Kunsthaus Bregenz

Monira al-Qadiri | Von einem Alien in die Falle gelockt

Die im Senegal geborene, in Kuwait aufgewachsene und heute in Berlin lebende Monira al-Qadiri zählt zu den wichtigsten Künstlerinnen der Golfregion. Einzelausstellungen widmeten ihr unter anderem das Münchner Haus der Kunst und das Guggenheim Museum Bilbao. Die Ausstellung im Kunsthaus Bregenz ist ihre erste Personale in Österreich.


Als Reise mit vier Stationen inszeniert Monira al-Qadiri (*1983, Senegal) ihren Auftritt im Kunsthaus Bregenz, das sich wieder einmal als ideale Hülle für Interventionen theatralischer Art bewährt, wie sie in dieser Konsequenz in kaum einem anderen Haus möglich wären. Wo man diese Reise beginnt, bleibt dem Besucher überlassen. Im schrillen „Vergnügungspark“ im Erdgeschoss oder im dritten Stock, wo es sehr düster, bestürzend dystopisch zugeht.

MONIRA AL QADIRI, Ausstellungsansicht »Mutant Passages« Kunsthaus Bregenz, 2023, Foto: Miro Kuzmanovic © Kunsthaus Bregenz

Sie habe das Kunsthaus wie eine Skulptur benützt, sagt die Künstlerin, um sie mit speziell für den Ort gemachten Objekten und selbst geschriebenen Begleittexten zu bespielen, die unmittelbar mit ihr, ihrer Geschichte als in Kuwait aufgewachsenen Frau zu tun haben, die durch ihr Studium der Malerei in Japan allerdings wesentlich von der ostasiatischen Tradition des Sehens sozialisiert wurde. Ihr Studium schloss sie 2010 an der Tokyo University of the Arts mit einer Dissertation über die Traurigkeit im Nahen Osten ab, ein Thema, das Monira al-Qadiri noch immer umtreibt, ist für sie die Traurigkeit doch ein fatal unterschätztes Gefühl.

Eine unterschwellige Traurigkeit bestimmt trotz aller poppiger Buntheit subversiv auch die Atmosphäre ihres Bregenz-Gastspiels. Nicht zuletzt durch das titelgebende Thema „Mutant Passages“, das hier in unterschiedlichen Varianten durchdekliniert wird. Es geht um das Erdöl, das wie ein Alien gekommen sei, so die Künstlerin, und das man nicht mehr los werde. Ein Stoff, der unser aller Leben bestimmt und Segen ebenso wie Fluch sei. Wohnungsheizer und Umweltzerstörer, Luftverschmutzer, Kriegstreiber und Wunderheiler: Öl habe „uns moderne Menschen in eine doppelte Falle gelockt und in ein ewiges Dilemma verstrickt, aus dem es scheinbar kein Entkommen gibt“, so Monira al-Qadiri. Wobei die im Senegal geborene Kuwaiterin, die seit rund fünf Jahren in Berlin lebt, sich selbst als „Hybrid“, als im weitesten Sinn fluides Wesen definiert.

MONIRA AL QADIRI | Ausstellungsansicht »Mutant Passages« Kunsthaus Bregenz, 2023 | Foto: Miro Kuzmanovic © Kunsthaus Bregenz

Ihre Aufgabe als multimedial umtriebiges „Post-Oil-Baby“ sieht al-Qadiri darin, visuell zu verführen,  um existenzielle Fragen zu stellen, ohne sie zu beantworten. Auch die, wie „wir uns aus diesem seltsamen Zustand dämonischer Besessenheit vom Öl befreien können“, um zu einer neuen „klaren Realität“ überzugehen, bevor uns eine dunkle Spirale in einen uns unbekannten Abgrund ziehe.

Nur scheinbar vergnügt geht es selbst im Foyer zu, in dem die Künstlerin riesige, bunt gemusterte Luftballone schweben lässt. Ihre Formen sind allerdings ins Überdimensionale aufgeblasene Molekularstrukturen unterschiedlicher petrochemischer Substanzen. Sie verleihen dem, womit wir alltäglich leben ohne darüber nachzudenken, worauf wir uns da eingelassen haben, raumfüllende Präsenz. Ob es allerdings genügen würde, eine Nadel in diese schwebenden Objekte zu stoßen, um dem Spuk ein Ende zu bereiten, ist die große Frage. Weiter lesen Sie in unserer PARNASS Sommerausgabe.

MONIRA AL QADIRI | Ausstellungsansicht »Mutant Passages«, Kunsthaus Bregenz, 2023 | Foto: Miro Kuzmanovic © Kunsthaus Bregenz

KUB Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz, 6900 Bregenz
Österreich

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