Hubert Winter im Gespräch mit Thaddaeus Ropac | Foto: PARNASS

Seit vielen Jahren stellt die Stadt Anfang April mit der „miart –fiera internazionale d’arte moderna e contemporanea“ in der Fiera Milano City und der Mailänder Art Week die Kunst in den Mittelpunkt und ist zum Treffpunkt von Kuratoren, Kunstkritikern und Sammlern geworden.


Miart wurde 1996, zwei Jahre nach der Artissima in Turin gegründet und bemüht sich seitdem um Aufmerksamkeit im Reigen der Regionalmessen. Mit Frank Boehm, einen deutschen Architekten, bekam die Messe 2012 erstmals einen künstlerischen Leiter. War bislang der Kunsthandel besonders stark vertreten, versuchte bereits Boehm die Moderne mit dem zeitgenössischen Bereich in einen Dialog zu bringen und sie, wie er in einem Interview meinte, präziser zu formulieren. Diese Präzision schlug sich auch in der Anzahl der Galerien nieder. Diese wurden reduziert und in einzelnen Sektionen unterteilt. Die Messe wurde dadurch übersichtlicher und vor allem die zahlreichen Galeriestände, die nur einen oder wenige Künstler zeigen, machen Entdeckungen möglich.

Seit drei Jahren wird die Messe von Alessandro Rabottini geleitet. Der unter anderem in Bergamo und Neapel als Kurator tätige Rabottini, folgte Vicenzo de Bellis nach, dem es gelang die zunächst von lokalen Galerien dominierte Messe zu einem Marktplatz auch für internationale Galerien zu machen und die miart nachhaltig auf dem bereits vollen Kalender der europäischen Kunstszene zu verankern. „Galerien wie Lelong oder Massimo de Carlo nehmen seit vielen Jahren an der Messe teil und haben eine Basis geschaffen, sodass wir heute mit Galerien wie Thaddaeus Ropac, Marian Goodmann Gallery, Hauser & Wirth und Häusler weitere namhafte Galerien auf der Messe haben“, so Rabottini.

Die in München und Zürich tätige Galerie Häusler ist heuer ebenso wie Hauser & Wirth erstmals auf der miart vertreten und zeigt in Kollaboration mit der Galleria Michela Rizzo aus Venedig den Schweizer Künstler Roman Signer in Dialog mit Aldo Runfola aus Italien. Hauser & Wirth punktet mit einer gelungenen Solopräsention von Paul McCarthy. Im Bereich "Established" sind insgesamt 128 Galerien auf der Messe präsent, aufgeteilt in die beiden Kategorien „Contemporary und Masters“.

Paul McCarthy, Installationsansicht Hauser & Wirth, miart, Milan, 2019 © Paul McCarthy | Courtesy Hauser&Wirth | Photo: Nicola Gnesi

Paul McCarthy, Installationsansicht Hauser & Wirth, miart, Milan, 2019 © Paul McCarthy | Courtesy Hauser&Wirth | Photo: Nicola Gnesi


Highlights der Klassischen Moderne

Nach wie vor ist der Sektor des Kunsthandels groß und zum Teil mit beeindruckenden Werken bestückt. „Man muss bedenken, dass viele italienische Sammler ein profundes historischen Wissen über Kunst haben. Sie betrachten auch die Zeitgenössische Kunst mit dieser Kennerschaft. Daraus entwickelt sich ein besonderer Raum, für einen differenzierten Dialog, den auch internationale Galerien aus dem Bereich der Gegenwartskunst schätzen“, erklärt Rabottini diese Zusammenschau vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Russo aus Rom zeigte neben einer kleinen Personale des 1960 verstorbenen Künstlers Duilio Cambellotti vor allem ein Tafelbild von Giacomo Balla von 1924, „Balfiore“, um 520.000 Euro sowie zwei schöne Arbeiten von Modigliani, beide aus italienischen Privatsammlungen mit einer bemerkenswerten Ausstellungsbiografie. Der Preis der Tuschezeichnung eines weiblichen Kopfes wurde mit 800.000 Euro angegeben, das Ölbild „Cariate“ mit einer Million.

