Rundgang mit Elisabeth von Samsonow und SIlvie Aigner

Löss. Eine Frau in der Landschaft

„An den reich gestalteten Lösslandschaften Niederösterreichs lässt sich die uralte Verschränkung von Kultur und geologischer Formation ablesen“, so die Künstlerin und Philosophin Elisabeth von Samsonow. Im „Eiszeitgang“ im Hochparterre des Naturhistorischen Museums führt sie uns durch ihre Ausstellung „Löss. Eine Frau in der Landschaft“


Eine Begegnung mit Elisabeth von Samsonow ist immer außergewöhnlich. Die Gespräche bleiben nie an der Oberfläche und berühren und umfassen viele Bereiche. Sie führen von der unmittelbaren Erfahrung der Landschaft über die Archäologie, Philosophie, Paläontologie, von der prähistorischen Kulturlandschaft bis in die Gegenwart. Samsonows Begehen, oder vielmehr Durchstreifen der niederösterreichischen Löss-Landschaft im Weinviertel, das in fünf großformatigen Performance-Fotografien dokumentiert wurde, ihr Erspüren des weichen Materials und ihre anschauliche Schilderung, macht auch für den Betrachter die Bedeutung dieser jahrtausendalten Löss-Ablagerungen buchstäblich erfahrbar.

Das ist für mich als ältere Künstlerin natürlich besonders interessant, mich mit der Erde zusammenzutun – da schaut man dann plötzlich wieder ganz jung aus

Elisabeth von Samsonow

Die fünf Diasec Aufnahmen, fotografiert von Leopold Pluschkowitz, sind auch formal prachtvoll. Sie beeindrucken durch ihre Farbigkeit und geben im Kontrast zum blauen Himmel, die Lichtstimmung des goldglänzenden Löss wieder, die noch unbelaubten Bäume und Büsche wirken darin wie graphische Elemente. „Die Ausstellung“, so Samsonow, „ist ein Versuch in unmittelbarer Nachbarschaft der vielen Relikte, Objekte und Fundstücke, die im Naturhistorischen Museum ausgestellt sind, auch jene Schichten erfahrbar zu machen, wo diese gefunden wurden. Löss ist ein Material das auch für die Maler immer interessant gewesen ist, um daraus ihre Farben zu gewinnen. So wurden naturgemäß alle Formen des Ocker aus Löss gewonnen auch andere wichtige Erdfarben. Durch die Fruchtbarkeit war die Lösslandschaft aber vor allem auch zentral für die Entwicklung der Kulturen. Das erklärt auch, warum hier so viele Funde gemacht wurden und noch immer werden.“

Löss – eine Frau in der Landschaft, Naturhistorisches Museum Wien, Werkfoto by the artist/ Foto: Leopold Pluschkowitz

Durchschreiten der Zeithorizonte

In den Lösslandschaften Niederösterreichs sind etwa neunzig Prozent der österreichischen Lösslager gepackt. Lösslandschaften, so erklärt Samsonow finden sich jedoch nicht nur in Europa. Vor allem in China gibt es bis heute bei Jingbian Lösswände, die mehrere 100 Meter hoch sind und die das Leibnitz-Institut für Angewandte Geophysik Hannover als terrestrisches Klimaarchiv untersucht. „Sie haben aber die gleiche Entstehungsgeschichte und das gleiche Schicksal, das sie eng mit – auch sehr früher, paläolithischer – Besiedlung verbindet. Diese Lösswände sind auch so schön erodiert, dass sie aussehen wie ruinöse Stadtlandschaften.“ Der horizontale Aufbau der Lösswände ist auch in den Fotoarbeiten gut zu sehen. Er zeigt nicht nur die Habitate der Tierpopulation, vom Dachs, Fuchs über den Bienenfresser bis hin zu den Wildbienen und erinnert, so Samsonow „an Wolkenkratzer oder einen verdichteten Wohnbau“, sondern auch die Spuren der Alterung der Erde. „Das ist für mich als ältere Künstlerin natürlich besonders interessant, mich mit der Erde zusammenzutun – da schaut man dann plötzlich wieder ganz jung aus“.

