Art & Function in der Münchner Rathausgalerie

Über Kunst und Funktionalität

art & function, Ausstellungsansicht, 2020, Im Vordergrund: Hans Kupelwieser, "Garderobe Bocchioni", 2001, dahinter: Gregor Hildebrandt, "Segel", 2017, links: Manfred Erjautz, "Confessor", 1996 , Foto: © Lena Kienzer

Wenn Alltagsgegenstände zu Kunstwerken werden, oder Kunstwerke zugleich zum Gebrauch einladen (oder gar fordern), dann fließen Bereiche ineinander, die zu trennen zur Gewohnheit wurde. Kunst ist bekanntlich frei von Ansprüchen auf zweckgebundene Nutzbarkeit und Funktionalität. So frei natürlich, dass sie sich ebendiese Eigenschaften auch wieder zu Nutze machen kann. Als Mittel der Kommunikation auf bereits vertrauter Basis, als Schlüssel zu einer intimen Nähe zum Betrachter, als Impuls für ein Weiter- oder Überdenken des Gewohnten.


Kunst und Funktion – nicht als Widerspruch, sondern als Zusammenspiel – steht auch im Mittelpunkt der 2012 in Wien gestarteten Ausstellungsreihe „art & function“, deren vierte Ausgabe in der Münchner Rathausgalerie zu sehen ist. Kuratorin Sabine Kienzer präsentiert Skulpturen und Installationen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler – neben österreichischen werden in München auch erstmals deutsche und im speziellen Münchner Positionen gezeigt.

Sie alle eint die Überschreitung der imaginären Grenze zwischen Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand. Das heterogene Ensemble der Exponate zeugt davon, dass dies auf verschiedensten Wegen möglich ist. Den Status der Unberührbarkeit eines Kunstwerks abschüttelnd, könnten manche der Arbeiten benutzt werden. Uli Aigners Porzellanbecher zum Beispiel (für die Ausstellung entstand eine Edition innerhalb ihrer one million-Reihe). Manche stellten ihre Funktionalität schon unter Beweis (Gregor Hildebrandt reiste mit aus Kassettenband gewebten Segeln per Schiff von Zypern nach Tel Aviv). Einige fordern die routinierte Wahrnehmung humorvoll heraus oder führen die Zweckmäßigkeit des Objekts ad absurdum. Ein mit seidig-weichem Fell bezogener Boxsack (von Sofia Goscinski) fordert eher zum Streicheln als zum Faustschlag auf, und verschafft so vielleicht auf andere Weise Ausgeglichenheit. Wenn die Zeiger einer Uhr ihren eigenen, unvorhersehbaren Rhythmus gehen (wie die von Werner Reiterer), wird auch die Zeit – und damit ihr tägliches Diktat – relativ. Auch das Werk von Leonie Felle reflektiert Zeit, nicht nur im visuellen Sinne.Weitere Arbeiten stammen unter anderem von Brigitte Kowanz, Michaela Melián, Olaf Metzel, Toni Schmale und Heimo Zobernig.

Die Werke eint die Überschreitung der imaginären Grenze zwischen Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand.

Judith Koller

 

art & function, Ausstellungsansicht, 2020. Vorne: Esther Stocker, "O.T./Untitled", 2018, dahinter: Michaela Melian, "Puff und Tabouret",1988  rechts dahinter: Olaf Metzel "Flying Buffet IV", 2014, Foto:© Lena Kienzer 

art & function, Ausstellungsansicht Rathausgalerie München, 2020. Vorne: Esther Stocker, "O.T./Untitled", 2018, dahinter: Michaela Melian, "Puff und Tabouret",1988  rechts dahinter: Olaf Metzel "Flying Buffet IV", 2014, Foto:© Lena Kienzer

Schon kleine Veränderungen reichen offensichtlich, um zu irritieren. Sehgewohnheiten werden herausgefordert und an die Assoziationskraft appelliert. Letztlich lenkt ja bereits die Loslösung vom ursprünglichen Kontext von der primären Funktion eines Objekts oder Materials ab. Dabei ist es wohl der Bruch mit dem vertrauten Konzept, durch den sich das metaphorische und symbolische Potenzial für politische und gesellschaftliche Inhalte von Alltagsgegenständen voll entfalten kann. Am Ende offenbart sich in den gezeigten Werken nicht nur der äußert diverse Umgang im Verbinden von Skulpturalem und Praktikablem, von Kunst und Funktion, sondern auch die narrative Kraft, die in Möbelstücken, Textilien, Spiegeln, Uhren und anderen Objekten steckt. Ob sich nun die Funktion der Kunst oder die Kunst der Funktion annähert, spielt dabei keine Rolle.

art & function, Ausstellungsansicht, 2020. Vorne: Toni Schmale, "Im Eimer #4", 2019, rechts: Timm Ulrichs, "Ich bin im Bilde", 1967/2019, Foto: © Lena Kienzer

art & function, Ausstellungsansicht Rathausgalerie München, 2020. Vorne: Toni Schmale, "Im Eimer #4", 2019, rechts: Timm Ulrichs, "Ich bin im BIlde", 1967/2019, Foto: © Lena Kienzer 

Rathausgalerie - Kunsthalle

Marienplatz 8, 80331 München
Deutschland

bis 11. Juli 2020