Die renommierte Galerie D´Arte Maggiore G.A.M, gegründet 1978, punktet seit jeher mit Arbeiten musealer Qualität und ist nicht selten gesuchter Leihgeber für Werke Klassischer Moderne. In Mailand zeigt sie Arbeiten mit eindrucksvoller Provenienz. So eine schöne Mondlichtszene von Henri Matisse aus der Sammlung Beyeler, eine Collage von Pablo Picasso aus der Sammlung von Maya Ruiz, der Tochter des Künstlers und seiner Geliebten Marie-Thérèse Walter, oder Giorgio De Chiricos „Hector und Andromache“ von 1942, aus einer Bologneser Privatsammlung und einen schönen Franz Kline „Untitled“ von 1950 aus einer New Yorker Sammlung.

Zwei Gemälde von Amedeo Modigliani, Messestand Russo, Ausstellungsansicht miart, 2019 | Foto: PARNASS

Zwei Gemälde von Amedeo Modigliani, Messestand Russo, Ausstellungsansicht miart, 2019 | Foto: PARNASS

"Uns ist neben dem Künstler auch die Geschichte des Bildes sehr wichtig“, so die Galeristen. „Ebenso wie auch Unbekanntes oder wenig Bekanntes eines Œuvres zu zeigen, wie etwa die Landschaften von Giorgio Morandi.“ 2018 zeigte die Galeriedirektorin Alessia Calarota eine veritable Retrospektive Morandis im historischen Ambiente der Galerieräume in Bologna und brachte auch nach Mailand eine Landschaft des Künstlers von 1934 mit. Nach Preisen traut man sich ob der Qualität der Arbeiten ohnedies nicht mehr zu fragen.

Nach Preisen traut man sich ob der Qualität der Arbeiten ohnedies nicht mehr zu fragen.

 

Allgemein zu sehen – viele – und darunter durchaus auch sehr gute – Arbeiten von Lucio Fontana, wie etwa ein „Concetto Spaziale Barocco“ von 1956 bei Mazzoleni aus Turin/London, um 2,2 Millionen Euro – und der italienischen Avantgarde um Agostino Bonalumi, Mimmo Rotella, Paolo Scheggi, Alberto Burri, Alighiero Boetti, etc.

Beeindruckend auch der Stand der in London und Mailand mit Standorten vertretenen Galerie Cardi, die den Zyklus „Calatayud“ von 1973 – Objektkästen, Bleistift, Aquarell, Fotografie, Bleifolie, von Wolf Vostell aus einer Privatsammlung nach Mailand mitbrachte, sowie zwei Spiegelarbeiten von Michelangelo Pistoletto von 1973 und 1994 und Malerei von Mimmo Rotella. Unter den „Established Masters“ fiel auch die Solopräsentation „Simply Painting“ mit Werken des 1990 verstorbenen amerikanischen Malers und Jazzmusikers Ray Parker bei Gariboldi, Mailand auf.


Generations

Als Brücke zwischen den beiden Messebereichen fungiert die Sektion „Generations“, in der die Galerien jeweils zwei Künstler aus verschieden Generationen zeigen. Was nicht immer stimmig ist, doch in manchen Fällen gut gelingt. Die beiden herausragenden Stände dieser Sektion sind mit Sicherheit Hubert Winter aus Wien mit dem gelungenen Dialog von Werken von Birgit Jürgenssen (1949–2003) und Tina Lechner (*1981). Winter zeigt mit Zeichnungen, Collagen, Cyanotypien einen Einblick in das vielfältige Werk von Jürgenssen sowie neue und ältere Fotoarbeiten von Tina Lechner. Beide dürften in Italien keine Unbekannten mehr sein, zeigte sie Winter bereits auf der Artissima in Turin sowie Lechner darüber hinaus in einem beeindruckenden nahezu raum-installativen Setting ebendort auf der kleinen aber feinen Parallelmesse DAMA. Zu erwähnen in dieser Sektion auch die Gegenüberstellung von Gicaomo Balla (1871–1958)/Galleria d´Arte Maggiore G.A.M mit dem in Chicago lebenden Richard Rezac (*1952)/Galerie Isabella Bortolozzi.

