Jasmina Cibic, Jeremy Deller, Ian Hamilton Finlay

Jeremy Deller, Putin's Happy, 2019, Filmstill, Courtesy der Künstler

Künstlerhaus Halle für Kunst & Medien

Burgring 2, 8010 Graz
Österreich

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Öffnungszeiten:
täglich außer Montag: 10 – 18 Uhr
Donnerstag: 10 – 20 Uhr

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Artist Talk: 21. September 2019, 17 Uhr


Jasmina Cibics Videoinstallation „Das Geschenk – 1. Akt (2019)" ist das erste Kapitel ihrer neuesten poetischen Studie über die unzähligen politisch motivierten Schenkungen, die sich in der Kunst- und Architekturgeschichte Europas finden lassen – im Besonderen in Zeiten des Wiederaufbaus nach gesellschaftlichen Krisenmomenten. So hält sich übrigens auch in Graz hartnäckig das Gerücht, das Künstlerhaus sei ein „Abschiedsgeschenk“ der britischen Besatzungstruppen gewesen. Cibic wiederum geht der Frage nach, wie Kultur – getarnt als Spende – zum trojanischen Pferd werden kann. Einige besonders spektakuläre Bauschenkungen in ihrem Film werden zur Kulisse für einen allegorischen Wettstreit der personifizierten Kunstgattungen, die sich einer fiktiven gespaltenen Nation als perfektes Geschenk anbieten. Beurteilt werden ihre eifrigen Leistungen von einer Jury der vier Grundfreiheiten aus Franklin D. Roosevelts berühmter Rede, die er unmittelbar vor dem Einstieg der USA in den Zweiten Weltkrieg hielt. Diese Schiedsrichter_innen werden im Laufe des Wettbewerbs immer aggressiver, die Komplizenschaft von Kultur und Politik erweckt in ihnen den Hang zum Populismus. Am Ende ist ihr Urteil vernichtend: Besser, man trennt völlig zwischen Staat und Kultur – mit allen Konsequenzen. In ihrem Film verfolgt Cibic diesen imaginären Wettbewerb. Eine Metallskulptur versinnbildlicht darin das perfekte Geschenk, das mit folgendem Spruch, der aus den politischen Debatten um einen der Drehorte des Films hervorging, versehen ist: „Alles, was ihr begehrt, und nichts, wovor ihr Angst hättet“.

Absurder Fremdenhass, irre Sehnsucht nach Abschottung: In seiner neuen Videoarbeit „Putin’s Happy" (2019) verschafft uns Jeremy Deller Einblick in die Verbreitung von Rechtspopulismus und möglicherweise auch Faschismus in Großbritannien. Er nimmt sich den fehlgeleiteten Patriotismus vor, der zum Ergebnis des Brexit-Referendums beigetragen hat und der unter rechtsgerichteten Kontinentaleuropäer_innen – so auch in Österreich – weit verbreitet ist. Als lautstarker Gegner des britischen Austritts aus der EU war Deller auch direkt politisch aktiv, etwa mit einer „Fuck Brexit“-T-Shirt-Kampagne, die viel Aufmerksamkeit erregte. Der Künstler erforscht den faulen Zauber britischer Nationalmythen und politischer Geschichte, die die heutige Situation in seinem Land hervorgebracht haben. In diesem Film konzentriert er sich auf groteske Details und den exzentrischen Dekor der Fantasiewelt britischer Populist_innen, dessen tragikomische Wirkung auf die Realität in den täglichen Aufmärschen seiner Demonstrant_innen sichtbar wird. Eigens von Deller gestaltete Anti-Brexit-Banner leiten die Installation ein und setzen so sein unverwechselbares und jahrelanges künstlerisches Engagement in politischen Kämpfen auf einer weiteren Ebene fort.

Ian Hamilton Finlays künstlerisches Werk, hier durch eine Auswahl von Leihgaben wie Druckgrafiken, Objekten und Aphorismen (1973–2003) präsentiert, kreist um die Ambivalenz eines Klassizismus, der einerseits in engem Zusammenhang mit den demokratischen Idealen der französischen Revolution stand, andererseits als Neoklassizismus im 20. Jahrhundert als totalitäre Ästhetik angeeignet wurde. Dieser Zweischneidigkeit nimmt Finlay sich herausfordernd an. Aus Fragmenten klassizistischer Kunst werden Bilderwitze, kommentiert mit Gedichtzeilen, Inschriften und Anagrammen, die die Geschichte der Revolution und ihre Instrumentalisierung der antiken Kunst und Architektur reflektieren. Finlay erkennt im Klassizismus nicht nur Spuren der Militarisierung, sondern umgekehrt auch klassizistische Elemente in ästhetisch ansprechenden Maschinen samt Tarnmustern, wie sie in heutigen Kriegen verwendet werden. Finlay reiste selten und verbrachte den größten Teil seines Lebens damit, an einer Garteninstallation in Schottland zu arbeiten, der er den sarkastischen Titel „Little Sparta" gegeben hat – im Bemühen um einen größtmöglichen Gegensatz zum schottischen Edinburgh, das sich wegen seiner Lage am Meer und seiner Dichte an klassizistischen Bauten gern „Athen des Nordens“ nennt. Hier verwirklichte er viele der in seinen Drucken gezeigten, poetischen Thesen und spickte seinen weitläufigen Garten mit Steintafeln auf Bäumen, klassischen Fragmenten, „Flugzeugträger-Vogelhäusern“ und „Bienenstock-Schlachtschiffen“. Nach außen konservativ und nach innen radikal-trotzig, kommentiert seine Arbeit im Kontext ihrer Präsentation im Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien, auch das Gerücht, das Gebäude sei ein Geschenk der britischen Besatzungstruppen gewesen.

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