Jenny Watson – Galerie Straihammer und Seidenschwann

Tall Tales and True

Jenny Watson, Ausstellungsansicht 2018, (© Galerie Straihammer und Seidenschwann, Wien)

Die Galerie Straihammer und Seidenschwann zeigt derzeit aktuelle Arbeiten von Jenny Watson, die sie exklusiv in Österreich vertritt. Damit bringt die Galerie bereits zum zweiten Mal eine der wichtigsten australischen Künstlerinnen nach Österreich. Darüber hinaus gilt Watson als eine der interessantesten Vertreterinnen der internationalen feministischen Avantgarde, geprägt von der Konzeptkunst und der Punk-Bewegung der 1970er-Jahre und der Musik von Nick Cave im Besonderen.


Einer breiteren Öffentlichkeit in Europa wurde Jenny Watson (*1951 Melbourne) 1995 bekannt, als sie auf der Biennale von Venedig den australischen Pavillon mit einer großen Installation bespielte und mit ihren tagebuchartigen Texten und Darstellungen aus dem Leben einer jungen Frau Aufsehen erregte. „Painting with Veils and False Tails“ bestand aus Leinwandbildern mit narrativen Zeichnungen, Tafeln mit tagebuchartigen Texte und dreidimensionalen Gegenständen. Darunter einige Pferdeschwänze. Pferde als Motiv finden sich auch in der aktuellen Ausstellung in Wien ebenso wie Darstellungen von Frauen, die stets den Eindruck erwecken, es sei Jenny Watson selbst, die sich in verschiedenen Altersstufen darstellt. Die Zeichnungen auf bunten Stoffen wirken kindlich, einfach, narrativ – allerdings nur auf den ersten Blick.

Jenny Watson kam in den 1970er-Jahren mit der Frauenbewegung in Melbourne in Berührung und lernte 1974 die feministische Kunsttheoretikerin Lucy Lippard kennen. Ebenso entwickelte sie ihr künstlerischen Weg im Umfeld der Punk Bewegung um Nick Cave und auch die Bekanntschaft mit Ian Burn, einem Mitglied der Künstlergruppe Art & Language, der früh Großbritannien den Rücken kehrte und wieder nach Australien zurückging, hatte einen Einfluss auf ihre Arbeit. Watson eroberte sich unmissverständlich einen persönliche Raum für eine weibliche Kunst, mit dem Resultat, dass viele ihre Arbeiten auch einen persönlichen Bezug haben. Ebenso war ihr Bekenntnis zur figurativen Kunst und die Entwicklung ihrer charakteristischen, unprätentiösen Formensprache eine Abkehr vom damaligen Mainstream, der dominiert war von der Farbfeldmalerei.

Watson eroberte sich unmissverständlich einen persönliche Raum für eine weibliche Kunst mit dem Resultat, dass viele ihre Arbeiten auch einen persönlichen Bezug haben.

Silvie Aigner

 

Jenny Watson, Black Horse and Cockadu, 2018, Acryl auf imprägniertem Yorkshire Stoff, 140 x 107 cm, Ausstellungsansicht (© Galerie Straihammer und Seidenschwann, Wien)

Jenny Watson, Black Horse and Cockadu, 2018, Acryl auf imprägniertem Yorkshire Stoff, 140 x 107 cm, Ausstellungsansicht (© Galerie Straihammer und Seidenschwann, Wien)

Verbindung von Text und Bild

Die Ausstellung zeigt einmal mehr Watsons Interesse an Alltagsgegenständen. Schon früh nutze sie Futtersäcke und Stoffe aus verschiedenen Ländern als Bildträger oder Briefpapier aus Hotels mit entsprechenden Aufdrucken. Die Muster und Aufschriften wurden Teil des Bildes. Ebenso ergänzte sie die Bilder mit Texten, oft ganz unprätentiös mit Einkaufslisten oder Speisekarten. In der Folge entstanden kleine Erzählungen in Ich-Form. Wenngleich die Verwendung von gebrauchten Papier und Stoffen sowie Alltagsgegenständen scheinbar bewusst banal wirkt – zufällig ist sie nicht. Im Gegenteil: Stets thematisiert sie damit politische und gesellschaftliche Themen von Genderfragen, bis hin zum Postkolonialismus der sich in der Verwendung bestimmter, teils exotischer Stoffmuster spiegelt, die Watson auf ihren Reisen sammelt. Auch die in der Ausstellung verwendeten Yorkshire-Stoffe sind nicht ohne Hintergrund gewählt und stammen aus dem englischen Leeds, ehemals Zentrum der Woll- und Stoffproduktion in Großbritannien. In der Folge wurde die Texte als eigenständiges Kunstobjekt neben dem Bild situiert. Doch Text und Bild korrespondieren im besten Fall – miteinander zu tun haben sie nicht. 