Birgit Jürgenssen und Tina Lechner, Standansicht Galerie Hubert Winter, miart (Generations Sektion), 2019

Birgit Jürgenssen und Tina Lechner, Standansicht Galerie Hubert Winter, miart (Generations Sektion), 2019


Emergent und On Demand

Rabotti betont jedoch auch die Wichtigkeit der Präsenz junger Galerien auf der Messe, der die miart auch mit speziellen Standpreisen in der Sektion „Emergent“ entgegenkommt. „Die Teilnahme der emerging und mid-sized Galerien ist besonders wichtig. Sie unterstützen junge Künstler und Künstlerinnen am Beginn ihrer Karriere und sind wesentlich, um ein Sammlerpublikum für junge Kunst zu etablieren. Wir sind uns bewusst, dass sie ein weitaus größeres Risiko auf sich nehmen und ich sehe es daher auch als eine Aufgabe der Messe für diese Galerien eine ideales Umfeld zu schaffen.“

Saskia Te Nicklin, Messestand VIN VIN, miart (Emerging Sektion), 2019 | Foto: Andrea Pisapia, miart 2019

Saskia Te Nicklin, Messestand VIN VIN, miart (Emerging Sektion), 2019 | Foto: Andrea Pisapia, miart 2019


Auszeichnung für Wiener Galerie

In diesem Sektor dabei auch drei Wiener Galerien: Sophie Tappeiner, VIN VIN und Felix Gaudlitz. Gaudlitz zeigt mit Knut Ivar Aaser und Halvor Rønning zwei norwegische Künstler und VIN VIN, eine gelungene Solopräsentation von Saskia Te Nicklin, die dafür auch mit dem diesjährigen Premio LCA per Emergent ausgezeichnet wurde. Die Jury, die den mit 4.000 Euro dotierten Preis vergibt, bestand aus Sarah McCrory, Direktorin Goldsmiths CCA, London; François Quintin, Direktor, Lafayette Anticipations - Fondation d'entreprise Galeries Lafayette e Fonds de dotation Famille Moulin, Paris und Kathleen Reinhardt, Kuratorin am Albertinum Dresden.

Sophie Tappeiner, die wie VIN VIN bereits mehrmals in Mailand vertreten war beeindruckt mit einer fein abgestimmten Präsentation mit Werken von Angelika Loderer, Sophie Reinhold und Lone Haugaard Madsen. Reinholds reduzierte Malerei, die Tappeiner bereits in einer Soloshow in Wien zeigte, kreisen um das Thema Malerei per se und stellen Fragen nach Materialspezifik, abstrakter Formensprache und den Parametern der Malerei, die sie stets um Materialien anreichert wie unter anderem mit Marmormehl und Grafit.

Angelika Loderer zeigt Bronze-Arbeiten aus der Serie Spechthöhlen (Untitled) aus 2013. Eindrucksvolle Sockelskulpturen, die mit den Techniken und Materialien aus der klassischen Bildhauerei hergestellt werden, jedoch unmissverständlich den Begriff der Skulptur weiterdenken. Entnommen sind die Abgüsse aus bereits gefällten Bäumen, die Angelika Loderer teilte und daraus die Formen der verlassenen Tierbehausungen abgoss. Entstanden sind organische Formen an der Schnittstelle zur Abstraktion, die eine große Komplexität im Detail und in der Oberfläche aufweisen.

