Große Meister und Revolutionäre

Druckgrafik-Offensive in der Wiener Albertina

Sechs Jahrhunderte Druckgrafik präsentiert die Wiener Albertina an ihren beiden Standorten: Anlässlich der Wiedereröffnung vor 20 Jahren werden im Haupthaus Meisterwerke vom Spätmittelalter bis zur Moderne gezeigt. Die Albertina Modern thematisiert die duch Pop-Art und Minimal Art initiierte Revolution der Druckgrafik ab 1960.


Würde die Wiener Albertina noch die Bezeichnung Graphische Sammlung im Namen tragen, wäre ein derartiges Ausstellungsevent durchaus erwartbar gewesen. Doch der Druckgrafikschwerpunkt, der Nukleus der von Herzog Albert von Sachsen-Teschen begründeten Sammlung, ist im Selbstverständnis wie im Ausstellungsprogramm des weltberühmten Museums in den Hintergrund gerückt, seit Klaus Albrecht Schröder das Haus 1999 übernommen hat. Als die Albertina 2003 nach mehrjähriger Renovierungs-, Umbau- und Erweiterungsphase wiedereröffnet wurde, positionierte sie sich mit neuem Anspruch als modernes Museum mit der Fokussierung auf große Kunst ohne technische, formale oder Genregrenzen auf spektakuläre Blockbuster-Shows und auf bedeutende Sammlungen, die als Dauerleihgaben gewonnen werden konnten. Dass zum Jubiläum – und in Schröders vorletztem Direktionsjahr – nun ein großer Druckgrafik-Akzent gesetzt wird, ist weitgehend dem Zufall und letztlich dem Corona-Virus geschuldet. „Das Virus zwang uns zu vielen Umplanungen“, so der Generaldirektor. „Leihgaben und Transporte wurden abgesagt, Ausstellungen verschoben. Daher haben wir bereits 2020 mehrere Präsentationen aus den eigenen Beständen vorbereitet, um etwas im Talon zu haben.“ Eine Leihanfrage aus São Paolo nach einer Druckgrafik-Schau kam als weiteres Motiv dazu, ein entsprechendes Konzept zu erstellen.

Albrecht Dürer, Das Rhinozerus, 1515, Holzschnitt und Typendruck, ALBERTINA, Wien

Ludwig Heinrich Jungnickel, Drei blaue Aras, 1909, Farbholzschnitt in Schwarz, Dunkelblau, Hellblau und Gelb auf Japanpapier, ALBERTINA, Wien

 

Roy Lichtenstein, La Sortie, 1990, Holzschnitt, ALBERTINA, Wien

ANDY WARHOL | Electric Chair, 1971, Siebdruck | Spende der Gesellschaft der Freunde der bildenden Künste

JOAN MIRÓ | Ohne Titel, 1974, Aquatinta, Radierung, 90 × 64 cm | ALBERTINA, Wien

Da die geplanten Projekte in der Albertina schließlich doch stattfinden konnten, schob sich die Druckgrafik ins Jubiläumsjahr. Aus der Not wurde die Tugend, nun quasi einen dreistimmigen Akkord zum Thema bieten zu können. Denn zum historischen Teil, der eine Auswahl der besten Blätter von Dürer bis Miró zeigt, kommt in der Albertina Modern die „contemporary“-Ergänzung dazu, die den Bruch in der Entwicklung durch Pop-Art und Minimal Art ab 1960 fokussiert. Jede der beiden Ausstellungen kann für sich allein stehen, „aber um die radikale Neuerung zu erkennen, ist es klug, wenn man beide Stimmen des Duetts hört – und tunlichst auch das Terzett nicht versäumt“, so Schröder. Denn einer der größten Meister des Fachs, von dem die Albertina über 200 Druckgrafiken besitzt, ist Pablo Picasso. Zu seinem 50. Todestag werden quasi als dritte Stimme 18 Gemälde, an die 50 Druckgrafiken und 20 Keramiken des Künstlers gezeigt. 

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