Doppelte Emphase: The Two Halves of Martha Wilson´s Brain

Martha Wilson, New wrinkles on the subject, 2014. Photo by Michael Katchen, makeup by Melissa Roth

Ein Hirn, viele Aufgaben: Sie ist Förderin der Künstler und selbst Künstlerin. Der Kunstraum Niederoesterreich widmet Martha Wilsons essentieller Doppelrolle in der feministischen Kunstgeschichtsschreibung eine dichte, anspruchsvolle und nachhaltig relevante Retrospektive. Noch bis diesen Samstag, 28. Juli 2018 zu besichtigen!


1976 gründet Martha Wilson Franklin Furnaces Archive, Inc. Ein Off-Space das Künstlerbüchern Raum geben wollte. Doch „Künstler sind nicht gut darin in einem Rahmen zu bleiben“, erzählt Wilson und so wuchsen die Bücher in den Raum und wurden performativ, Franklin Furnance zum Umschlagplatz der Performance Art.

„Franklin Furnaces Performance-Programm hat es etablierteren Künstlern und Künstlerinnen wie Vito Acconci, Laurie Anderson, Carl Andre, Jennifer Bartlett, Renate Bertlmann, Dara Birnbaum, Karen Finley, Jenny Holzer, Lee Breuer und William Wegman ermöglicht, in einer Art zu experimentieren, die für Mainstream-Veranstaltungsorte, die ein größeres Publikum anziehen, ungeeignet gewesen wäre“, so Thun-Hohenstein, die die Ausstellung mit dem Archiv von Franklin Furnance gegenübergestellt den Arbeiten von Martha Wilson selbst, kuratierte.

Ein Paradebeispiel für feministisches Handeln und kollaborieren

Felicitas Thun-Hohenstein

Das Werk der Künstlerin ist ein vielgestaltiges. Wilson, die zwischen den Rollen wechselt – Aktivistin, Archivarin, Kuratorin, Herausgeberin, Produzentin, etc., – hat das satirisch-analytische Rollenspiel perfektioniert. Wenn sie sich selbst theatralisch als Präsidentinnen Gattin inszeniert, via Photoshop-Montage ihr Selbstporträt zu dem von Melania Trump werden lässt oder als selbst noch junge Frau eine alte Frau, die wieder jung sein möchte, mimt. Beobachtend kritisch, aufmerksam reflektierend begegnet Martha Wilson der Welt und ihren Protagonisten und kommentiert die bittersüßen Fassetten der Ironie in Politik, Kunst und Alltag.

Gesellschaftskritisch arbeiten auch die meisten der zahlreichen Künstler und vor allem Künstlerinnen die Wilson bis heute fördert indem sie ihnen virtuellen und realen Raum verschafft und finanzielle Unterstützungen generiert.

We were inventing Postmodernism, but we didn’t know the term

Martha Wilson

Pragmatisch nüchtern meint die Künstlerin neben ihrem Lebenswerk – „Einer musste es tun und ich tat es.“ Lang verstand sie sich nicht als Künstlerin, erzählt Wilson. Das kam ihr falsch und anmaßend vor. Sie suchte ihre Rolle in einer chaotischen Welt in der ihr Selbstbild durch den sexuellen Missbrauch ihres Vaters sowie die paradoxe Rolle der Frau im Amerika der 1970er getrübt waren. Lucy Lippard war es schließlich die Wilson die befreiende Anerkennung „Du bist eine Künstlerin“ zusprach.

Martha Wilson, Mona/Marcel/Marge, 2014. Compositing Artist Kathy Grove, lenticular potograph

Martha Wilson, Mona/Marcel/Marge, 2014. Compositing Artist Kathy Grove, lenticular potograph

Und als solche hat sich Wilson ganz der Kunst verschrieben. Ab 1979 trat sie neben der Arbeit für Franklin Furnace gemeinsam mit Ilona Granet, Donna Henes, Diane Torr und zeitweise auch Barbara Kruger, Ingrid Sischy, Barbara Ess und Daile Kaplan in der Girls-Punk-Band „DISBAND“ auf. Ohne ein Instrument zu beherrschen besang die energetische Truppe unter anderem die Wünsche und Rechte der Frau – vom Pony bis zur Abtreibung – und die Schönheit von Penissen. „Es gab lange Konzepte und kein Können“, lacht Wilson. Dennoch tourte die Band erfolgreich und mit lauter Stimme bis 1982. Dabei verliehen beispielsweise Plastikbecher, Zeitungen und Hämmer Ausdruck und Nachhall. Eine Videodokumentation im Kunstraum Niederoesterreich würdigt auch diese Werkphase.

Martha Wilson, Makeover: Melania, 2017, commissioned by Artpace San Antonio, photographer Charlie Kitchen

Martha Wilson, Makeover: Melania, 2017, commissioned by Artpace San Antonio, photographer Charlie Kitchen

Für Felicitas Thun-Hohenstein ist die Ausstellung eine, wie sie sagt, „echte Herzensangelegenheit“. Ihre Bekanntschaft mit Martha Wilson geht auf die 2002 in der Kunsthalle Exnergasse von Carola Dertnig und Stefanie Seibold kuratierte Schau „LET’S TWIST AGAIN (Worüber man nicht denken kann, darüber soll man tanzen)“ zurück. Für Thun-Hohenstein ist Wilson „ein Paradebeispiel für feministisches Handeln und kollaborieren“. Dem kann man nur beipflichten. Martha Wilson strahlt und steckt an. Ist auch nach Jahrzehnten nicht müde geworden dieselben Diskussionen zu führen und Stärke wie Haltung zu stiften.

Kunstraum Niederösterreich

Herrengasse 13, 1010 Wien
Österreich

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