steirischer herbst '26 unter dem Titel "Red Flags"

steirischer herbst
Verschiedene Orte, 8010 Graz
Österreich
Der steirische herbst startet heuer am 24. September unter dem Titel Red Flags. „Red Flags“ wird in Psychologie-Diskursen für problematische Beziehungen verwendet und ist längst zu einem Meme der Dating-Kultur geworden. Gleichzeitig fungiert der Begriff heute als Warnsignal für alles, was bereits geringfügige Abweichungen von einer vorgegebenen ideologischen Linie darstellt. Man neigt dazu, Vorsichtsmaßnahmen zu begrüßen und Konfrontationen lieber aus dem Weg zu gehen. Genau dieser Haltung stellt sich der steirische herbst seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, entgegen.
Dennoch sieht man überall auf der Welt – und die Steiermark ist da keine Ausnahme – viele beunruhigende Zeichen. Manche davon mögen harmlos erscheinen, wie die Einführung eines neuen Festivals für den Landespatron oder der Vorschlag für ein Haus der Volkskultur. Andere sind längst nicht mehr nur „Red Flags“, sondern Lauffeuer, die sich rasend schnell ausbreiten: Antidiskriminierungsprogramme werden gekürzt, Migrant:innen abgeschoben, die Meinungsfreiheit wird bedroht, das verstaubte Patriarchat wird hofiert und zementiert, zeitgenössische Kultur wird finanziell ausgehungert und marginalisiert und selbst die Moderne als solche wird als Irrweg infrage gestellt.
Die Ampeln des menschlichen Daseins stehen nun endgültig auf Rot.
Wer sich durch dieses Feld potenzieller und bestehender Konflikte bewegt, kann nicht umhin zu bemerken, wie alles, das auch nur ansatzweise „rot“ ist, für das politische Establishment zur „Red Flag“ wird. Selbst gemäßigt linke Politik wird in den heutigen allgegenwärtigen neoliberalen Regimen verteufelt. Mitte-Links Positionen werden als linksextrem umetikettiert, während die Mitte-Rechts-Parteien immer weiter nach rechts rücken. „Red Flags“ werden gehisst, auch wenn niemand tatsächlich eine rote Fahne schwenkt: Es genügt, von Gleichberechtigung oder Solidarität zu sprechen.
Anstatt sich an sichere und neutrale Orte zurückzuziehen, beansprucht die 59. Festivalausgabe Raum für jene Konflikte, die reaktionäre Kräfte unter den Teppich kehren wollen. Während öffentliche Solidarität zunehmend dämonisiert wird, verlagert sich das Schlachtfeld: Globale Ängste ziehen sich ins Wohnzimmer zurück und werden ins Private gedrängt. Der steirische herbst ’26 will keinen falschen Trost spenden, sondern zeigt, wie sich diese politische Toxizität in den Alltag einschreibt – in einem Europa, das seine demokratischen Grundlagen zunehmend demontiert.
Intendantin und Chefkuratorin Ekaterina Degot zum heurigen Thema:
„Die Ampeln des menschlichen Daseins stehen nun endgültig auf Rot. Wir haben Angst vor allem, was mit uns oder der Menschheit als Ganzes geschieht oder geschehen könnte – und oftmals ist diese Sorge durchaus berechtigt. Doch diese ‚Red Flags‘ lähmen auch unseren Handlungswillen. Es gab Zeiten, in denen rote Fahnen etwas anderes bedeuteten – für viele standen sie für den Wunsch nach Veränderung. Der steirische herbst navigiert heuer zwischen zahlreichen gefährlichen ‚Red Flags‘ – immer mit dem Willen, vorauszugehen und nicht zu stagnieren.“

steirischer herbst '26, Design: Grupa Ee

PARNASS 03/2026

