Andreas Duscha in der Christine König Galerie

Bewegte Zeiten in der Wiener Szene oder doch Stillstand?

Andreas Duscha, Installationsansicht 2017, Deadline, Fotogramme auf Barytpapier vor Villardscher Figur © Andrea Kopranovic Courtesy Christine König Galerie

Vielfältig und stets ästhetisch experimentiert Andreas Duscha damit, wie sehr unser Blickwinkel das Bild und damit die Welt vor und in unseren Köpfen bestimmt. Seine kritische Betrachtung der Umwelt bündelt sich nicht nur in gelungener Konzeptkunst sondern auch in zynischen Bilanzen über den Status Quo der Wiener Kunstszene. Kurz vor seiner Soloausstellung in der Galerie Christine König traf PARNASS den Künstler zum Gespräch.


Auch stehengebliebene Uhren gehen zwei Mal am Tag richtig. Andreas Duscha (*1976 Heidenheim a. d. Brenz, Deutschland) fotografiert vergessene Uhren im öffentlichen Raum genau in diesen beiden Momenten. Einmal nachts und einmal untertags, belichtet je für die eine Minute, in der sie ursprünglich stehengeblieben sind. So scheint für zwei Minuten wieder alles in Ordnung zu sein, was eigentlich längst aus der Ordnung gerutscht ist.

Wie sehr wir unsere Welt auf Umständen konstruieren und welche Skurrilitäten sich dabei ergeben, damit spielt der Künstler wiederholt. „Richtig“ und „falsch“ werden zurückgeführt auf Ideen und irreführende Vorstellungen. „Da ist ein kaputtes System, das aber aus einem ganz bestimmten Blickwinkel funktioniert“, so Duscha. Fotografiert werden ausschließlich Uhren im öffentlichen Raum, hat die öffentliche Zeit doch auch politischen und demokratischen Gehalt. Oder vielmehr hatte, denn längst beziehen wir unsere Zeit aus anderen Systemen.

Die Konstruktion der Welt und auch das, was sie im Goetheschen Sinn „im Innersten zusammenhält“, sind Andreas Duschas Grundthemen. Immer wieder beschäftigt ihn das Konzept „Zeit“. Etwa in der links dargestellten Deadline-Serie, die den Sand aus Sanduhren in den Fokus rückt. Duschas Medium ist die Fotografie, sein Genre die Konzeptkunst. Immer wieder ertastet er von beiden den Möglichkeitshorizont. So benutzt er oft mehr die Macht der Fotografie, als dass er Fotos macht.

Ich mag dass ich die Zeit manipulieren kann

Andreas Duscha

„Eigentlich bin ich ja ein verkappter Maler“ scherzt er und erzählt, dass seine neuesten Arbeiten ein Versuch sind, „der Malerei so nah wie möglich zu kommen“. Über das Edeldruckverfahren Cyanotypie, einen Blaudruck, erarbeitet er monochrome Räume, die er bekannten Blau-Flächen, wie etwa jener der EU-Flagge oder dem Himmel bekannter Gemälde, entnommen hat. So wird der ursprüngliche Farbton zu einem neuen, in dem das eigentlich enthaltene, Blau nicht mehr erkennbar ist. Mit Cyanotypie arbeitet er auch in einer anderen Serie: Dabei werden Postkarten überlagert und so ikonische Gebäude in der Zeit verloren entfremdet.

Ein dritter Raum der Ausstellung wird sich Lochkameras widmen. „Ich mag die Ästhetik und dass ich die Zeit manipulieren kann“, erklärt Andreas Duscha und erzählt auch davon, wie poetisch es ist, dass eine Lochkamera eine neue Version der Wirklichkeit erzeugt. Ihre Bilder enthalten Informationen, die nicht mehr sichtlich erkennbar sind, obwohl sie Teil des Fotos sind – eine schnelle Bewegung innerhalb einer langen Belichtung beispielsweise.

