Bilderwelten zwischen den Kriegen

Egger-Lienz und Otto Dix

Otto Dix, Vanitas, 1932, 100,4 x 70,3 x 2,9 cm, Mischtechnik auf Holz, Zeppelin Museum Friedrichshafen, Leihgabe der Kulturstiftung der ZF Passau GmbH, Inv. Nr. ZM 1987/ 57 /LM © Zeppelin Museum Friedrichshafen, Leihgabe der Kulturstiftung der ZF Passau GmbH © Bildrecht Wien, 2019

Der eine posthum von den Nationalsozialisten als „Bauernmaler“ für sich entdeckt, der andere von ihnen verhasst, verleumdet und seines Postens an der Kunsthochschule in Dresden enthoben. Albin Egger-Lienz und Otto Dix, beide vom Ersten Weltkrieg in ihrer kritischen Schaffens- und qualvollen Lebenswelt geprägt, zeichnen in der Sonderausstellung im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum ein eindrucksvolles Bild der Zwischenkriegszeit. Einige von Dixʼ Meisterwerken sind zum ersten Mal in Österreich zu sehen.


Die bei dem Deutschen Otto Dix sexuell aufgeladene Figur der Witwe trifft in der Ausstellung auf die gequälten Kriegsfrauen des Tiroler Malers Albin Egger-Lienz. Diese und weitere Begegnungen geben einen Einblick in die tiefen menschlichen Abgründe und existentielle Not, die das Leben der 1920er-Jahre prägten. Anstatt den Ersten Weltkrieg dokumentarisch abzubilden, schufen die Künstler universelle Ikonen des Leids und der Verwüstung, die bei Betrachtung besonders berühren.


Zwiespältige Faszination

Die Ausstellung zeigt die zwiespältige Faszination für Krieg und Gewalt, die die Kunstwelt zu Beginn des Ersten Weltkrieges bestimmte. Einige Bilder, die aus der Ferne in ihrer Farbenpracht und Vollkommenheit imponieren, konfrontieren aus der Nähe schonungslos mit dem Grauen, den Qualen und dem Tod.

Einen Schwerpunkt bilden die Hinterbliebenen in der Nachkriegszeit – Kranke und Kriegsversehrte sowie Witwen und Prostituierte. Dix gestaltete die beiden Letztgenannten oft ähnlich. Damit thematisierte er die zwiespältige Rolle der Frau, die diese in der Zwischenkriegszeit innehatte. Sie tritt in seinen Bildern als Hinterbliebene der im Krieg gefallenen Soldaten auf, deren missliche Situation häufig in die Prostitution führte. Gleichzeitig blieb sie immer noch die Mutter, die für die Familie sorgte. Eine halb entblößte Witwe, über deren Kopf feuerrote Dämonen kreisen, bildet eines seiner zentralen Werke: „Die Irrsinnige“ (1925). Der hagere Frauenkörper mit herunterhängenden Brüsten vermittelt Vergänglichkeit und erinnert zugleich an die dürre alte Frau hinter der aufreizenden jungen Figur in der „Vanitas“ (1932). Sie vereint Leben und Tod und verweist auf den Verfall als Rückseite des prallen Lebens.

Albin Egger-Lienz, Kriegsfrauen, 1918–1922 © Lienz, Museum Schloss Bruck, Foto: Martin Lugger

Albin Egger-Lienz, Kriegsfrauen, 1918–1922 © Lienz, Museum Schloss Bruck, Foto: Martin Lugger

Anstatt den Ersten Weltkrieg dokumentarisch abzubilden, schufen die Künstler universelle Ikonen des Leids und der Verwüstung, die bei Betrachtung besonders berühren.

Egger-Lienz fand eine andere Perspektive auf die Witwen, die er als „Kriegsfrauen“ (1918–22) mit verzerrten, maskenhaften Mienen darstellte. Sie erinnern an Klageweiber, denen Mitsprache und Mitwirkung an ihrer misslichen Lage entzogen wurde. Die Trauer um verlorene Männer und Söhne manifestiert sich in resignierten Gesichtern. Eine noch schärfere Nuance verlieh er ihnen, als er für „Die Mütter“ (1922–23) ein Kruzifix in die Stube legte und damit jeden Hoffnungsschimmer aus den Gesichtern der Frauen und des abgebildeten Säuglings radierte.

Die Sonderausstellung im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum ist bis 27. Oktober zu sehen und beeindruckt unter anderem durch die erstmals in Österreich gezeigten Werke dieser beiden polarisierenden Künstler.

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum

Museumstraße 15, 6020 Innsbruck
Österreich

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