Ana Navas bei SPERLING, München

Kunstszene
Künstler
Ana Navas, Ich traute mich, sie zurückzugeben, weil sie nicht bissfest waren, 2019, Ausstellungsansicht, Sperling, Wien

SPERLING

Regerplatz 9 , 81541 München
Deutschland

KünstlerIn: Ana Navas

Titel: Ich traute mich, sie zurückzugeben, weil sie nicht bissfest waren

Datum: 25. Mai 2019 – 29. Juni 2019

Fotografie: Courtesy the artist and SPERLING, Munich | Photo: Sebastian Kissel

Ausstellungstext:

Vor einigen Monaten besuchte ich Ana Navas' Atelier bei FLORA ars+natura in Bogota. Ich sage Studio, weil dieses Wort verwendet wird, um den Ort zu beschreiben an dem Künstlerinnen und Künstler arbeiten. Wenn Navas die Logik den Begrif des Kuriositätenkabinetts nicht völlig umgekehrt hätte, wäre es meiner Meinung nach angemessener den Raum, in dem ihre Kunst gemacht und ausgestellt wird als ein solches zu bezeichnen. Visuell gab es kaum etwas, dass Ihr Studio von solch einem Ort abgegrenzt hätte: nicht nur hat die Künstlerin fast jede Oberfäche des Raumes bedeckt, sie zeigte auch naturkundliche und ethnographische Objekte.

Einen fundamentalen Unterschied gab es aber; anstatt Kuriositäten weit entfernter Orte und exotischer Kulturen zu präsentieren, umfasste der Raum der Künstlerin fktive/erdachte Raritäten zeitgenössischer Gesellschaften. Unter den Dutzenden von liegenden, hängenden und stehenden Objekten gab es zum Beispiel einige ovale Schaumstofstücke, die – um die Taille platziert - die Kurven des weiblichen Körpers glätten sollen. Außerdem eine reinterpretierte Pussy Bow-Bluse (eine schlappe Schleife am Hals einer Damenbluse, die dazu dient, ihr Dekolleté zu kaschieren), sowie einen monochromen Umhang, getragen von einem Metallgestell, der den Oberkörper einer Frau so rechteckig wie einen männlicher Torso erscheinen lassen soll.

Obwohl visuell nichts darauf hindeutet, gibt es eine starke inhaltliche Verbindung, die diese Kleidungstücke, die Navas erfunden oder neu interpretiert hat, innetragen: Jedes einzelne Kleidungsstück zeigt die Methoden, mit denen Frauen und der weibliche Körper unter den Bedingungen des kapitalistischen Patriarchats ihrer Sexualität und Weiblichkeit beraubt worden sind. In der Konzeptualisierung dieser Kleidungsstücke ist die Künstlerin von Büchern über Power Dressing inspiriert worden, der Praxis eines Kleidungsstils, der es Frauen ermöglichen soll, ihr Können und ihre Autorität in einem von Männern dominierten politischen und berufichen Umfeld zu zeigen. (...)

Zu sagen, dass es bei Navas' Arbeit um Gender („es geht um die Erfahrung, eine Frau zu sein") oder Ethnizität („es geht darum, Venezuelanerin zu sein“) geht, beleuchtet nur einen kleinen Teil Navas' Arbeit. Anstatt diese auf eine bestimmte Herkunft oder ein bestimmtes Geschlecht zu reduzieren, sollten Navas Arbeiten eher als Antwort auf umfassendere Fragen zu den Themen der Konstruktion und Performativität von Identität gelesen werden. Ich glaube, dass die Qualität der Arbeiten von Navas genau darin liegt; die humorvollen und erfinderischen Wege, auf denen sie zeigt, dass das, was wir sind - oder besser, was wir sein müssen – von scheinbar harmlosen Objekten und Verhaltensweisen konstruiert und kommuniziert wird.

Von Stephanie Noach