Landesgalerie Niederösterreich: Ein Kunstmonolith als Statement

Landesgalerie Niederösterreich © Faruk Pinjo

Der markante, in sich gedrehte Würfel der neuen niederösterreichischen Landesgalerie ist nicht nur eine optische Landmark: Die Vorarlberger Architekten marte.marte entwickelten die Form konsequent aus der inneren Funktionalität des Museums und dem städtebaulichen Kontext.


Die Verlegung sämtlicher niederösterreichischer Kunstsammlungen aus dem St. Pöltner Landesmuseum in einen eigenen ambitionierten Neubau inmitten der bereits vorhandenen Institutionen des Kremser Kunstclusters war eine kluge strategische Entscheidung, und zwar in mehrfacher Hinsicht: städtebaulich, weil diese Kulturhäuser neue, höchstwertige Nutzungen in das Quartier um den mittelalterlichen Stadtteil Stein bringen. Kulturpolitisch, weil sich das Haus nun perfekt in das überregionale Netzwerk an neuen Kunsthäusern der österreichischen Bundesländer zwischen Bregenz, Salzburg, Linz, Eisenstadt und Graz fügt. Und baukulturell, weil das Haus gleich auf mehreren Ebenen neue Maßstäbe setzt – ästhetisch, technisch, funktional und typologisch.

Für uns war es das wichtigste Anliegen, das Gebäude gut in die Umgebung einzufügen und eine Form für den Ort zu entwickeln

Bernhard Marte, Architekt

Die ästhetischen und stadträumlichen Innovationen sind wohl die sichtbarsten: Die in sich gedrehte Würfelform mit den Rundbogenöffnungen auf Straßenniveau definiert mit dynamischem Schwung den Raum der „Kunstmeile“ zwischen der gegenüberliegenden Kunsthalle, dem benachbarten Karikaturmuseum und dem westlich liegenden Kremser Tor der Altstadt von Stein, hinter dem mit dem Forum Frohner und in der ehemaligen Minoritenkirche schon die nächsten Kunstinstitutionen locken: „Für uns war es das wichtigste Anliegen, das Gebäude gut in die Umgebung einzufügen und eine Form für den Ort zu entwickeln“, sagt Bernhard Marte.

Die klare, homogene Form und die Drehung machen – besonders auch für die unweit anlegenden Donauschiffe – viel landschaftsräumlichen Sinn, erklärt die Architekturkritikerin Franziska Leeb: „Während das Erdgeschoss, das die Besucher in Empfang nimmt, der Ordnung der Stadt folgt, dreht sich die oberste Ebene, in die ein Hof eingeschnitten ist, zur Landschaft und zur Donau.“


Massiv skulptural

Der Monolith mit seiner Schuppenhaut, die ursprünglich aus Aluminiumelementen gedacht war, ist aber auch ein markantes künstlerisches Statement, das auf zahlreichen Ausstellungen zwischen Venedig und Berlin bereits viel Aufsehen erregt hat. Die mittlerweile europaweit berühmten Vorarlberger Architektenbrüder Bernhard und Stefan Marte treiben ihre skulpturale Formvision in jedem Projekt weiter, bevorzugt in massiven und sinnlich-taktilen Materialien wie Sichtbeton oder Stampflehm: Von ihren eigenen Wohnhäusern über die Totenkapelle in Batschuns, ein Bootshaus in Fussach, die Landessonderschule in Mariatal und mehrere Brücken bis hin zu einer Schutzhütte im Laternsertal und zur Messehalle 9 in Dornbirn reicht das multifunktionale Spektrum an kompakten Baukörpern mit tiefen runden oder eckigen Einschnitten, Durchbrüchen und Höhlungen.

Landesgalerie Niederösterreich © Faruk Pinjo

Landesgalerie Niederösterreich © Faruk Pinjo

Am besten drückten die Architekten diesen sinnlich-skupturalen, funktional jedoch sachlichen und formal minimalistischen Formwillen in ihrem Beitrag zur Architekturbiennale in Venedig 2016 aus, wo sie die Modelle einiger ihrer Bauten aus mehreren großen Betonwürfeln halb herausmeißelten – ein Sinnbild für das „Freilegen“ der idealen Form in einem ausgedehnten Entwurfsprozess ständiger Reduktion und Konzentration.


Präzis und stimmungsvoll

Die monolithische Wirkung ist indes keine rein ästhetische Entscheidung. Der quadratische Grundriss von Kulturbauten hat in der neueren alemannisch-puristischen Architektur spätestens seit Peter Zumthors Kunsthaus Bregenz Tradition und macht viel Sinn: So lassen sich die „neutralsten“ stützenfreien Ausstellungsräume realisieren, in denen jede Kunstinstallation möglich ist. Auch der monolithische Charakter ist funktional motiviert: Denn für Kunstausstellungen werden mit fortschreitender Licht- und Klimatechnik fensterlose Räume bevorzugt. Damit wird auch die Funktion der Fassade neu definiert, die nun unabhängig vom Innenleben zum eigenständigen Kommunikationsmedium avanciert.

