warenhaus und einem Monumentalbrunnen zur neuformulierten Wienzeile mit modernisiertem Naschmarkt überleiten. Mit der Donaukanalregulierung und der Wiener Stadtbahn legte Wagner das Fundament der modernen Metropole.


Radikal rational

Wagners urbanistische Konzepte waren auch im internationalen Vergleich innovativ und eigenständig. Sie wurden allgemein erstmals 1892 in seinem Projekt für den Generalregulierungsplan und im Detail 1911 in der Studie „Die Großstadt“ ausformuliert. Diese Schlüsselprojekte der Moderne wurden von Andreas Nierhaus, Eva-Maria Orosz, Wolfgang Sonne, Sebastian Hackenschmidt, Iris Meder und Ákos Moravánszky in den Katalogen zu den aktuellen Wagner-Ausstellungen im Österreichischen Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst und im Wien-Museum verdienstvoll beschrieben.

 Er modernisierte das Ring- und Radialstraßensystem, indem er es mit öffentlichen Bahnen und Infrastruktureinrichtungen an den Schnittpunkten, den sogenannten ‚Stellen‘, komplettierte (…)

Wolfgang Sonne
Otto Wagner, Nussdorfer Wehr, 1894-1898 Wien, 20., Brigittenauer Lände 340 © Foto: Wolfgang Thaler

Otto Wagner, Nussdorfer Wehr, 1894-1898 Wien, 20., Brigittenauer Lände 340 © Foto: Wolfgang Thaler


Urban statt kleinbürgerlich

Um 1900 standen sich mehrere Grundmodelle der Stadtentwicklungsphilosophie gegenüber, die stets auch gesellschaftspolitisch kodiert waren. Der fundamentalste Gegensatz zwischen den damals gängigen Konzepten ist zweifellos jener zwischen der klassischen Gründerzeitstadt (der ersten Reaktion auf Industrialisierung und Stadtwachstum ab 1848) und den sozialen Reformkonzepten der Gartenstadtbewegung, die eine jüngere Generation um Ebenezer Howard um 1900 (Wagner war da bereits 60 Jahre alt) in England gestartet hatte.

Im Gegensatz zur sozialreformerischen Gartenstadtbewegung mit ihrem Haus- und-Gartenbesitz-Ideal beharrte Wagner bis an sein Lebensende auf radikal städtischen Lebensweisen: „Der Hinweis auf Tradition, Gemüt, malerische Erscheinung etc. als Grundlage von Wohnungen moderner Menschen ist unserem heutigen Empfinden nach einfach abgeschmackt. Die Anzahl der Großstadtbewohner, welche vorziehen, in der Menge als ‚Nummer‘ zu verschwinden, ist bedeutend größer als die Anzahl jener, welche täglich einen ‚guten Morgen‘ oder ‚wie haben Sie geschlafen‘ von ihren sie bekrittelnden Nachbarn im Einzelwohnhause hören will.“ – Im kleinbürgerlichen Österreich des Jahres 2018 kann man kaum mehr glauben, dass ein Wiener diese strammen Architektenworte sprach – allerdings war es der größte seiner Profession und Zeit.


Lesen Sie den gesamten Beitrag in unserer Ausgabe PARNASS 03/2018!

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