Jenny Watson, Dorothy, 2018, Acryl auf imprägniertem Yorkshire Stoff, 111 x 114 cm, Ausstellungsansicht (© Galerie Straihammer und Seidenschwann, Wien)

Jenny Watson, Dorothy, 2018, Acryl auf imprägniertem Yorkshire Stoff, 111 x 114 cm, Ausstellungsansicht (© Galerie Straihammer und Seidenschwann, Wien)

In der Galerie Straihammer und Seidenschwann treten anstelle des Textes Gegenstände, kleine Souvenirs aus Großbritannien, die wie alle diese Gimmicks, die Klischees bedienen: Doppeldeckerbus, Rote Telefonzelle, das schwarze Taxi, die Grenadier-Guards etc. Ein Statement zum Brexit? Jenny Watson steht diesem bekanntermaßen kritisch gegenüber. Subtil sind die Arbeiten, die große Geste entspricht nicht der Künstlerin, da geht es ihr eher schon um eine Entmystifizierung von Kunst und darum ein Rezeptionsfeld für den Betrachter aufzubauen. Auch in der Wiener Ausstellung muss man sich dessen bewusst sein. Es sind Denkprozesse, die Watson anstoßen will – und sie bietet uns ein irritierendes Rollenspiel zwischen Autobiografischem, Konstruktion und Wirklichkeit an, die sich manchmal schwer voneinander unterscheiden lassen, letztlich sind die Pferde realer Teil ihres Lebens in Australien – und sie war Dressurreiterin. Ist das Mädchen in dem Bild „Screeming Teenager at a Beatles Concert 1964“ nicht auch Jenny Watson selbst, die die Pop-Gruppe auf ihrer World Tour, die sie 1964 auch nach Australien führte, gesehen hat? Doch Wirklichkeit und Konstruktion sind in ihren Werken stets gleichermaßen präsent. Watson entwickelt anhand von einfachen figurativen Bildkonzeptionen, die ohne räumliche Verortung auf den Bildträger gesetzt sind komplexe Geschichten, die einen feministischen und sozialkritischen Anspruch haben, sich mit Themen weiblicher Identität und auch mit der Selbstfindung als Künstlerin befassen und eben auch Einblicke in ihr Leben zulassen. Die Grenze zwischen autobiografischen Einblick, persönlichem politische Statement und fiktiver Erzählung sind jedoch nicht eindeutig festzumachen und die Künstlerin weist im Titel der Ausstellung „Tall Tales and True“ darauf auch explizit hin.

Die Übersetzung des englischen Titels als „Lügengeschichten und Legenden“ liest sich angesichts der kleinen englischen Souvenirs auch nicht mehr wie ein Spaziergang durch den Spielzeugladen, sondern als handfestes und kritisches Statement einer Künstlerin, die noch nie dem Mainstream gehuldigt hat

Silvie Aigner

 

 

Jenny Watson, Screeming Teenager at a Beatles Concert 1964, 2018, Acryl auf imprägniertem Yorkshire Stoff, 149 x 96 cm, Ausstellungsansicht (© Galerie Straihammer und Seidenschwann, Wien)

Jenny Watson, Screeming Teenager at a Beatles Concert 1964, 2018, Acryl auf imprägniertem Yorkshire Stoff, 149 x 96 cm, Ausstellungsansicht (© Galerie Straihammer und Seidenschwann, Wien)

Zwischen den Bildern von Jenny Watson und den Gegenständen und ihren Texten liegen viele Schichten, die einen neuen und ungewöhnlichen Denkraum erschließen und Betrachter schließlich entwaffnen. Die scheinbare Kinderzeichnung auf buntem Stoff, entpuppt sich als komplexer, als es auf dem ersten Blick scheint. Manches erweist sich als Referenz an eine überraschend kollektive kulturelle Sozialisation von den Beatles bis hin zum Doppeldeckerbus und den Yorkshire-Stoffen. Und die Übersetzung des englischen Titels als „Lügengeschichten und Legenden“ liest sich angesichts der kleinen englischen Souvenirs auch nicht mehr wie ein Spaziergang durch den Spielzeugladen, sondern als handfestes und kritisches Statement einer Künstlerin, die noch nie dem Mainstream gehuldigt hat.

Galerie Straihammer und Seidenschwann

Grünangergasse 8/3, 1010 Wien
Österreich

Ausstellungsdauer: bis 9. Februar 2019
Die Galerie ist bis einschließlich 
14. Jänner geschlossen

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