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Georg Thanner | The Ballad of Dorothy Parker

Ausstellungsansicht "The Ballad of Dorothy Parker", Georg Thanner, house of spouse Vienna, Courtesy the Artist and house of spouse. Foto: Flavio Palasciano

Noch bis zum 16. Mai können im house of spouse in Wien Georg Thanners neusten Werke betrachtet werden. 


The Ballad of Dorothy Parker

Ein Regionalligist mit Wurstfingern und zweifelhafter Scheitelfrisur legt liebevoll die Pranke auf seiner Partnerin ab, die, wie zum Brustschwimmen ansetzend die Handflächen vor sich zusammenführend, mit leerem Blick auf aus dem Bild fliehende Weidenkätzchen guckt— ein schlaksiger Typ Anfang dreißig mit randloser Brille, Georg Thanner, folgt dem Spotzen der Bialetti an den Herd, nimmt das Kännchen von der heißen Platte und schenkt sich eine Tasse Kaffee ein.
Mit etwas zu kurz geschnittenen Fingernägeln wird nach einem Papierbündel gegriffen, vom speckigen Bogen ein kräftiger Käse entblößt, davon beherzt abgenommen und auf rustikalem Brot platziert, das Ganze mit einem Gürkchen bedeckt. Was gibt es im Leben Schöneres, denkt er, als einen alten Käse wie diesen, für den man im Zweifel auch mal tiefer in die Tasche langen müsse, wobei, was manche Händler betrieben, nur als Wucher bezeichnet werden könne.

Ausstellungsansicht "The Ballad of Dorothy Parker", Georg Thanner, house of spouse Vienna, Courtesy the Artist and house of spouse. Foto: Flavio Palasciano

Ausstellungsansicht "The Ballad of Dorothy Parker", Georg Thanner, house of spouse Vienna, Courtesy the Artist and house of spouse. Foto: Flavio Palasciano

Gleich darauf muss er wegen einer Dringlichkeit den Flachspüler konsultieren, wendet sich daraufhin wieder der Zeitung zu, in der es heißt „Oma frisst Rollo“, Betreffende zitiert wird mit den Worten „das konnte auch nur mir passieren“. Eine bebilderte Doppelseite beschreibt die Trauer eines Orang-Utan-Weibchens um sein neugeborenes und kurz darauf verstorbenes Affenkind, dessen leblosen Körper es noch über Stunden an die rotbraune Brust gepresst gehalten haben soll. Der Mann wird etwas nervös, denkt kurz darüber nach, ob es einen Grund dafür gibt, nein, keinen konkreten, oder jedenfalls nichts neues, das man nicht schonmal durchgekaut hätte, und die Gedanken verfliegen wieder.

„Hallo?“ die Stirn runzelnd, wer mochte ihn zu dieser frühen Stunde stören, schlurft er zur Tür. Eine abgehalftert aussehende junge Frau steht im Türrahmen, eingetrocknete Lebensmittelreste in den hochgezogenen Mundwinkeln. „Kennst du den Song ‚The Ballad of Dorothy Parker‘ von Prince?“, begrüßt er sie. „Darin geht es gar nicht um die Dorothy Parker, angeblich hat er sich den Namen einfach ausgedacht, ohne jemals von der Schriftstellerin gehört zu haben. Auf die Frage seiner Freundin (im Sinne von Knutschi) und Mitarbeiterin Susannah Melvoin, die bei dem Song auch die zweite Stimme singt,, seit wann er denn Dorothy Parker lese, soll Prince zuerst völlig verständnislos reagiert haben“. Er steht auf, dreht sich halb um die eigene Achse, wobei der Stoffgürtel des sich in der Bewegung öffnenden Hausmantels den Besuch im Gesicht streift. Hastig schnappt er nach den Enden und verbindet sie vor dem Bauch.
Er setzt den Deckel wieder auf das Gurkenglas, faltet das Papier um den Käse und verstaut beides im summenden Kühlschrank, betätigt mit dem Fuß das Pedal des Abfalleimers und schüttelt den Teller darüber aus. Er hält am Waschbecken inne, überlegt kurz, ob er sich die Hände waschen soll. Er besieht seine fettig glänzenden Finger, was macht das schon, denkt er, ich male ja schließlich mit Öl.

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Georg Thanner, Dorothy Parker Re-Writes the Script for “It’sA Wonderful Life”, 2024, 30x40cm, Öl auf Leinwand, Courtesy the Artist and house of spouse. Foto: Flavio Palasciano