Otto Piene in Basel

Otto Piene (1928−2014) wollte mit seiner Kunst nicht nur den Himmel bespielen, sondern auch einen Beitrag zu einer harmonischen und nachhaltigeren Welt leisten. Das Basler Museum Tinguely widmet Pienes transzendentem Werk nun eine große Einzelausstellung.
Eine Reise durch Kunst und Visionen
„Haben Sie Pienes Windhosen gesehen, die draußen im Park wehen?“ fragt Kuratorin Sandra Beate Reimann vom Museum Tinguely gleich zu Beginn unseres Treffens. Zusammen mit ihrer Kollegin Lauren Elizabeth Hanson, Kuratorin am LACMA Los Angeles zeichnet sie für die erste monographische Schau seit Pienes Tod 2014 verantwortlich. „Die Ausstellung im Museum Tinguely adressiert die Vision des Künstlers, die Grenzen der traditionellen künstlerischen Medien zu sprengen und sie auf atmosphärische Gefilde hin neu zu entwerfen. Wir zeichnen seine Schritte, seine Wege zu einem möglichen Paradies bzw. einer besseren Welt nach,“ erklärt Sandra Reimann den Ausstellungs-Parcours, der sich über elf Räume des Museums erstreckt. Arbeiten und Projekte aus Pienes wichtigsten Serien, Rasterbilder und Rauchzeichnungen, kinetische Skulpturen, Lichtinstallationen, Sky Art, Experimente mit Fernsehen und Laser treten dabei in einen zauberhaften Dialog miteinander und dem Publikum.
Ich bin überzeugt, dass Pienes Werke immer noch ein poetisches Erlebnis bieten und nach wie vor eine friedliche Stimmung verbreiten.

Otto Piene, Black Stacks Helium Sculpture, 30. Oktober 1976. Installationsansicht, Minneapolis. Farbfotografie, courtesy Walker Art Center, Minneapolis. © ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate. Foto: courtesy Walker Art Center, Minneapolis.
"Wege zum Paradies“ stellt daher neben Pienes bekannten Werken auch selten gezeigte Arbeiten und Dokumente des Luft- und Lichtkünstlers vor. Allesamt feinnervige Positionen, die aus unbelasteten Räumen entsprungen Freude vermitteln und eine lebensbejahende Wirkung auslösen. In diesem Sinn schrieb Piene 1961 auch sein Manifest „Wege zum Paradies“, dessen Titel sich die aktuelle Retrospektive geborgt hat. Bereits vor der Gründung der Zero-Gruppe ging es dem deutschen Künstler um eine „Stunde Null“ der Kunst, erklärt Sandra Reimann. Dieser Neuanfang sollte sich gegenüber dem Dunkel des Krieges abgrenzen und orientiert sich also nicht zufällig an Licht, Reinheit, Energie und Kosmos.
Zauberhaft tanzende Lichtballette, riesige aufblasbare Pflanzen oder ein breiter Regenbogen aus Luft – anstatt Pienes Œuvre chronologisch zu präsentieren, bietet die Basler Schau eine Neubetrachtung seiner Kunst entlang wiederkehrender Motive und Themen, wobei die beiden Begriffe des „Zeichnens“ und das „Entwerfen“ die roten Fäden bilden.

Otto Piene, Hexagonal Rooster, 1983. Installationsansicht aus International Alarm (Elizabeth Goldring, Edward LePoulin), Sky Art Conference '83, München, 1983. © 2924 ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate. Foto: Otto Piene Archiv © Elizabeth Goldring
Pienes Skizzenbücher
Besonders interessant sind dabei die Skizzenbücher Pienes, die von Lauren Elizabeth Hanson erschlossen wurden: „Otto Piene hat bereits mit sieben Jahren erste Skizzenbücher angelegt. 24 haben wir für die Ausstellung ausgewählt. Man sieht darin, dass sich Piene über Jahrzehnte mit ähnlichen Fragestellungen auseinandergesetzt hat. Die Skizzenbücher, von denen wir auch viele Seiten digital zeigen, wirken daher wie eine Verdoppelung oder erweiterte Reflexion der Ausstellungsthemen,“ schwärmt die Kuratorin des LACMA.
Unter dem Überbegriff „Entwerfen“ haben Hanson und Reimann dann jene Potentiale zusammengefasst, die Piene der Kunst an sich zuschrieb: „Nämlich mit der Kunst eine bessere und friedvollere Welt zu entwerfen. Piene wollte eine Kunst für alle kreieren, Events und Feste feiern und eine lebenswerte städtische Umgebung schaffen. Das waren seine ambitionierten Ziele.“ Da der Luftraum – laut Piene – der einzige Ort unbegrenzter Freiheit sei, schickte der hochträumende Künstler seine „Sky Art“ genau dorthin, zeichnet mit Luftschlangen direkt in den Wolkenhimmel oder überspannt mit 460 Meter langer Regenbogen die Olympischen Spiele in München 1972.

Otto Piene, Untitled (text and bleed-through of previous page, left page); Untitled (designs for wind socks, right page), 1976. Harvard Art Museums/Busch-Reisinger Museum, Schenkung von Elizabeth Goldring Piene. © 2024 ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate. Foto: © President and Fellows of Harvard College, 2019.11.13
Im oberen Stockwerk der Basler Schau gesellt sich noch ein „Air Aquarium“ mit aufblasbaren Unterwasserwesen hinzu, während die „Fleurs du Mal“ das Untergeschoss mit nachtschwarzen Blumen und getaktetem Stroboskoplicht in gespenstisches Licht tauchen. „Pienes Werke begeistern noch immer. Sie haben auch nichts an Aktualität verloren,“ ist Sandra Reimann überzeugt. „Seine Black Stacks Helium Scultpure, die mit roten heliumgefüllte Polyethylen-Schläuche Fabriksschlote akzentuiert und auf die Umweltverschmutzung aufmerksam macht, könnte auch aus der Gegenwart stammen!“
Ich träume von einer besseren Welt. Sollte ich von einer schlechteren träumen?
Und wovon träumen Sie?

Otto Piene, Lichtraum mit Mönchengladbachwand, 1963–2013 Karton, Holz, Metall, Motor, Licht Masse variabel Otto Piene Estate, courtesy Sprüth Magers © 2024 ProLitteris, Zürich: Otto Piene Estate Foto: courtesy Sprüth Magers © Timo Ohler
Museum Tinguely
Paul Sacher-Anlage 1, 4002 Basel
Schweiz
Otto Piene
Wege zum Paradies
7. Februar – 12. Mai 2024
Die Ausstellung wurde von Sandra Beate Reimann und Lauren Elizabeth Hanson kuratiert.









