Gallery Diary - Galerie Jünger | Hubert Roithner & Yvonne Oswald

Galerie Jünger, Foto: Yvonne Oswald

Die aktuelle Situation bedeutet eine enorme Belastung für die Kultur- und Kreativwirtschaft und auch für uns als Kunstmagazin. In dieser Zeit wollen wir unseren Beitrag leisten und geben Ihnen täglich Einblicke in die Ausstellungen der derzeit geschlossenen Galerien.


Die Galerie Jünger zeigt aktuell ein Zwigespräch zum Thema "Landschaft zwischen Abstraktion und Abbildung". Galeristin Andrea Jünger gibt für PARNASS einen persönlichen Einblick: Ausgegangen bin ich von der Idee, einmal eine Serie des Malers Hubert Roithner nahezu komplett in der Galerie zu präsentieren, um damit den erstaunlichen Variantenreichtum, den dieser Künstler innerhalb einer in sich geschlossenen Werkgruppe anzubieten hat, für das Publikum visuell nachvollziehbar zu machen und gleichzeitig den Arbeits- beziuehungsweise Malprozess zu erschließen, der diese Vielfalt hervorbringt. 

Besonders spannend schien mir dabei, wie Roithner aus dem Duktus seines persönlichen Pinselschlages abstrakte Kompositionen in Richtung atmosphärischer Landschaftsassoziationen entwickelt. Was zuerst nur andeutungsweise zu erahnen ist, wird in der Folge immer konkreter: der vertikale Pinselschlag mutiert zur Baumsilhouette, während die gesetzten Höhungen als Berg oder Welle lesbar werden. Neben der Raffinesse der dunklen Farbigkeit  – diese scheint der nordischen Malerei verwandt, ohne deren Schwermut zu teilen – ist es eine andere Eigenschaft, die mich gerade an dieser Serie fasziniert und zugleich zur Kombination mit Arbeiten der Fotografin Yvonne Oswald angeregt hat: das Oszillieren zwischen Abstraktion und Abbildung beziehungsweise Illusion von Wirklichkeit.

Yvonne Oswald vertritt mit ihrer Auffassung von Landschaftsfotografie eine formal vergleichbare künstlerische Position, wobei sie die ambivalente Lesbarkeit der hier ausgewählten Arbeiten – so zusagen von der anderen Seite kommend – mittels Reduktion erreicht.

Hier wird zwar die unmittelbar wahrgenommene Realität von der Kamera momenthaft erfasst und abgebildet, sie scheint jedoch – sei es durch den gewählten Ausschnitt (bei Spiegelungen), den eingenommenen Standort oder die Nutzung eingeschränkter Sichtverhältnisse (bei Nebel, Wolken oder Regen) –  für den Betrachter* nicht eindeutig identifizierbar, bleibt vage. Diese absichtliche, jeweils mehr oder weniger fortgeschrittene Verunklärung des Motives steigert im Gegenzug die Aufmerksamkeit für die abstrakten Qualitäten der Fotografie. Fragen nach der formalen Bewältigung der Komposition, Rhythmus, Spannung, Stimmung oder Originalität (im Sinne einer künstlerischen Handschrift) der Interpretation, die auch vor ungegenständlichen Gemälden gestellt werden, verändern den Blick auf das Medium und lassen gerade im Vergleich mit den benachbarten Bildern von Hubert Roithner interessante Parallelen und reizvolle Verwandtschaften im Umgang mit dem Thema Landschaft erkennen. 

Galerie Jünger, Underground Blick nach rechts: Hubert Roithner „Tauwetter III“, 2020/ Oswald „Alpenblick – Stilles Rot“ (Großglocknergruppe), 2019 Ausstellungsansicht Galerie Jünger, Foto: Yvonne Oswald

Galerie Jünger, Underground Blick nach rechts: Hubert Roithner „Tauwetter III“, 2020/ Oswald „Alpenblick – Stilles Rot“ (Großglocknergruppe), 2019
Ausstellungsansicht Galerie Jünger, Foto: Yvonne Oswald

Die Ausstellung „Hubert Roithner – Vorfrühling, Yvonne Oswald – verborgene Landschaften“ versucht die ästhetischen Qualitäten der einzelnen Kunstwerke vorzustellen und gleichzeitig deren Wirkung durch eine dialogische Konstellation zu steigern. Die offensichtlich ähnlichen, obgleich unabhängig voneinander ausgeformte Gestaltungsprinzipien der beiden Künstler bieten dabei einen zusätzlichen Anreiz tiefer in ihre Bildwelten einzudringen – ganz im Sinne einer 'Schule des Sehens'.“

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