Director's Cut

Karola Kraus über Kai Althoff

Ort
Kunstszene
Künstler
Karola Kraus, Portrait, Foto: Andrea Kremper

Karola Kraus (* 23. Januar 1961, in St. Georgen) leitete von 1999 bis 2006 den Kunstverein Braunschweig, danach die Kunsthalle Baden-Baden. Seit Oktober 2010 ist sie Direktorin des mumok in Wien. Für unser Format Director's Cut schreibt Sie in unserer aktuellen Ausgabe 2/2018 über den deutschen Künstler Kai Althoff.


Kai Althoff, 1996 in Köln geboren, gehört zu den herausragenden Künstlern seiner Generation. Seine künstlerische Praxis hat viele Facetten: Er arbeitet gleichzeitig in verschiedenen Medien, kollaboriert mit anderen Künstlern, produziert Videos und Performances und ist als Musiker tätig. In seinen Bildern, Zeichnungen, Collagen, Fotografien, Skulpturen und Rauminstallationen scheinen die Wesen aus vergangenen Zeiten und anderen Welten zu stammen. Sie erzählen von politischen, sozialen, religiösen und sexuellen Vorgängen, von Ausbrüchen, Befreiung, Unterdrückung, Gelächter und Erstaunen. Oft entwirft Kai Althoff verschiedene Lebensmodelle, die zunächst nebeneinander und unabhängig voneinander zu existieren scheinen.

Oft entwirft Kai Althoff verschiedene Lebensmodelle, die zunächst nebeneinander und unabhängig voneinander zu existieren scheinen.

Karola Kraus, Direktorin mumok

Mit 30 zwischen 1990 und 2013 entstandenen Kunstwerken verfügt die Sammlung Alexander Schröder, die im mumok unter dem Titel „Optik Schröder II“ präsentiert wird, über ein großes Konvolut an Arbeiten von Kai Althoff, der im vergangenen Winter mit einer Retrospektive im MoMA in New York gewürdigt wurde. Als Wertschätzung unserer Museumsarbeit schenkte Alexander Schröder dem mumok mit der Installation „Stigmata aus Großmannssucht“ ein kapitales Werk des Künstlers. Ich schätze mich glücklich, dass wir mit diesem Schlüsselwerk wieder eine Lücke in unserer Sammlung schließen können.

 

 Kai Althoff, Stigmata aus Großmannssucht, 2000, Ausstellungsansicht, Optik Schröder II. Werke aus der Sammlung Alexander Schröder, mumok, 3. Februar – 27. Mai 2018,  © Foto: mumok, Stefan Korte

 Kai Althoff, Stigmata aus Großmannssucht, 2000, Ausstellungsansicht, Optik Schröder II. Werke aus der Sammlung Alexander Schröder, mumok, 3. Februar – 27. Mai 2018,  © Foto: mumok, Stefan Korte

 

„Stigmata aus Großmannssucht“ wurde erstmals im Jahr 2000 in der Galerie Ascan Crone in Hamburg gezeigt. Im Ausstellungsraum der Galerie, dessen Fenster Althoff mit weiß gestrichenen Holzlatten zugenagelt hatte, wurden zwei lebensgroße Holzfiguren, in eine geheimnisvolle Zeremonie verwickelt, gezeigt. Zu der Szene gehörten außerdem eine neuneinhalb Meter lange, mit Eisennägeln beschlagene Rutsche sowie eine Schiffsglocke, Plastiktüten, Pergamentpapier und Fotokopien. Eine in Filzgewänder gekleidete Puppe – ein Priester, Kadett, Zeremonienmeister, verkleideter Hippie oder Mitglied einer Bruderschaft – steht vor einer mit blutigem Hintern auf der Rutsche sitzenden Figur, wobei offen bleibt ob es sich bei der Darstellung um Folter, um eine Mutprobe oder um eine extreme Form sexueller oder religiöser Ekstase handelt. Mit Blick auf den zu der Ausstellung mitgelieferten Text von Kai Althoff bemerkte seinerzeit ein Kritiker: „Es werden Behälter von Gewürzen geschildert, die zusammen mit der ‚Großmannssucht’ auf die Hamburger ‚Pfeffersäcke’ verweisen könnten – als zynischer Umgang mit Kunst als delikater, exotischer Ware, die sich in einem ständigen Zyklus von Angebot und Nachfrage befindet.“[1] Und Oliver Koerner von Gustorf formulierte treffend: „Der ständig geforderten Steigerung von Wachstum und Leistung steht hier der steinige Weg nach unten gegenüber, ein grandioses Abschmieren. [...] Wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation hat sich Althoff Kategorisierungen und traditionellen Werkbegriffen des Kunstbetriebs radikal verweigert und zugleich das Scheitern persönlicher und kollektiver Wunschvorstellungen als kreative Möglichkeit in sein Werk mit einbezogen.“[2]


[1] Dirk von Lowtzow, „Tatort“, in: Texte zur Kunst, 39 (2000), S. 159.

[2] Oliver Koerner von Gustorf, „Andere Stimmen, andere Räume: Annäherungen an die Sammlung Schröder“, in: Optik Schröder, Ausstellungskatalog Kunstverein Braunschweig, 2006.

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