Ein Interview mit Benita Meissner, Kuratorin der DG, über den Dialog zwischen Kunst und Kirche

125 Jahre Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst

AUSSTELLUNGSANSICHT | Doppelpass I Ausstellungsansicht »Samen, die in den Morgen drängen«, Markus Bacher und Wilhelm Scheruebl, Galerie der DG, 2018 | Foto: Gerald von Foris

SILVIA LANGEN: 1893 wurde die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst in München gegründet. Was waren Anlass und Zielsetzung des Vereins? BENITA MEISSNER: 1893 war die führende christliche Kunstrichtung die Kunst der Nazarener, mit der einige Künstler, aber auch Vertreter der katholischen Kirche und Geisteswissenschaftler unzufrieden waren. Die Gründer verstanden sich als Vertreter einer neuen Ära und wollten im Format einer Sezession die neuen Tendenzen für den Bereich christliche Kunst fördern. Die katholische Kirche unterstützte diese Neugründung zwar, aber der Verein blieb immer unabhängig von den Kirchen.

SL: Worum geht es heute? BM: Unsere Arbeit entfaltet sich zwischen dem Bekenntnis der Kirche sowie der Freiheit der Kunst und bietet den Künstlern mit der Galerie die Wertschätzung jenseits des kommerziellen Marktes. Ich möchte deshalb den bestehenden Dialog zwischen Kunst und Kirche in unseren Räumlichkeiten fortführen, erweitern und ein neues, jüngeres Publikum ansprechen: mit Ausstellungen, Kooperationen, Konzerten, Vortragsreihen und Symposien sowie einem Kunstpreis zur Förderung richtungsweisender, zeitgenössischer Arbeiten.

SL: Kunst und Kirche – ist das Thema noch aktuell in unserer zunehmend säkularen Gesellschaft? BM: Die Suche nach dem Geistigen, nach einem höheren Sinn ist unverändert spürbar in der heutigen Gesellschaft. Das spiegelt die Kunst wider, das erleben Sie in großen Themenausstellungen oder im Werk vieler Künstler wie Bill Viola, James Turrell oder Marina Abramović.

SL: Was verstehen Sie unter christlicher Kunst? BM: Der Begriff muss neu definiert werden, denn christliche Kunst würde strenggenommen bedeuten, Kunst zu zeigen, die sich mit biblischen Themen beschäftigt und die nicht frei entsteht. Wir arbeiten aber mit Künstlern zusammen, die freie Werke schaffen, die von den Ausstellungsräumen inspiriert sind und sich mit den Themen unserer Zeit auseinandersetzen, und zeigen sie in unserer Galerie. Wobei auch der Begriff der Galerie zu hinterfragen ist, denn wir verstehen uns eher als Kunstverein.

SL: Was für einen Schwerpunkt setzen Sie im Jubiläumsjahr? BM: Wir zeigen eine große Gruppenausstellung in Kooperation mit dem Museum für konkrete Kunst in Ingolstadt mit dem Thema „Über das Geistige in der Kunst“. Es wird der Frage nachgegangen, was 100 Jahre nach den Anfängen der Avantgarde das „Geistige“ in der Kunst sein könnte, welche Relevanz dieser geistigen Dimension in der ungegenständlichen Kunst geblieben ist. Eine junge Generation sieht sich nicht mehr in direkter Nachfolge enger Stilbezeichnungen. Das Spirituelle darf heute wieder offen benannt und erkannt werden. Hier liegt auch der Schlüssel für ein modernes Verständnis von christlicher Kunst. Das ist der rote Faden, der durch die Ausstellung leitet. Dazu gibt es eine Tagung in Kooperation mit der Kunstpastoral der Erzdiözese München, der katholischen Akademie und dem Ausstellungsverein für christliche Kunst zum Thema „Kunst – Spiritualität – Religion, von Schnittmengen und Abgrenzung“.

BENITA MEISSNER | Geschäftsführerin und Kuratorin der Galerie der DG | Foto: Richard Beer

BENITA MEISSNER | Geschäftsführerin und Kuratorin der Galerie der DG | Foto: Richard Beer

DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

FINKENSTRASSE 4, 80333 MÜNCHEN
Deutschland

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