Die Landschaft als Archiv

Im Fokus der Werkserie steht das körperliche Erspüren der verschiedenen Dimensionen der Löss-Landschaft. Mit dem Durchstreifen, Ergehen der Landschaft in mit ihren „performativen Körper“ (Samsonow) versucht sie die – zum Großteil heute verlorengegangene Beziehung zwischen Mensch und Landschaft herzustellen. Doch ist es eine besondere Natur, die Samsonow hier durchstreift. Durch ihr performatives Abgehen weist sie auf die Bedeutung der Löss-Landschaft als archäologisches, geohistorisches Archiv, als Klimaarchiv und kulturelles Archiv hin. „Es ist eine Art Abgehen der Zeithorizont, ein Versuch dieses Leben der Jahrtausende zu erfassen. Ein Eintauchen in die Biografie der Gaia. Sie wird spürbar in den eindrucksvollen Spuren, die sich in das goldglänzende Material der Lösswände eingeschrieben haben, in die Furchen, Rinnen und Löcher.

Ich war ja bisher eher mehr für Vulkane zu haben, in denen die Landschaft durch massive Eruptionen geformt wurde. Doch war der Gang durch die Lösslandschaft eine neue, unglaublich faszinierende Erfahrung. Es ist eine äolische Landschaft, die vom Wind geformt wird. Diesen Gedanken finde ich so poetisch. Über Jahrtausende hat sich hier der Löss-Sand abgelagert. Metaphorisch gesprochen ist dies ein Haushalt in dem nie Staub gewischt wurde und so entstanden Landschaften, wo man ackern und säen konnte und in der sich eine unglaubliche Kultur entwickelt hatte.

Es ist eine äolische Landschaft, die vom Wind geformt wird. Diesen Gedanken finde ich so poetisch.

Elisabeth von Samsonow

Alle wichtigen Funde, wie auch die `Venus von Willendorf` sind in Lössschichten gefunden worden. Und das Interessante daran ist, dass man durch die Ablagerungen auch die Schichten, wo das Fundstück geborgen wurde, genau zeitlich einordnen kann.“ So stellt die Ausstellung naturgemäß auch eine Verbindung zu dem aktuellen Forschungsprojekt THE DISSIDENT GODDESSES‘ NETWORK her, das von Elisabeth von Samsonow wissenschaftlich geleitet wird. Eines der Bilder zeigt die Künstlerin an der Lösswand liegend, eingeschmiegt in die Landschaft. „Ich habe mich eingeordnet in diese Zeitalter der Erde und liege auf einem Vorsprung der, heruntergerechnet etwa jener Zeit entspricht, in der die Venus von Willendorf gefunden wurde, also rund vor 29.000 Jahren.“

Löss – eine Frau in der Landschaft, Naturhistorisches Museum Wien, Ausstellungsrundgang, Foto: Margareta Sandhofer

Ich habe mich eingeordnet in diese Zeitalter der Erde und liege auf einem Vorsprung der, heruntergerechnet etwa jener Zeit entspricht, in der die Venus von Willendorf gefunden wurde, also rund vor 29.000 Jahren.

Elisabeth von Samsonow

Ein wichtiger Aspekt in dieser Werkserie war das Ergehen der Landschaft. Anders als die zielgerichtete Suche, verstand sie diese eher als philosophische Methode, ganz im Sinne der Peripatetiker, die das Denken, stets in Verbindung mit der sinnlichen Wahrnehmung des Ortes verstehen. Erst durch das Gehen, werden die Gedanken freigesetzt. Samsonows Gang durch die Landschaft verbindet sich auch mit einem ökologischen Aspekt und weist auf die Bedeutung der Wahrnehmung dieser so reichen Kulturlandschaft hin. Das Abgehen war auch ein Versuch die Oberfläche dieses Lebensraumes zu erfassen – ihres Lebensraumes. Denn Elisabeth von Samsonow lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Hadres im Weinviertel. Ein Lebensraum der durchaus ihre künstlerische Arbeit prägt. „Es ist interessant und auch eine künstlerische Erfahrung, dass das Environment die Steuerung übernimmt und damit Einfluss auf die eigene künstlerische Arbeit“, so Elisabeth von Samsonow. Sie selbst nimmt keinen künstlerischen Eingriff in die Landschaft vor, die künstlerische Praxis besteht nur im Durchschreiten und Wahrnehmen und in dem Festhalten dieser Handlung mittels der Fotografie. „Ein solcher Gang zu Gaia“, schreibt Elisabeth von Samsonow in dem die Ausstellung begleitenden Katalog, „ist kein Gang zum Anorganischen, sondern eine Begegnung mit dem ganz großen Körper, eine Einfühlung, die Epiphanie. Das Leben ist das Leben in, auf und als Erde.“

Naturhistorisches Museum Wien

Burgring 7, 1010 Wien
Österreich

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