Subtile Arbeiten zeigte in dieser Sektion die Galerie Eastwards Prospectus, die sich auf GAEP umbenennt, aus Bukarest. Sie zeigte eine Gegenüberstellung von Werken der kroatischen Künstlerin Vlatka Horvat und dem spanischen Künstler Ignacio Uriarte. Horvats Werk, das ein Crossover zwischen Skulptur, Installation, Zeichnung, Fotografie und Performance bildet ist eine Entdeckung. Das Werk der heute nach 20 Jahre in den USA, in London lebenden, 1974 geborenen Künstlerin wird unter anderem auch von annex14 in Zürich vertreten und konnte in den letzten Jahren in einer Reihe von internationalen Ausstellungen reüssieren.


Investment in die Zukunft

Die Messe soll jedoch nicht nur den Istzustand abbilden, sondern auch ein Investment in die Zukunft sein, ist Rabottini überzeugt und so etablierte die miart den Sektor „On Demand“ für Galerien, die kontextbasierte, interaktive und site-specific art works zeigen, auch um eine Sammlerpublikum dafür zu begeistern in Kunst zu investieren, die nicht einfach an die Wand zu hängen ist. Viele Galerien haben diesen Sektor als Zusatzkoje ihrer „normalen Galeriestandes“ so etwa Kaufmann Repetto aus Mailand/New York, die eine Installation von Latifa Echakhch zeigen.

Nicht vieles allerdings überzeugte hier, auch wenn durchaus ganze Rauminstallationen wie etwa von Serena Vestrucci bei Otto Zoo, Mailand gezeigt wurden. Gelungen die Präsentation von Soda Art Bratislava mit Arbeiten von Lucia Tallova und Jargo Varga. Mit dieser Idee, in die Zukunft zu investieren ist auch ein Preis für diese Sektion „On Demand“ verbunden, der dieses Jahr zum dritten Mal vergeben wird. Dotiert mit 10.000 Euro geht er an einen Künstler oder eine Künstlerin, um ein neues Projekt – Ausstellung, Katalog oder Werk – zu realisieren. 2019 ging der Preis an Luís Lázaro Matos, gezeigt bei Madragoa aus Lissabon.

Lucia Tallová, Jaro Varga, Standansicht Soda Gallery, miart (On Demand Sektion), 2019 | Foto: PARNASS

Lucia Tallová, Jaro Varga, Standansicht Soda Gallery, miart (On Demand Sektion), 2019 | Foto: PARNASS

Weitere Preise um ebenfalls jeweils 10.000 Euro werden vergeben für den besten Galeriestand und die beste Präsentation im Bereich „Generations“, dieser ging an Ronchini mit dem japanischen Künstler Katsumi Nakai und MLF | Marie Laure Fleisch mit Arbeiten der Mailänder Künstlerin Alice Cattaneo.


FEMALE POWER UND QUEERE KUNST auf der miart 2019

Auffallend war die hohe Präsenz an Kunst von Künstlerinnen in diesem Jahr. Insbesondere wurde die Geschichte der feministischen Kunst scheinbar aufgearbeitet und war auf einigen Ständen mit ausgewählten Arbeiten präsent.

Ebenso Werke von Jürgen Klauke und anderen, die sich mit Genderthematiken auseinandersetzten. Dies spiegelt sich auch in den Ausstellungen der Mailänder Art Week wider, wie auch im Rahmenprogramm mit Key Note Speeches unter anderem von Gabriele Schor. Insgesamt ist das Talkprogramm sehr ambitioniert mit einer Vielzahl an Themen und prominenten Gästen besetzt – auch ein Weg, um sich gegenüber seinen Mitbewerbern zu behaupten.

„Wir bemühen uns vor allem viele Künstler und Kuratoren nach Mailand zu bekommen, wenn sie dann sind, kommen auch die Sammler“, so Alessandro Rabottini, dem mit der 24. Edition der miart in Mailand ein durchaus starker Auftritt gelungen ist.

miart

Viale Lodovico Scarampo 2, 20149 Milano
MI
Italien

5. bis 7. April 2019

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