2/2013 - Künstlernachlass

02/13

Editorial

Vorlass – Nachlass – Künstlerwitwen

Das Bewahren eines Erbes großer Künstler und das behutsame verwerten des künstlerischen Werkes sei es in Sammlungen, Publikationen und Ausstellungen gehört zu den wichtigen Aufgaben der Nachlasspflege. In erster Instanz sind es die Künstlerwitwen, die diese Aufgabe zumeist übernehmen. Auch Entwürfe, Notizbücher, Skizzen und Briefe sind für die Forschung von großer Wichtigkeit und öffentlich zugänglich zu machen.

Nicht immer ist das Erbe auch eindeutig geregelt oder es gerät einfach in unkundige Hände. So geschehen bei einem unveröffentlichten Nachlass von Franz Kafka. Dieser bat seinen Freund und Schriftsteller Max Brod in seinem letzten Willen seine handschriftlichen Manuskripte zu verbrennen. Brod hat sie hingegen gerettet und in einem Koffer von Prag nach Israel gebracht. Nach seinem Tod erbte seine Sekretärin und Lebensgefährtin Ilse Ester Hoffe den Nachlass, darunter auch wichtige Manuskripte von Franz Kafka und dessen Briefwechsel mit Max Brod. Hoffe wurde immer wieder vorgeworfen, den Nachlass Kafkas der literarischen Forschung nicht zur Verfügung zu stellen und gar Teile daraus zu verkaufen.1988 wurde zuletzt das Romanmanuskript von Franz Kafka "Der Prozess" bei Sotheby's um 1,98 Millionen Dollar dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach zugeschlagen.

Nach dem Tod von Ilse Ester Hoffe im Jahr 2007 erbten deren zwei Töchter den Nachlass, der in einem Banksafe gelagert war. Nach einer gerichtlichen Verfügung wurde der Safe 2010 geöffnet, sieben Anwälte waren dabei anwesend. Um das Erbe stritten sich danach Israel, Marbach und Prag. Wohin gehört der Nachlass, wem gehört Kafka? Keiner wusste es. Die beiden Töchter von Ilse Ester Hoffe wollten den Nachlass Brod und die restlichen Kafka-Manuskripte an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach verkaufen. Ein Gericht in Tel Aviv hat dann 2012 tausende Manuskripte aus dem Nachlass Franz Kafkas der israelischen Nationalbibliothek zugesprochen.

Immer wieder geht es dabei natürlich um viel Geld und Künstlerwitwen kommen vielfach deswegen in negative Schlagzeilen. Tatsächlich ist eine Betreuung des künstlerischen Nachlasses eine aufwändige und verantwortungsvolle Tätigkeit. Wir haben recherchiert und Gespräche geführt und wollen Ihnen in diesem Heft einige Beispiele anführen wie spannend diese Aufgabe sein kann. Ernst Ploil hat noch für uns in seiner Kolumne die rechtlichen Grundlagen sehr anschaulich dargestellt. 
Yvonne Weiler ist wohl allen, die sich dafür interessieren ein Begriff. Unermüdlich stellt sie Max Weilers Werk ins rechte Licht. Unzählige Ausstellungen und Publikationen hat Yvonne Weiler seither organisiert und Museen, Galerien, Auktionshäuser und Kunsthistoriker greifen auf ihr umfangreiches Archiv zurück.

Das Werkverzeichnis der Zeichnungen ist im fertig werden und das Werkverzeichnis der Ölgemälde in Vorbereitung. Das öffentliche Werk soll ebenso in einem Werkverzeichnis dokumentiert werden. Über Fälschungen und Expertisen wollte Yvonne Weiler nichts aussagen, dazu befragten wir Brigitte Prachensky. Für sie sind Fälschungen in gewisser Weise die Bestätigung dafür, dass man als Künstler präsent ist. Wie sie damit umgeht erzählt sie in einem Beitrag.

Wenn zwei Künstlerpersönlichkeiten wie John Lennon und Yoko Ono liiert sind wird die Sache nicht einfacher. Eben war eine umfassende Retrospektive "Half-a-wind-show" über Yoko Ono in der Frankfurter Schirn zu sehen, die dieses Jahr durch Europa tourt und im Herbst auch in der Kunsthalle Krems zu sehen sein wird. In finanziellen Belangen hat Ono sich immer schon um die Familie gekümmert und ihr kaufmännisches Talent gezeigt. Sie investiert in das Andenken an ihren Mann und verdient am liegengebliebenen Studiomaterial, das keinesfalls einer Musealisierung anheim fallen soll.

Zu den streitbarsten Erbinnen gehört wohl Nina Kandinsky. Es wurde viel über Kandinskys Nachlass geschrieben, Nina Kandinsky hat selbst auch ihre Biografie verfasst. Streit gab es vor allem mit einem Verleger und Wassily Kandinskys Verbindung mit Gabriele Münter war Nina Kandinsky stets ein Dorn im Auge.

Als Hüterin der Ordnung ging Helene Berg in die Geschichte ein. Viel Persönliches vermittelt ausführlich unser Artikel, das Haus des Komponisten Alban Berg gibt es heute noch.

Wenn ein künstlerisches Werk oder Teile davon schon zu Lebzeiten einer Bibliothek, einem Archiv oder Museum zur Verfügung gestellt werden, spricht man von einem "Vorlass". Den Begriff prägte der Leiter der Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs Marbach, Jochen Meyer. In Österreich hat das zum Beispiel Günter Brus gemacht.

Viel Lesevergnügen wünscht Ihnen
Charlotte Kreuzmayr

AutorInnen

Mitarbeiter dieser Ausgabe: Mag. Silvie Aigner, Prof. Peter Back-Vega, Uta Baier, Daghild Bartels, Univ.Prof. Dr. Mag. Matthias Boeckl, Anna Brenken, Sabrina-Victoria Deisinger BA, Dr. Eva Dewes M.A., Dr. Herbert Giese, Mag. Daniela Gregori, Peter Grubmüller, Dr. Marianne Hussl-Hörmann, Dr. Johannes Jetschgo, Mag. Olga Kronsteiner, Dr. Claudia Lehner-Jobst, Mag. Clarissa Mayer-Heinisch, Dr. Ernst Ploil, Dr. Maria Rennhofer, Dr. Edith Schlocker, Dr. Johanna Schwanberg, Mag. Karla Starecek, Dr. Florian Weiland Pollerberg, Gudrun Weinzierl, Ilonka Wenk M.A., Dr. Hanne Weskott, Franz Zoglauer.