Ausstellungsansicht "Eva Grubinger. Malady of the Infinite" | Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien, © Bildrecht Wien

Imposant, strahlend weiß und glatt: Das Cockpit einer Yacht ist der Mittelpunkt von Eva Grubingers Einzelausstellung „Malady of the Infinite“. Das Belvedere 21 zeigt ein skulpturales Werk, das materielle Wünsche und das Leiden am Unendlichen in Verbindung bringt.


Eine glänzende Plastik dominiert die ebenerdige Ausstellungshalle des Belvedere 21. Die offene Form symbolisiert die Kommandozentrale einer Superyacht. Umringt wird sie von drei kleinen schwarzen Objekten, die halbrund aus dem Boden aufragen und an Seeminen erinnern. Eva Grubinger präsentiert in ihrer Einzelausstellung „Malady of the Infinite“ ein Statussymbol, das zum Objekt der Begierde wird.

Cover PARNASS 03/2019 | Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04, Öl auf Leinwand, 159 x 109 cm | Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger (Detail)

Für die 1970 geborene Künstlerin ist es nicht die erste Ausstellung in den Räumlichkeiten des Belvederes. Die gebürtige Salzburgerin war bereits mit 25 Jahren Teil der „Coming up“ Ausstellung im Belvedere 21 – damals noch 20er Haus des mumok. 2012 gestaltete sie den Belvedere Weihnachtsbaum und wählte dafür eine schwarze Kugel, die an eine Bombe erinnerte. In der Gruppenausstellung „Wert der Freiheit“ irritierte Grubinger Museumsbesucher mit einem Personenleitsystem, das funktionslos war, aber dennoch autoritär wirkte.


„Ich bin nicht die mit dem erhobenen Zeigefinger“

Der Ausstellungstitel „Malady of the Infinite“ geht auf den französischen Soziologen Émile Durkheim zurück. Er stellte fest, dass materielles Begehren nie erfüllt werden kann, sondern immer mehr wird. Menschen, denen es an ethischen Normen fehle, leiden eher unter ihren materiellen Wünschen – also am Unendlichen. Das in der Mitte der Ausstellungshalle platzierte Objekt macht diese unstillbare Begierde deutlich. Die gezeigte Yacht ist nur eine offene Form und damit funktionslos. So wie viele andere Statussymbole auch, ist die Superyacht jeglicher Zweckhaftigkeit beraubt.

Eine reine Kapitalismuskritik möchte die Künstlerin, die bei VALIE EXPORT und Katharina Sieverding studiert hat, nicht ausüben. „Ich gebe keine Botschaften aus, schreibe Manifeste oder gebe vor, wie die Lesart ist“, sagt Grubinger. Eine moralische Autorität möchte sie nicht sein. „Ich bin nicht die mit dem erhobenen Zeigefinger“, sagt die Künstlerin.

Ausstellungsansicht "Eva Grubinger. Malady of the Infinite" | Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien, © Bildrecht Wien

Ausstellungsansicht "Eva Grubinger. Malady of the Infinite" | Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien, © Bildrecht Wien

Kurator Severin Dünser, der mit Eva Grubinger bereits für die Ausstellung „Wert der Freiheit“ zusammengearbeitet hat, sieht eine breite Fläche für Assoziationen in den Werken der Künstlerin. Das formal reduzierte Objekt war für ihn aber auch eine kuratorische Herausforderung. „Ich musste viel genauer auf das Zusammenspiel aller Umstände, wie Statik, Oberfläche und Lichtgestaltung, achten“, sagt Dünser.

Ich gebe keine Botschaften aus, schreibe Manifeste oder gebe vor, wie die Lesart ist

Eva Grubinger

Pirat gegen Meerjungfrau

Neben den Superreichen gibt es eine weitere Gruppe, die das Meer und die Machtdemonstration liebt. Eroberer, Entdecker, Piraten oder Kapitäne: Die Geschichte der Seefahrt handelt hauptsächlich von starken Männern. Die Meerjungfrau, die mit ihren Sirenengesängen Männer vom eigentlichen Ziel ablenkt, ist der sexualisierte Konterpart dazu.

Klaus Theweleit spricht in seinem Werk „Männerphantasien“ von einer alten Kodierung, bei der die Frau durch die Symbiose von Wasser und Weiblichkeit unterworfen wird. Grubingers Yacht und das imaginierte Meer rund herum kann ebenfalls als feministische Utopievorstellung gedeutet werden. Die Wellen verdecken die gefährlichen Seeminen und werden so zur eigentlichen Gefahr für die Luxusyacht, einem Symbol für die männlich konnotierte Seefahrt.

Das minimalistische Ausstellungskonzept rückt Grubingers Yacht in den Mittelpunkt, von Kapitalismuskritik über eine feministische Utopie sind viele Deutungen möglich. Ohne theoretisches Wissen bleiben Besucher aber womöglich mit einer weißen Form in der Ausstellungshalle zurück.

Belvedere 21

Quartier Belvedere, Arsenalstraße 1,, 1030 Wien
Österreich

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