Andreas Duscha | Auch die kaputte Uhr … (Brooklyn, New York), 2018 gerahmte Fotografie, 112 × 75 cm © by the artist

Andreas Duscha | Auch die kaputte Uhr … (Brooklyn, New York), 2018 gerahmte Fotografie, 112 × 75 cm © by the artist


Dem Hype zum Trotz – Junge Künstler haben es in Wien sehr schwer

Diesen September war Andreas Duscha auf der viennacontemporary und der art berlin vertreten. Dem Kunstmarkt gegenüber gibt er sich aber skeptisch. So müsse ein Künstler in ­Österreich im Jahr Kunst um rund 120.000 Euro verkaufen, um auf ein Nettomonatseinkommen von knapp 2.000 Euro zu kommen. „Das System muss sich einmal gesundschrumpfen, damit es für ein paar Leute mehr funktioniert.“ Duscha kennt die sogenannte „Kunstwelt“ gut, nicht nur weil er immer wieder auch kuratiert, sondern vor allem weil er mit dem Künstlerkollektiv „Mahony“ (2002 – 2010) bereits große Erfolge bestritten hat. Inzwischen ist Andreas Duscha auch solo in vielen großen Sammlungen, wie etwa jenen des Leopold Museums oder des Belvedere, vertreten und zahlreiche Auslandsstipendien schmücken seine Biografie. Wie zuletzt der Aufenthalt in New York, wo Duscha zu Jahresbeginn am Artist-in-Residence-Programm ISCP teilgenommen hat. Die dort gemachten Erfahrungen haben nicht nur die Serie der Uhren angeregt, sondern auch eine zunehmend kritische Haltung gegenüber der Wiener Kunstszene gefördert.

Seit 2000 lebt und arbeitet der deutsche Künstler in der Stadt. Nun freut er sich zwar darüber, dass die Jungen gerade ein Momentum genießen, kritisiert aber dennoch das hiesige Galerieförderungssystem und die Hoheit der Alteingesessenen. Seine eigene Galerie hat mit der Dependance KOENIG2 by_robbygreif einen gangbaren Mittelweg gefunden, Jung und Alt unter einen Hut zu bringen. Generell haben es die Nachwuchskünstler und auch jene Generation zwischen 35 und 45, zu der er zählt, hier schwer: „Wir sind aufs Stellgleis gestellt, auch weil es abseits der Secession an institutionellen Ausstellungsmöglichkeiten mangelt. Wien fehlt einfach das deutsche System eines Kunstvereins“, ist er sich sicher. Gezeigt würde in Wien immer wieder lieber Internationales als die eigenen Künstler. Oder eben die Vergangenheit.

Über die Biennale-Entscheidung will er erst gar nicht zu reden anfangen – „eine vergessene Position aufarbeiten und dabei zeitgleich wieder die jungen Künstlerinnen vergessen“, Duscha erkennt die eine oder andere Schieflage in dieser „Kunstwelt“. Vielleicht beschäftigt er sich auch deshalb mit der Fotografie. Sie erzeugt neue Welten, einfach über die gegebene gelegt. „Lang galt die Fotografie als Wahrheitsbeweis, obwohl ein Bild eigentlich nie die ganze Wahrheit zeigt“, schmunzelt Duscha. Der Mandela-Effekt – die kollektive Falschwahrnehmung, wenn etwas anders ist, als es scheint, ist wohl sein Lebenswerk. Nicht nur in seinen natur- wie geisteswissenschaftlich herangeführten fotografischen Werken, sondern auch in seinem Lebenswerk, dem Berufszweig „Künstler“.

Andreas Duscha | Auch die kaputte Uhr … (Brooklyn, New York), 2018 gerahmte Fotografie, 112 × 75 cm © by the artist

Andreas Duscha | Auch die kaputte Uhr … (Brooklyn, New York), 2018 gerahmte Fotografie, 112 × 75 cm © by the artist

Galerie Christine König

Schleifmuehlgasse 1a, 1040 Wien
Österreich

Andreas Duscha
WHITE COLLAR

18. Oktober bis 17. November 2018

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