Berlinische Galerie

Charrière überstrahlt die Klimakrise

Julian Charrière, As We Used to Float, USS Saratoga, 2016 © Julian Charrière, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die fünftägige Berlin Art Week hat Ende September rund 120.000 Besucher angezogen. Eines der vielbesprochenen Highlights kann noch bis April 2019 besichtigt werden: eine im Rahmen des GASAG-Kunstpreises entstandene multimediale Rauminstallation von Julian Charrière, die das Publikum unter die brodelnde Wasseroberfläche des Ozeans führt.


 

Es ist ganz ruhig im dunklen Videoraum im Erdgeschoss der Berlinischen Galerie. Alles starrt auf das Meer, das ruhig und tief entlang der Stirnwand projiziert wird. Ganze Schulklassen verschwinden stumm im Dunkel. Das ist keine Videoarbeit an der man schnell vorüber geht, hier bleibt man hängen.

Vielleicht weil das Meer den Menschen einfach anzieht, vielleicht aber auch, weil er wissen will, was als Nächstes kommt? Wird hier eine Spannung vor dem Knall aufgebaut? Verbirgt sich gar etwas unter der Tiefe des Meeresspiegels? Was will uns Julian Charrière zeigen? Es bleibt subtil.

Charrière geht auf Reisen, die ihn ans Ende der Welt und zugleich ins Zentrum der Gegenwart bringen

Christiane Meixner

So paradiesisch scheint, was den Künstler bei seinen Aufnahmen eigentlich in Gefahr brachte. Hauptdarsteller und Kulisse der Ausstellung ist das Bikini-Atoll. Jene Inselgruppe im Pazifischen Ozean wo durch die USA in den 1940er und 1950er Jahren Kernwaffentests stattfanden, deren Umweltfolgen das Gebiet bis heute unbewohnbar gemacht haben.

Die hellen Flecken in Charrières Aufnahmen dokumentieren die noch immer gegebene Radioaktivität der Atomwaffenversuche. Der Künstler begab sich auf der verlassene Stück Land, dokumentierte die Hinterlassenschaften menschlicher Hand und die Brache der geläuterten Natur in szenischen Aufnahmen, die ein Stück politischer Geschichte fassen.

Julian Charrière. As We Used to Float. GASAG Kunstpreis 2018, Installationsansicht, Berlinische Galerie | Foto: Harry Schnitger © Julian Charrière © VG Bild-Kunst, Bonn, 2018

Julian Charrière. As We Used to Float. GASAG Kunstpreis 2018, Installationsansicht, Berlinische Galerie | Foto: Harry Schnitger © Julian Charrière © VG Bild-Kunst, Bonn, 2018

 


Gewaltige Natur und gewalttätige Menschheit

Das Bündnis wie Verhältnis von Mensch und Natur wird in der überdimensionalen Rauminstallation Charrières, die dem filmischen Einstieg der Ausstellung im nächsten Raum folgt, überdeutlich. In sanftes Blau getaucht wird hier eine historische Taucherglocke vor einer Schiffsschraube zum Denkmal.

Von der Decke baumelt eine Traube von Plastiksäcken die Meerwasser enthalten, im Hintergrund die kaum hörbaren, aber kraftvollen Atemgeräusche eines Tauchers. Fast wie in einem Kirchenschiff wird man hier ruhig und bedächtig, die Natur scheint gewaltig und mächtiger als unsere Intervention, schließlich steht die Schiffsschraube still unter dem Algenfilm und die Glocke rostet vom Salz des Meerwassers.

Doch hier ist keine Natur, hier ist bloß eine Inszenierung von Menschenhand im White Cube. Am Boden liegen Kokosnüsse, wie willkürlich am Strand des Bikini-Atolls. Um ihnen aber die radioaktive Strahlung zu nehmen wurden sie vom Künstler in Blei ummantelt. So wird hier ein Giftstoff zum Schutz des anderen eingesetzt. Ein Kommentar auf die Klimapolitik?

„Charrière geht auf Reisen, die ihn ans Ende der Welt und zugleich ins Zentrum der Gegenwart bringen“, schreibt Christiane Meixner im Tagesspiegel trefflich akzentuiert. Der 1987 in Morges in der französischen Schweiz geborene Künstler legt mit seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in Berlin eine persönliche Ausstellung vor, die auch einen Wiederbesuch nach der Art Week lohnt.


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Berlin Art Week

 

Portrait © Julian Charrière

Portrait © Julian Charrière

Berlinische Galerie

Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin-Schöneberg
Deutschland

Julian Charrière

As We Used to Float

Bis 8. April 2019

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