Zehn Jahre Ankäufe müssen sich beweisen

Zum Begrüßungskomitee zählen überdimensionierte Ausstellungswände von Heimo Zobernig, ein herausragender Wandbehang aus Wolle von Caroline Achaintre, Toni Schmales kraftstrotzender Streitwagen „gefährt*innen“ und ein Biedermeier-Doppelporträt in opulenter Rahmung von Franz Eybl. Ein ungewöhnlicher Mix, der unterhält und zum Flanieren durch die umfassenden Neubestände des Belvedere einlädt, die aktuell im Belvedere21 zur Schau gestellt werden.
Den Titel der Ausstellung entlehnt der für das Display verantwortlich zeichnende Heimo Zobernig dem Theater und hat passendes Material gleich mitgebracht: Die Ausstellungswände bestehen aus gebrauchten Kulissenelementen aus dem Fundus des Wiener Volkstheaters. Die „Stellprobe“ bezeichnet jenen Moment, in dem alle Elemente erstmals zur provisorischen Inszenierung im räumlichen Gefüge der Bühne erprobt werden. Mehr als 150 Werke feiern nun ihr Ausstellungsdebüt in einem Setting, das vor allem durch noble Zurückhaltung und gekonnt gesetzte Winkel und Fluchten punktet.
Was man in einem Jahrzehnt zusammentragen kann, wenn man konsequent eine klare Haltung verfolgt, macht diese Ausstellung eindrücklich sichtbar. Stella Rollig hat versucht, die Sammlung um Werke der Feministischen Avantgarde aufzustocken – das wird in der Schau eminent. Ebenso der scharfe Blick auf das aktuelle österreichische Kunstschaffen. Einen bewussten Schwerpunkt setzte Rollig auch auf Künstler:innen, die migrantische Erfahrungen thematisieren, um bislang in der Belvedere-Sammlung unterrepräsentierte Positionen zu stärken. Während sämtliche Entscheidungen einer Direktion rasch wieder verschwinden können – der bürokratische Duktus, personelle Setzungen, der institutionelle Spirit –, „sind die Zugänge in die Sammlung das Einzige, das nicht verändert werden kann“, so Rollig über die Nachhaltigkeit ihrer Direktion. Sie fühle eine Verantwortung der Öffentlichkeit gegenüber, mit der Ausstellung auch einen „Rechenschaftsbericht“ vorzulegen über das, was sie in einer Dekade Sammlungsverantwortung gemeinsam mit ihrem Team in die Belvedere-Sammlung eingeschrieben hat.

Ausstellungsansicht "STELLPROBE. Sammlungszugänge der letzten Dekade in einem Display von Heimo Zobernig", Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Rund 2.500 Werke haben es in dieser Zeit durch Ankäufe und Schenkungen in die Sammlung geschafft. Mit Ausnahme der Coronajahre, in denen das stark vom Tourismus abhängige Belvedere zurückstecken musste, stand jährlich ein Budget von einer Million Euro zur Verfügung. Was mit dieser Summe zu bekommen ist, habe sich aber drastisch geändert, betont Rollig. „Lange konnte man um 25.000 Euro museale Werke kaufen, jetzt geht das erst ab 50.000 Euro, die Preise haben sich also verdoppelt“, so die mit Jahresende scheidende Direktorin (unseren Bericht zur neuen Generaldirektorin Nina Zimmer lesen sie hier). Der letzte Ankauf, der in der Ausstellung zu sehen ist, kommt von keiner geringeren Adresse als der Art Basel 2026: Sandra Mujinga, in Wien schon lange durch Croy Nielsen vertreten und international schwer gefragt, hatte kürzlich eine Solopräsentation im Belvedere 21.
Während sämtliche Entscheidungen einer Direktion rasch wieder verschwinden können [...] „sind die Zugänge in die Sammlung das Einzige, das nicht verändert werden kann“, so Rollig über die Nachhaltigkeit ihrer Direktion.
So ist ein Gang durch die Ausstellung ein Wiedersehen mit vielen Bekannten der letzten Ausstellungsjahre – ein authentisches Bild einer klar definierten Kunsthaltung. Gesammelt wurde in erster Linie aus der Gegenwart heraus, aber auch historische Schwerpunkte wurden weiter ausgebaut, wie das Biedermeier. Kuratiert haben Rollig und Sammlungsleiterin Luisa Ziaja, assistiert von Johanna Hofer und Katarina Lozo – und auch Heimo Zobernig hat wohl seinen Teil dazu beigetragen, dass es gelingt, die Vielfalt der unterschiedlichen Werke zu rhythmisieren und einen informativen Gesamteindruck zu komponieren. Stellenweise bildet die Ausstellung ab, was man sich von einer Dauerpräsentation in einem Wiener Museum wünschen würde.
Am Horizont steht bereits der Direktorinnenwechsel: Nina Zimmer wird bald die Leitung des Belvedere übernehmen. Rolligs Finale folgt ab November mit „Feminist Futures Forever“. Die „Stellprobe“ ist ein Resümee über zehn bewegte Jahre und ein lustvoller Blick durch die Gegenwartskunst mit historischen Gästen. Wer aktuell „Lebt und arbeitet in Wien“ in der Kunsthalle Wien plus „Stellprobe“ im Belvedere 21 besucht, bekommt einen fantastischen Überblick über die Kunstlandschaft von Wien, Österreich – und ein bisschen darüber hinaus.
"Stellprobe"
Sammlungszugänge der letzten Dekade
in einem Display von Heimo Zobernig
bis 04.10.2026
Belvedere 21

Margot Pilz, O. T. (Hände), 1978/2019, Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien © Bildrecht, Wien 2026