Interpretiert man es als homogene Form in einheitlichem Material, dann entsteht – vor allem im Kontext alter Bauten – ein auffällig-sublimer, inhaltlich aber neutraler Charakter, der etwa durch Torsionen raumbildende Funktionen im Stadtbild übernehmen kann. Zwischen den mittelalterlichen Türmen von Stein und Krems sowie vor den heterogenen Formen der Justizanstalt und der ehemaligen Tabakfabrik (heute: Donauuniversität) ist diese Performance besonders wichtig und wertet die urbane Silhouette stark auf.


Kontext europäischer Museumsbau

Der Bautyp eines neuen Kunstmuseum abseits städtischer Ballungsräume, das zugleich auch als wichtiges urbanistisches Scharnier wirkt, ist speziell und nicht mit dem Gründungsboom großer Flaggschiff-Kunstmuseen zu vergleichen, der in den 1980er- und 1990er-Jahren im Westen begann und sich heute im Fernen Osten als Kennzeichen einer avancierten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung fortsetzt. Europa hingegen befindet sich längst in einer Phase des „Finetunings“, einer Ausdifferenzierung der kulturellen Infrastruktur mit vielen kleineren und subtileren Häusern, die oft regionalspezifischen Themen gewidmet und in kluge Stadtentwicklungsprojekte eingebettet sind.

Lascaux IV | Internationales Zentrum für Höhlenkunst | Montignac, Frankreich | Snøhetta | Foto: Eric Solé

Lascaux IV | Internationales Zentrum für Höhlenkunst | Montignac, Frankreich | Snøhetta | Foto: Eric Solé

Das gilt besonders auch für Niederösterreich, das in den vergangenen Jahrzehnten etwa mit dem nitsch museum in Mistelbach und dem Arnulf Rainer Museum in Baden Kunstschwerpunkte in Bezirksstädten setzte. Privatinitiativen wie das PANEUM von Coop Himmelb(l)au im oberösterreichischen Asten widmen sich hingegen vorwiegend kulturhistorischen Themen.

In Frankreich und Deutschland wurden in den vergangenen zwei Jahren vor allem Zubauten zu Landesmuseen und Kunsthallen sowie Themenmuseen errichtet, die manchmal auch vom grundsätzlich „monolithischen“ Formtyp her – wenn auch keineswegs in der künstlerischen Qualität – mit der neuen Landesgalerie vergleichbar sind, etwa das NS-Dokumentationszentrum in München von Georg/Scheel/Wetzel.

Europa hingegen befindet sich längst in einer Phase des „Finetunings“

Matthias Boeckl

Die Kunsthalle in Mannheim und das Landesmuseum in Schwerin erweiterten sich mit anspruchsvollen Zubauten. Baukünstlerische Höhepunkte wie jene von marte.marte in Krems finden sich aber nur in Frankreich, wo etwa die norwegischen Stars von Snøhetta eine beeindruckende Rekonstruktion der berühmten Höhle von Lascaux mit ihren paläolithischen Wandmalereien errichteten und Elizabeth de Portzamparc direkt neben dem Amphitheater von Nîmes ein schillerndes Museum der römischen Kultur baute.

Ebenso wäre das LUMA in Arles von Frank O. Gehry zu nennen, ein zentrumsnaher, umgenutzter ehemaliger Industriekomplex mit einem neuen Landmark-Turm. Die Anlage versteht sich als „Kultur-Campus“ und wird sich vor allem der zeitgenössischen Kunst widmen. Sie möchte neue Kunstformen fördern und grundsätzlich den Begriff der Kunstausstellung neu formulieren, indem sie Künstler, Wissenschaftler, Denker und Forscher verschiedener Disziplinen zu produktiver Zusammenarbeit anregt.

Luma Arles | Parc des Ateliers, Arles, Frankreich, Frank Gehry | Foto: © Hervé Hôte

Luma Arles | Parc des Ateliers, Arles, Frankreich, Frank Gehry | Foto: © Hervé Hôte

marte.marte, die 2015 unter 59 Teilnehmern als Sieger aus dem zweistufigen Architekturwettbewerb für Krems hervorgegangen sind (2. Rang: querkraft Architekten, 3. Rang: Buchina & Partner mit smartvoll architects), haben sich indes spätestens mit dem evangelischen Diözesanmuseum Fresach in Kärnten europaweit einen Namen als Schöpfer präziser und stimmungsvoller Museumsbauten gemacht. Mit dem Dokumentationszentrum der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung neben dem renovierten Deutschlandhaus in Berlin-Kreuzberg wird voraussichtlich 2019 ihr nächster großer Kulturbau in historischem Kontext eröffnet.

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