Johanna Binder schreibt uns heute einige Zeilen aus ihrem Wohnatelier im Salzburger Kunstverein. Ihre Ausstellung Merotopia wird in der Galerie Sophia Vonier in Salzburg ab dem 10. Juli 2020 bis zum 15. August 2020 zu sehen sein.


 

STUDIO DIARY, ODER EIN TAGEBUCH IM STRIKTEN SINNE DES WORTES.

Letzteres ist eines der vielen angefangenen Bücher, die sich bei mir im Atelier türmen, ein posthum veröffentlichtes Tagebuch des polnischen Sozialanthropologen Bronislaw Malinowski, das er während seines Forschungsaufenthaltes in Neuguinea zwischen 1914 und 1918 schrieb. Armer Bronislaw, hätte er nur gewusst, dass seine intimsten Gedanken und Gefühle einer breiten LeserInnenschaft zugänglich würden. So wurde der Studierende selbst zum Studienobjekt. Also will auch ich für einen Moment vergessen, dass das Studio Diary für ein Publikum gedacht ist und mich meinen Worten anvertrauen. Ciao LeserIn, Ciao Welt. Liebes Tagebuch.

Atelier Johanna Binder Fotos: Johanna Binder und Denise Kain

Bin ich wirklich Künstlerin geworden, um ein Publikum, einen Diskurs oder einen Markt zu bedienen, oder ist da noch mehr? Eine sehr relevante Frage wie mir scheint, besonders in Zeiten ohne Publikum und ohne Markt.

Johanna Binder

25.5.2020

Ich sitze auf dem Sofa, das gleichzeitig mein Bett und mein Essplatz ist. Und versuche, Resümee zu ziehen - über mein Atelier, über mein Leben oder besser: über mein Leben im Atelier. Gerade fühlt sich mein Atelier so an wie eine zu enge Hose, nachdem man sich überfressen hat. Es zwickt und zwackt und engt mich ein, es legt sich wie eine zweite Haut über mich. Das übliche Chaos, die Socke neben dem angefangenen Bild, der vermodernde Gipsschädel ohne Gesichtszüge auf dem Fensterbrett, der sich kratzende Hund. Unten warten stumm jungfräuliche Leinwände und Arbeitsmaterialien auf mich, aber ich habe keine Ruhe, ich kann mich nicht konzentrieren. Ohnehin warten sie immer auf mich, egal ob ich esse, schlafe, dusche, oder schreibe. Wieder einmal stelle ich mir Fragen zu meiner Arbeitsweise. Bin ich wirklich Künstlerin geworden, um ein Publikum, einen Diskurs oder einen Markt zu bedienen, oder ist da noch mehr? Eine sehr relevante Frage wie mir scheint, besonders in Zeiten ohne Publikum und ohne Markt. Etwas hat sich in mir geändert im Laufe der Jahre, ein Produzieren um der Tätigkeit willen treibt mich kaum mehr an. Eine Bühne für mein Werk, das muss eingestanden werden! Aber trotzdem, Diskurs und Publikum, Ausstellung und Markt, alles schön und gut - doch ich spüre, dass mein Begehren auch ein anderes ist: Ich will in das Dickicht der Menschlichkeit eindringen. Ich will beitragen, helfen, soziale Relevanz der Kunst statt Quadratzentimeterpreis, Masse statt Elite. Mein Ego gegen meine Empathie, oder beweihräuchert die Empathie am Ende des Tages das Ego? Egal. Wichtiger ist es, nun den Weg zu finden, hinein, hinaus und von einem bin ich dabei überzeugt: Ich will weitersuchen. Für heute mach ich Schluss, ich schreib dir morgen wieder. Bis bald!

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