Zwischen Dolomiten und Klimawandel: Die Biennale Gherdëina feiert ihr zehnjähriges Jubiläum

Die Natur entzieht sich ständig unseren Plänen. Gerade in St. Ulrich, dem Hauptort des Grödnertals in Südtirol, spürt man dies oft mehrmals täglich. Noch kurz vor der Eröffnung fiel Schnee auf die Tannenwälder und historischen Holzhäuser. Zur Eröffnung der zehnten Biennale Gherdëina dann sticht die Sonne beinah unnatürlich warm. „An einem Tag kann man hier vier verschiedene Arten von Klima und Wetter erleben", erzählt Samuel Leuenberger, Kurator der diesjährigen Kunstschau in den Dolomiten. „Es hat fast die Qualität einer Insel, wo sich das Wetter heftig wechselnd durchzieht."
Der Natur ausgesetzt sein, das ängstigt den Menschen, und so versucht er sie zu kontrollieren, meist erfolglos. Die Jubiläums-Biennale bietet einen Gegenvorschlag.
Die Natur tut uns an, was wir ihr antun. Es geht in beide Richtungen.
„(Future) Paradise Gardens" ist der Titel der aktuellen Ausgabe, die den Garten in all seinen Bedeutungen und Versionen untersucht. In der Gemeinde Gröden und dem satten Grün, das die kleinen Dörfer umgibt, drängt sich der Gedanke auf: Der schönste Garten liegt hier direkt vor der Haustür. Und doch gehört zu einem Garten meist auch ein eingezäuntes „sich zu eigen machen". Leuenberger hingegen vergleicht den Garten mit dem Atelier der Künstler:in: beides sind Orte, an denen etwas Neues durch stete Pflege und Muße wachsen kann.
Für die Biennale hat er 24 Werke von 28 Künstler:innen zusammengetragen und präsentiert sie in St. Ulrich sowie den nahe gelegenen Maso Pilat und Santa Christina. Integriert in die Landschaft, diskutieren die Arbeiten eine alternative Koexistenz, in der Widersprüche nebeneinander bestehen können. „Es geht um die Offenheit, über Ökologie im Allgemeinen nachzudenken: Die Natur tut uns an, was wir ihr antun. Es geht in beide Richtungen. Und dasselbe gilt für uns Menschen", so Leuenberger.

Walter Niedermayr & Marina Ballo Charmet, CASANZA, 2022. Thanks to Union di Ladinsde Gherdëina, Museum Gherdëina, Südtirol Böden. Credits: Tiberio Sorvillo.
Hoch oben, zwischen den Dächern der alpinen Traumhotels, hängt mit „Sirocco" (2026) eine zwei Meter hohe Holzfigur der Schweizer Künstlerin Sandra Knecht. Zieht man an einer Schnur, erheben sich ihre Arme, eine geschnitzte Holzmaske gibt ihr Gesicht frei. „In den Alpen wurden kundige Frauen früher oft als Hexen verbrannt, dadurch ging eine Menge an Wissen, gerade zu Frauen-Themen, verloren. Diese Masken durften sie nie tragen. Ich setze ihnen hier ein Denkmal, als ihre Urenkelin", erklärt Knecht. Unbehaglich erinnert das Werk an etwas, das inmitten des Idylls gern in Vergessenheit gerät. Den Gassen St. Ulrichs folgend, entdeckt man bald in einem von Infrarotlicht beschienenen Raum eine Art Gewächshaus: „Der Letzte Acker" (2026) der Boznerin Gabriela Oberkofler. Pflanzen, die von ehemaligen Ackerflächen stammen, stellt sie in Glasbehältern aus, kultiviert sie künstlich. So prangert Oberkofler den Wandel von der Landwirtschaft hin zum Tourismus an, der die Region stark beschäftigt.
Ein Highlight ist sicher das seit 1998 verlassene „Hotel Ladinia", das die in Algerien geborene Künstlerin Lydia Ourahmane für die Biennale wieder zum Leben erweckt hat. Durch den Austausch mit Einheimischen rekonstruierte sie seine einstige Bedeutung für den Ort: Die Besucher:innen sind dazu eingeladen, ihre eigenen Getränke mitzubringen, sich an den maßgefertigten Tischen zu versammeln, Schach zu spielen und Geschichten zu erzählen. Das soziale Miteinander als Kunstwerk. „Kunst ist im Allgemeinen der beste Weg, unsere Perspektive zu öffnen oder herauszufordern", sagt Leuenberger. Hier soll es auch konkret im Gespräch passieren. An den Wänden des reaktivierten Treffpunkts zeigt die in Chengdu geborene, in Rotterdam lebende Künstlerin Evelyn Taocheng Wang vier neue Gemälde ihrer Serie „Princess and the Frog" (2025–2026), die sich mit der Froschprinzessin als Hauptcharakter dem fluiden Status der Zugehörigkeit widmet.

Sandra Knecht, Sirocco, 2026. Commissioned by Biennale Gherdëina 10. With the support of the Swiss Arts Council Pro Helvetia and Kulturförderung Baselland. Thanks to Chemun de Urtijëi, Atelier 3DW, Hubert Ploner, Telfholz, F.lli Ciechi. Credits: Tiberio Sorvillo
Kunst ist im Allgemeinen der beste Weg, unsere Perspektive zu öffnen oder herauszufordern.
Auch die Erkundung der dramatischen Gebirgskulisse gehört zum Exkurs der Biennale Gherdëina. Und so betritt man den paradiesischen Gemeinschaftsgarten des Grödnertals und besteigt in vierzig Minuten das Maso Pilat. Auf den saftigen Blumenwiesen aber wartet mit „Degrees of Elevation" (2026) eine visualisierte Konfrontation mit dem Klimawandel. Das Künstlerpaar Bas Smets und Eliane Le Roux zog mit 300 Schneemessern horizontale Linien ins Gras, jeweils in Abständen von 15 Höhenmetern. Sie markieren, wie sich die Gefriergrenze durch die Erderwärmung immer weiter nach oben verschiebt.
Je schöner die Umgebung, desto stärker der Kontrast zu den politischen und provokanten Arbeiten. Sie erinnern, dass ein nachhaltiger Zustand erst noch gefunden werden muss. Wie also kann der Paradiesgarten der Zukunft aussehen? „Wir müssen mehr über einen offenen Garten nachdenken, um zu verstehen, wie man auf angenehmere Weise in einer gemeinschaftlichen Umgebung lebt", erklärt Samuel Leuenberger. Sich behutsam in ein Ökosystem einzufügen und Ressourcen auf philosophischer Ebene effizienter zu teilen – das sei ein Anfang. Ein Garten ohne Zäune das Ziel.

Bas Smets + Eliane Le Roux, Degrees of Elevation, 2026. Commissioned by Biennale Gherdëina 10. With the support of Nuovi Mecenati - Fondazione franco-italiana di sostegno allacreazione contemporanea. Credits: Tiberio Sorvillo
Biennale Gherdëina 10
(Future) Paradise Gardens
31.05. – 13.09.2026
Val Gardena, Dolomiten

Augustas Serapinas, Barn from Saltria, 2026. Commissioned by Biennale Gherdëina 10. With the support of Lithuanian Culture Institute and the Embassy of Lithuania in Italy. Thanks to Chemun de Urtijëi, Monica and Hugo Moroder, Walter Wanker, Albert Lagede. Credits: Tiberio Sorvillo





