Ein Bericht von Hannes Egger

Wie die italienische Kunstszene auf Corona reagiert

Hannes Egger | Foto: Elisa Nicoli

Weitaus dramatischer als in Österreich entwickelt sich in Italien und insbesondere in Südtirol die Corona Epidemie. Künstler Hannes Egger beschreibt eindringlich die aktuelle Situation in Meran.


Das öffentliche Leben steht in ganz Italien seit mehr als einer Woche still, in den sogenannten „roten Zonen“ in der Lombardei, Veneto und Emilia-Romagna ist dies bereits seit längerem der Fall. Die verfügte Ausgangssperre wird von einem Großteil der Bevölkerung eingehalten, die meisten sitzen mit ihren Familien zu Hause. Es wird viel im Internet gesurft, gekocht, zusammen gegessen, gespielt, aufgeräumt, telefoniert und Fern gesehen. Streaming-Anbieten haben teilweise auch ganz neue Filme freigegeben und eine bekannte Porno-Webseite hat viel Aufmerksamkeit und Zuspruch erhalten, wie sie vor ein paar Tagen ihren gratis Dienst maßgeblich erweitert hat.

Cover: Jan van Eyck, Verkündigung des Herrn, ca. 1434-1436 (Detail), Öl auf Holz auf Leinwand übertragen, 92,7 x 36,7 cm | Andrew W. Mellon Collection, National Gallery of Art Washington, D.C.

Die Galerien und Museen sind bereits seit längerem geschlossen und vielfach wurden Ausstellungen verschoben oder auch abgesagt. Kürzlich habe ich mit einem Musiker gesprochen, dessen Uraufführung nicht stattfindet, er beklagt bereits jetzt einen Schaden von 7.000 €. Dies ist keineswegs ein Einzelfall. Auch die bildenden Künstlerinnen und Künstler klagen bereits, manche rechnen mit Ausfällen von 30 %. Ob es eine Art Entschädigung geben wird, wie sie etwa in Deutschland gerade gefordert wird, bezweifle ich stark. Ich gehe davon aus, dass der italienische Staatshaushalt über längere Zeit stark belastet wird. Viele öffentliche subventionierte Institutionen machen sich deswegen bereits Sorgen um die Zuwendungen in diesem Jahr und sind nicht nur aufgrund des Virus und des Gesundheitsnotstandes beunruhigt. Dementsprechend vorsichtig gehen sie bei der Planung für die nach „Corona-Zeit“ vor. Treffen werden die Einsparungen sicherlich vor allem die freiberuflich tätigen Künstlerinnen und Künstler.

Die sehr spezielle und zum Teil absurde Situation ist aber auch eine Chance. Auffallend ist, wie einige der großen Museen neue Wege in der Zugänglichkeit gehen und sich stark im Internet engagieren. Das vielleicht auffallendste Beispiel sind die Uffizien in Florenz, die unter dem Titel Uffizi Decameron und mit Anlehnung an den von Giovanni Boccaccio während der Pestepidemie im 14. Jahrhundert verfassen Novellen, digital Geschichten aus den Ausstellungsräumen erzählen. Ähnliches machen auch zeitgenössische Museen, das PAC in Mailand etwas bietet Online-Workshops an und auch das Bozner Museion ist mehr als aktiv und hat unter anderem die digitale Schreibwerkstatt „Museion Ink“ eingerichtet, die jedem offen steht, auch ohne das Haus zu verlassen. Die Texteinsendungen werden auf den Social-Media-Kanälen des Museums veröffentlicht.

Hannes Egger | Foto: Elisa Nicoli

Hannes Egger | Foto: Elisa Nicoli

Aus künstlerischer Sicht sind bisher einige Projekte präsentiert worden, besonders die Musikszene tut sich mit Balkon- und Instagram-Konzerten hervor, aber auch mit Live-Streaming aus leeren Opernhäusern. Kürzlich veröffentlicht wurde das sympathische The Colouring Book. Rossella Farinotti und Gianmaria Biancuzzi haben 131 Künstlerinnen und Künstler, darunter auch Maurzio Cattelan, eingeladen Zeichnungen zu erstellen, die auf der Webseite von Milano Art Guide gratis heruntergeladen, auf DinA4 Blättern gedruckt und anschließend ausgemalt werden können. Einen anderen Weg hat der Streetart-Künstler Rebor in Turin eingeschlagen. Er hält sich an das Ausgehverbot und hat in seinem Garten eine Installation aus einem rosaroten Notfall-Zelt aufgeschlagen, das er als heimatlichen Arbeitsort benutzt. Wie der Gesundheitsnotstand vorüber ist, möchte er solche Zelte in ganz Turin aufstellen.

Hannes Egger

Hannes Egger hat eine Audio-Performance für die Küche entwickelt, die von Allen an zu Hause durchgeführt werden kann. Ausgangspunkt für „Kitchen Performance or The Order of Things“ war Martha Roslers Performance „Semiotic of the Kitchen“ von 1975. Es reicht die Audiodatei in der Küche abzuspielen und den Anweisungen zu folgen: https://hannesegger.com/2020/03/14/kitchen-performance-or-the-order-of-things

Die sehr spezielle und zum Teil absurde Situation ist aber auch eine Chance.

Hannes Egger, Künstler

Die Kommunikation zwischen den Menschen, so auch unter den Künstlerinnen und Künstlern, erfolgt zum Großteil digital, via Mail, Chat, Telefon, Videokonferenz, sogar Kaffe und Bier wird über Videokonferenzen getrunken. Die Stimmung ist bisher – sofern nicht Verwandte und Bekannte vom Coronavirus infiziert sind, oder große finanzielle Probleme sich anbahnen – nicht schlecht. Viele Kulturschaffende erkennen eine große Chance, zum Nachdenken, sich neu zu erfinden, digital ein anderes Leben zu entdecken usw., andere klagen natürlich auch über „Hüttenkoller“ und darüber, dass ihnen die Materialien zur Ausübung ihrer Kunst ausgehen und diese nicht zu beschaffen sind, da alle Geschäfte geschlossen sind und es bereits fast unmoralisch scheint im Internet zu bestellen und Spediteure der Ansteckungsgefahr auszusetzen.

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