Anne Marie Jehle am Kunsthaus Bregenz

„Für Vorarlberg sind Se halt zwiiit veruus“: Die Künstlerin Anne Marie Jehle

Annemarie Jehle, Kunsthaus © Annemarie Jehle

Östlich des Arlbergs ist die Künstlerin Anne Marie Jehle (1930–2000) weitgehend unbekannt. Das Kunsthaus Bregenz macht nun mit einem Fassadenprojekt auf sie aufmerksam. Hoffentlich entdecken auch andere bedeutende Häuser bald ihr feministisches Werk.


Wer sich aktuell dem Kunsthaus Bregenz vom Bodensee nähert, kann sie nicht übersehen: die Frau, die von einem monumentalen Plakat blickt, das fast die ganze Fassade einnimmt. Es handelt sich um die Künstlerin Anne Marie Jehle. Geboren 1930 in Feldkirch, verstorben 2000 in Vaduz, reichte ihr Ruhm bisher kaum über Vorarlberg und Liechtenstein hinaus.

Darüber kann man sich angesichts ihres Werks nur wundern: Denn es steht ganz in einer Linie mit der feministischen Avantgarde der 1970er-Jahre, die derzeit – auch aufgrund der akribischen Aufarbeitung durch die Wiener Sammlung Verbund – einen gewissen Schub erlebt: Das Selbstporträt der Künstlerin, auf dem die Frisur ein wenig wie ein Heiligenschein erscheint, verwickelt sein Publikum in ein subtiles Spiel mit Blicken. Über dem Pullover, den Jehle trägt, ist ein Streifen zu sehen, der einen nackten Busen zeigt; darüber prangen die Lettern „Kunsthaus“. Erst auf den zweiten Blick ist in der Fassadenarbeit die Nacktheit erkennbar, wird aber sogleich durch die Buchstaben wieder verdeckt und zurückgenommen.

Die Position der Hände erinnert an die der Mona Lisa, wie KUB-Direktor Thomas Trummer meint. Ein herausfordernder Blick, eine Anspielung an traditionelle Weiblichkeit und Selbstentblößung: Hier ist vieles enthalten. Ursprünglich war die nunmehr als riesiges Plakat aufgeblasene Collage als Cover für einen Katalog gedacht und entstand vermutlich in den 1970er-Jahren – die Assoziation mit dem Kunsthaus ergab sich zufällig.

Anne Marie Jehle | KUB Fassadenprojekt 2019 | Foto: Markus Tretter | Courtesy Anne Marie Jehle Stiftung, Vaduz © Kunsthaus Bregenz

Anne Marie Jehle | KUB Fassadenprojekt 2019 | Foto: Markus Tretter | Courtesy Anne Marie Jehle Stiftung, Vaduz © Kunsthaus Bregenz

Auch hier schließt Jehle an einen damals hochaktuellen Diskurs rund um angeblich weibliche Häuslichkeit an. Die Kuratorin der Anne Marie Jehle-Stiftung, Dagmar Streckel, schreibt darüber, dass die Collage die Parallelen von „Gefäß, Haus und Lebensaufgabe“ veranschauliche, „von der Frau im Haus zur Frau als Haus, als Haus der Kunst, bis hin zur Kunst im Haus als Haus-Kunst.“ Am Ende dieser Entwicklung und Umdeutung des Konzepts „Haus-Frau“ stehe „Jehles Identifizierung mit der Vorstellung ‚Haus‘: Ich selbst bin ein Haus, und zwar ein Kunsthaus.“ Assoziationen mit frühen feministischen Arbeiten wie etwa Louise Bourgeois‘ „Femme Maison“ liegen da auf der Hand.

Der Nachlass besteht aus 1628 Werken der Künstlerin, aus deren Arbeiten häufig ein hintergründiger Witz spricht

Nina Schedlmayer

Im Keller gibt das KUB in einigen Vitrinen Einblicke in Jehles Œuvre, vor allem kleinformatige Objekte, Collagen, Fotos und Zeichnungen sind hier zu sehen, darunter eine Serie von Selbstporträts mit einem über den Kopf gezogenen Plastiksack, auf dem ebenfalls „Kunsthaus“ steht. Schon diese kleine Auswahl zeigt, wie vielfältig Jehle in ihrer Materialwahl war, darin Meret Oppenheim verwandt. Eine Ahnung davon bekommt man auch, wenn man die Website der Stiftung besucht. Der Nachlass besteht aus 1628 Werken der Künstlerin, aus deren Arbeiten häufig ein hintergründiger Witz spricht.

Zwar stellte das Kunstmuseum Liechtenstein Jehles Werke bereits ebenso aus wie ihre Heimatstadt Feldkirch, wo ihr das Palais Liechtenstein 2009 eine Soloshow widmete. Gewiss, ihr Œuvre ist in Aufarbeitung begriffen; so befasste sich 2019 die Kuratorin und Kunsthistorikerin Silvia Eiblmayr in einer Publikation des Kunstmuseums Liechtenstein damit, ebenso wie Dagmar Streckel, als Leiterin der Stiftung mit ihrem Werk bestens vertraut ist. Darüber hinaus hat sich seit dem Tod der Künstlerin allerdings nicht viel getan.

„Für Vorarlberg sind Se halt zwiiit veruus“ (also: „zu weit voraus“): Diese Worte schrieb die gebürtige Feldkirchnerin einst an sich selbst, wie ihre Nichte Dorothea Goop-Jehle in einem Katalogbeitrag ausführte. In Vorarlberg ist sie mittlerweile sichtlich angekommen. Darüber hinaus bleibt die Aufarbeitung ihres Werks überfällig.

KUB Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz, 6900 Bregenz
Österreich

KUB Fassadenprojekt 2019

ab 12. Dezember 2019

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