Schirn Kunsthalle Frankfurt

Kara Walker - A Black Hole is Everything a Star Longs to Be

In der Frankfurter Schirn kann man derzeit eintauchen in das Archiv von Kara Walker, und damit in eine beeindruckende Sammlung von Arbeiten auf Papier, die nun erstmals den Blicken eines öffentlichen Publikums zugänglich sind.


Walkers virtuoser Gestus führt von Blatt zu Blatt, durch unzählige Manifestationen ihres zeichnerischen Arbeitens der vergangenen drei Dekaden. Ein Gang durch die Ausstellung gleicht damit auch einem Blick durchs Schlüsselloch, einer unmittelbaren und intimen Annäherung an visuelle Aufzeichnungen zu historischen wie aktuellen Themen, Erlebtem und Geschichten, die nie für ein Verlassen der privaten Räume vorgesehen waren. Das Zeichnen ist für Walker eines der wichtigsten Werkzeuge ihrer Praxis: ein fundamentaler Bestandteil am Beginn ihres Arbeitsprozesses auf dem Weg zu den „finalen Arbeiten“, zu denen sie ihre charakteristischen Scherenschnitt-Panoramen zählt, Filme, oder auch monumentale Installationen und Skulpturen wie etwa dem Fons Americanus, der im vergangenen Jahr in der Turbine Hall der Tate in London zu sehen war.

KARA WALKER, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2021, Foto: Norbert Miguletz

Kara Walker, The Welcoming Commitee, 2018 aus der Serie mit 38 Werken: The Gross Clinician Presents: Pater Gravidam, Graphit, Sumi-Tusche, Gofun und Gouache auf Papier, 55,88 x 76,2 cm ©Kara Walker

Kara Walker, Untitled, 2012, aus der Serie mit 28 Werken: Trolls, Gouache auf Papier, 17,8 x 26 cm © Kara Walker

Im Vergleich zu diesen sonst raumeinnehmenden Werken ist der Anblick der Skizzen alleine aufgrund ihres Formats ungewohnt. Aber auch die Spontaneität des Mediums und Materials trägt zu einer Expressivität der Bildsprache bei, die mit den auf ihre Umrisse reduzierten Scherenschnitt-Silhouetten kontrastieren. Die Tusche fließt reichlich über das Papier, mit schwungvollem Strich sind Porträts, nahezu karikatureske Figuren in verstörenden Szenerien, aber auch Landschaften, Collagen, Porträts, notierte Sätze, Zeitschriftenschnipsel zu entdecken. Prägnant gesetzte Farbakzente, Sprechblasen und kurze Texte unterstreichen das Gefühl des Lesens in einer Art Tagebuch, das beim Betrachten der unzähligen Blätter aufkommt. Man wird noch tiefer hineingezogen in die Gedanken und Geschichten, die sich hier abspielen: auch in ihren Zeichnungen adressiert Kara Walker Gewalt, Sexualität, Rassismus und die Geschichte der Sklaverei, vermischt und neu inszeniert mit Zitaten aus der westlichen Kunstgeschichte, unterschiedlichsten Techniken und teils humoristischen Elementen, die eine irritierend-verunsichernde Wirkung entfalten im Kontext dieser vielschichtigen Komplexität. Walker spielt mit Perspektiven, Stereotypen und der Erschaffung von fiktiven Bildwelten, um Realitäten der Vergangenheit und Gegenwart vor Augen zu halten.

Neben den rund 600 Blättern, die die Künstlerin aus ihrem Archiv hervorgeholt und arrangiert hat (zunächst an der ersten Station der Schau im Kunstmuseum Basel), sind auch neuere Werkserien zu sehen, etwa vier großformatige Arbeiten auf Papier, die um Barack Obama und die „Debatte“ ob seiner US-amerikanischen Herkunft kreisen. Walker porträtiert ihn, eingebettet in eurozentristisch geprägte Sujets, aber mit gewissen Twists: etwa „als Othello 'der Mohr' mit dem abgeschlagenen Kopf lagos in einem neuen und überarbeiteten Schluss von Kara E. Walker“, wie bereits lagos unverwechselbare Ähnlichkeit zu Trump, spätestens jedoch der Titel unmissverständlich verrät.

KARA WALKER, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2021, Foto: Norbert Miguletz

A Black Hole is Everything a Star Longs to Be zieht hinein in Kara Walkers Kosmos der Extreme und wirft dabei erstmals Licht auf bisher unbekannte, jedoch nicht minder gewaltige Facetten ihrer Arbeit. Noch bis 16. Januar ist die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zu sehen, bevor sie in die letzte Station nach Tilburg ins De Pont Museum wandert.

Schirn Kunsthalle

Römerberg, 60311 Frankfurt am Main
Deutschland

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