Philipp Gufler bei Françoise Heitsch, München

 Philipp Gufler, The Responsive Body 1/3 + 2 AP, 2019, Videoinstallation, 27 min 43 sec, Sound loop HD, Siebdruck auf Folie, Dimension variabel (still)

Galerie Françoise Heitsch

Amalienstrasse 19, 80333 München
Deutschland

KünstlerIn: Philipp Gufler

Datum: 2. Mai 2019 – 7. Juli 2019

Fotografie: Courtesy Françoise Heitsch, München | Foto: © 2019 Baschang

Ausstellungstext:

They are attacking me, hypnotizing my eyes. It is extending into the space, onto my body. My body is vulnerable. I'm loosing control. My central-nervous system is numb. It has to be removed, destroyed.

aus The Responsive Body von Philipp Gufler

Die Op-Art der 1960er Jahre vermittelt sich als Kunstströmung der Präzision und Kontrolle über den Gegenstand und feiert in überwältigenden Mustern die Kunst der Illusion. Einer der Heroen unter den Op-Art-Künstlern war Victor Vasarely, den in der Hochphase seines Schaffens die Idee bewegte, seinen Bildern umfassende Präsenz zu verschaffen. Das Logo von Renault bringt noch heute zum Ausdruck, wie sehr Vasarely in alle Poren des Alltags eintauchte. Seine Fondation in Aix-en-Provence sollte als Gesamtkunstwerk die Ideen des Künstlers verbreiten. Vasarely schuf für sein Museum 42 Monumentalwerke in den Maßen sechs auf acht Meter.

Einige Tage am Ende des letzten Jahres verbrachte Philipp Gufler mit einem Team an Filmleuten und befreundeten Künstler_innen vor Ort, um sich am Ego und Egozentrismus eines Malers abzuarbeiten, welcher der Op-Art nachhaltig seine DNA einschrieb. Diogo Da Cruz, Johanna Gonschorek, Richard John Jones, Evelyn Taocheng Wang, Louwrien Wijers und Philipp Gufler formulieren die Wirkung der Werke körperlich. Die optischen Effekte der großformatigen Bilder affizieren die Anwesenden, das Sehen löst extreme Reaktionen des Körpers aus. Die Reizüberflutung führt zu Schwindelgefühlen – ganz ähnlich denen des Schriftstellers Stendhal, der 1817 beim Besuch von Santa Croce in Florenz von einem nervösen Anfall erfasst wurde. Das Stendhal-Syndrom ist in der Performance vor Vasarelys Gemälden eine Doppelfigur: im Schwindel offenbart sich die Ohnmacht der Rezipierenden und die Macht des Bildes über ihre Sinne.

In Guflers Videoinstallation The Responsive Body (2019) formulieren sich Fragen an das heteronormative, männliche Selbstverständnis einer Kunstrichtung. Gufler schleuste Texte der britischen Op-Art-Künstlerin Bridget Riley in seinen Film und gibt ihr damit Raum in einem egozentrischen Museum. Der Film wird in der Ausstellung auf eine Folie projiziert, deren Siebdruckmuster an einen Entwurf Bridget Rileys erinnert. Somit bringt die Projektion Vasarely, Riley und Gufler in Interaktion. Guflers Videoinstallation verhandelt dabei wesentliche Themen, die Vasarelys Kunst und ihrer Rezeption zu eigen sind: Kontrolle über die Muster und das Sehen, Wiederholung als Reproduktion, Macht über die Rezeption, Narzissmus und Selbstbespiegelung.

In den Spiegelbehälter und den Dreiecksspiegeln im ersten Stock der Galerie paraphrasieren sich diese Motive. Auch der rosa Winkel, den schwule KZ-Häftlinge in der Zeit des Nationalsozialismus sichtbar tragen mussten, formuliert eine Obsession für geometrische Figuren; zwanzig Jahre später extrahierte die Op-Art aus den berechenbaren Formen der Geometrie ihre Identität. Von den Spiegeln führt zudem ein Weg zum unvollendeten Schloss Herrenchiemsee des bayerischen Königs Ludwig II., der auf dem Chiemsee eine Reinkarnation von Versailles plante. Im Büro der Galerie hängt ein Quilt, das Gufler dem Träumer und selbst ernannten „Gralskönig“ Ludwig widmet. In der Ausstellung I’m In Love With A Statue entwickelt sich ein Dialog über Zeiten und Räume, ist der bayerische König zugleich Partner und Antipode Victor Vasarelys. Herrenchiemsee von 1878 begegnet der Fondation von 1976, in der Großen Spiegelgalerie des Schlosses auf der Chiemseeinsel spiegeln sich nicht nur die Phantasmen des Königs, sondern auch die Großkunstphantasien Vasarelys, wird die heroische Maskulinität persifliert.

Burcu Dogramaci